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Sicherheit auch bei Totalausfall

Rauchfreihaltung von Sicherheitstreppenräumen mit Differenzdruckanlagen: redundante Komponenten oder SIL-zertifizierte Bauteile?

Sicheres Entkommen im Brandfall – für innen liegende Treppenräume in Hochhäusern mit einer maßgebenden Höhe bis 60 m schreibt die Muster-Hochhaus-Richtlinie die Funktionssicherung der Rauchdruckanlage durch Redundanz vor.

Überdruck im Sicherheitstreppenraum und den Vorräumen von Feuerwehraufzügen hält Rauch aus einer Brandetage zurück. Der Überdruck darf maximal 50 Pa betragen.

Die Investitionskosten von Differenzdruckanlagen lassen sich risikolos reduzieren, wenn die Redundanz auf Anlagenteile beschränkt wird, für die sich beim Ausfall kein sicherer Betriebszustand definieren lässt.

Sensoren messen die Druckverhältnisse im Sicherheitstreppenraum, damit das gerade benötigte Luftvolumen exakt zugeführt wird. Hier ist die redundante Ausführung unverzichtbar.

Drehzahlgesteuerte Ventilatoren stellen situationsabhängig zu den Türöffnungen im Sicherheitstreppenraum den benötigten Überdruck her. Die redundante Ausführung ist zwingend, denn der Ausfall eines einzigen Ventilators würde zum Totalversagen der Anlage führen.

 

Differenzdruckanlagen halten Flucht- und Rettungswege in Sicherheitstreppenhäusern rauchfrei. Von deren verlässlicher Funktion hängen Menschenleben ab. Daher schreibt die Muster-Hochhaus-Richtlinie eine redundante Anlagentechnik vor. Als Alternative dazu werden immer häufiger Steuerungskomponenten angeboten, für die eine Ausfallwahrscheinlichkeit nach DIN EN 62061 und dem Sicherheitsintegritätslevel (SIL) ermittelt wurde. Lässt sich damit aber die geforderte redundante Ausführung einer Differenzdruckanlage umgehen, um Kosten zu sparen? Die Antwort ist aus technischer und rechtlicher Sicht ein klares Nein. Aber es gibt durchaus Alternativen, um kompromisslose Sicherheit und Wirtschaftlichkeit in Übereinstimmung zu bringen.

Um elektronische Steuer- und Regelkreise gegen Funktionsausfall abzusichern, sind wesentliche Qualitätsrichtlinien entwickelt worden. In Europa gilt die DIN EN 61508 als Stand der Technik. Ziel der Norm ist in erster Linie, den Ausfall sicherheitsrelevanter Bauteile zu vermeiden. Da ein Restrisiko jedoch nie auszuschließen ist, wird außerdem die Ausfallwahrscheinlichkeit von Bauteilen eingeschätzt und ihre Folgen für die Funktion des Gesamtsystems bewertet. Sollte beispielsweise ein sicherheitsrelevanter Sensor ausfallen, wird als Reaktion darauf ein sicherer Anlagenzustand definiert, in den das System wechseln muss, damit keine Gefahr für Leib und Leben, die Umwelt und nachrangig auch für Sachwerte entsteht. Lässt sich dieses Prinzip auch auf Differenzdruckanlagen anwenden, die im Brandfall Flucht- und Rettungswege in einem Gebäude rauchfrei halten?

Dynamisches System gegen statischen Funktionserhalt
Ob SIL-zertifizierte Produkte redundante Anlagentechnik ersetzen können, ist aus technischer und normativer Sicht zu klären. Für die technische Beurteilung ist es wichtig, die Funktion einer Differenzdruckanlage – oft auch Überdruck- oder Rauchdruckanlage genannt – kurz zu untersuchen.
Detektiert eine Brandmeldeanlage ein Feuer, werden die entsprechenden Brandschutzklappen angesteuert, um den Gefahrenbereich abzuschotten; ein Alarm wird ausgelöst. Gleichzeitig erzeugt die Differenzdruckanlage im Sicherheitstreppenraum einen Überdruck, damit aus dem Brandraum kein Rauch ins Treppenhaus strömt, wenn flüchtende Personen die Türen öffnen. Dazu führen Ventilatoren dem Treppenhaus von außen Luft zu. So bleibt der Weg über alle Stockwerke hinweg passierbar – sowohl für die Evakuierung als auch den Feuerwehrangriff.
Damit die Personen die Fluchttüren gegen den Überdruck im Treppenraum leicht öffnen können, darf allerdings die Druckdifferenz maximal 50 Pa betragen, beziehungsweise es dürfen auf der Tür maximal 100 N lasten. So schreiben es sowohl die DIN EN 12101-6 als auch die Muster-Hochhaus-Richtlinie vor. Definiert werden hier außerdem Strömungsgeschwindigkeiten: Die Luft muss an einer geöffneten Fluchttür aus dem Sicherheitstreppenraum in Richtung Brandraum mit mindestens 0,75 m/s strömen (bzw. mit 2,0 m/s, wenn im weiteren Brandverlauf der Rauchdruck steigt).
Diese Vorgaben hat die Differenzdruckanlage trotz sich ständig verändernder Druckverhältnisse im Treppenraum zu erfüllen. Denn je nachdem, wie viele Etagen- sowie Eingangstüren geöffnet werden und wie groß der jeweilige Öffnungswinkel ist, entweicht mehr oder weniger Luft aus dem Treppenraum in die Etagen. Also muss das zugeführte Luftvolumen dynamisch angepasst werden. Die DIN EN 12101-6 gibt eine maximale Reaktionszeit von drei Sekunden vor, um 90 % der Sollluftmenge wiederherzustellen.
Bei elektronisch gesteuerten Differenzdruckanlagen sitzt hierzu ein Drucksensor im Sicherheitstreppenraum. Entsprechend des Messwertes wird ein Ventilator mit EC-Motor oder AC-Motor mit Frequenzumformer drehzahlgeregelt, um situationsabhängig das jeweils benötigte Luftvolumen in den Sicherheitstreppenraum zu fördern.
Würde in einem Brandfall der Drucksensor, der Ventilator oder die Steuerung ausfallen, bedeutet das ein Totalversagen des Sicherungssystems. Aus diesem Grund schreibt die MHHR vor: „Ist nur ein innen liegender Sicherheitstreppenraum vorhanden, müssen bei Ausfall der für die Aufrechterhaltung des Überdrucks erforderlichen Geräte betriebsbereite Ersatzgeräte deren Funktion übernehmen“. Somit verlangt das Baurecht der Bundesländer die redundante Ausführung einer Differenzdruckanlage.
An der zuvor beschriebenen Funktionsanalyse wird deutlich, warum SIL-zertifizierte Bauteile oder Steuerungen die Verpflichtung einer redundanten Ausführung nicht aufheben können: Bei einer Differenzdruckanlage lässt sich kein sicherer Anlagenzustand definieren, in den das System beim Ausfall von Komponenten wechseln kann. Es muss gewährleistet sein, dass stets das passende Luftvolumen gefördert wird. Ein statischer Funktionserhalt einer Differenzdruckanlage nach dem SIL-Prinzip ist nicht möglich. Daher ist eine Bauteilzertifizierung nach SIL de facto wertlos.

Redundant ja, aber …
Die vom Gesetzgeber geforderte Redundanz einer Überdruckanlage lässt sich dennoch wirtschaftlich optimieren, zum Beispiel, indem nur die Komponenten der dynamisch arbeitenden Differenzdruckanlage zweifach installiert werden. Funktionen des technischen Brandschutzes, für die ein sicherer Anlagenzustand bei einem Bauteilausfall zu definieren ist, können einfach ausgeführt werden.
Das lässt sich realisieren, indem beispielsweise der Steuerschrank einer Überdruckanlage nur die statischen Funktionen abdeckt. Dazu zählt unter anderem die Ansteuerung von Brandschutzklappen, die der Abschottung dienen. Im Brandfall gibt es hier nur einen sicheren Zustand: Die Klappe muss geschlossen sein. Kommt hierzu kein Signal vom Steuerschrank, weil dieser ausgefallen ist, lässt sich die Schutzfunktion direkt an der Klappe sicherstellen. Werden also die für den Funktionserhalt maßgeblichen logischen und technischen Bauteile (Regel- und Antriebseinheit plus Sensorik) von den statischen Funktionsbauteilen (Schaltschrank) separiert, lässt sich die redundante Ausführung auf genau die Bauteile beschränken, die bei einem Ausfall die sichere Funktion der Anlage verhindern würden.
Bei einer solchen Anlagenkonzeption ist zum Beispiel keine Doppelung der Schaltschränke erforderlich. Und da allein der Schaltschrank einer Differenzdruckanlage bis zu 40 % der Kosten ausmachen kann, ergibt sich daraus ein großes Einsparungspotenzial.

Technisch und rechtlich sichere Lösung
Ein Lösungskonzept, das der Hersteller Systemair verfolgt, liegt in der redundanten Ausführung der Sensorik im Sicherheitstreppenraum und der Ventilatoren einschließlich der dazugehörigen Regel- und Antriebseinheiten. Diese Sensoren und Aktoren bilden über funktionserhaltende Leitungen einen eigenständigen MSR-Kreis. Selbst wenn Bauteile oder sogar der gesamte Schaltschrank ausfallen sollten, bliebe die Funktion der Differenzdruckanlage erhalten.
Die Beschränkung der Redundanz auf Anlagenteile, für die ein Versagen ausgeschlossen sein muss, entspricht den Vorgaben des Gesetzgebers gemäß den Hochhaus-Richtlinien der Bundesländer. Gleichzeitig lassen sich dadurch unter sicherheitstechnischen und rechtlichen Gesichtspunkten machbare Einsparungspotenziale ausschöpfen.

Autor: Dip.-Ing. (FH) Reiner Kelch, System- und Applikationsmanager für Differenzdrucksysteme bei Systemair

Bilder: Systemair

www.systemair.de

 

Belastungstest geregelter Ventilatoren bestanden
Systemair setzt für elektronisch gesteuerte Differenzdruckanlagen Ventilatoren mit EC-Motoren ein, bei höheren Förderleistungen AC-Motoren mit Frequenzumformer. Die Regelung ist dabei baulicher Teil des Antriebs. Bis dato galt unter Fachleuten die Vermutung, dass geregelte Motoren im Brandfall erheblich früher ausfallen als ungeregelte Motoren. Die Vermutung stützte sich auf den zusätzlichen Wärmeeintrag, den die Regelung in den Motor einbringt.
Bei der obligatorischen Prüfung von Brandgasventilatoren nach CEN/TC 191 stellte Systemair diese Theorie auf den Prüfstand. Nachdem der Ventilator vom Typ „AXR 710-10“ im ungeregelten Betrieb die F400-Prüfung erfolgreich bestanden hatte (120 Minuten Funktionserhalt bei 400 °C Umgebungstemperatur), wurde im direkten Anschluss der Ventilator drehzahlgeregelt weiterbetrieben. Als nach weiteren 70 Minuten nach wie vor keine Funktionsstörungen auftraten, wurde der Test beendet. Damit hat Systemair den Nachweis erbracht, dass durch das Design seiner Brandgas-Ventilatoren geregelte Motoren ebenso zuverlässig sind wie ungeregelte.

 

 

 


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