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Ingenieurmangel in Behörden spitzt sich zu

BWI Bau: Zahl der TGA-Spezialisten in der öffentlichen Verwaltung sollte sich bis 2028 mehr als verdoppeln

Dr. Enno Paulsen, im BWI-Bau zuständig für das Ressort Branchenanalyse / Baumarkt­ökonomie. Bild: BWI-Bau

In einer Klassifikation hat die Bundesagentur für Arbeit die Berufsfelder „Gebäude- und versorgungstechnische Berufe“ zusammengefasst. Quelle: Bundesagentur für Arbeit

Erwerbstätige in der Kategorie „Gebäude- und versorgungstechnische Berufe“, aufgeteilt nach Berufsgruppen. Bild: Statistisches Bundesamt

Erwerbstätige in der öffentlichen Verwaltung in der Gruppe „Gebäude- und versorgungstechnische Berufe“. Bild: Statistisches Bundesamt

 

Ingenieure der Technischen Gebäudeausrüstung (TGA) bilden das Rückgrat der Infrastrukturplanung und der Immobilienwirtschaft in Deutschland. In der öffentlichen Bauverwaltung müsste sich die Zahl der TGA-Ingenieure bis zum Jahr 2028 mehr als verdoppeln. Zu diesem Ergebnis kommt eine Untersuchung des Instituts der Bauwirtschaft (BWI-Bau). Sorge bereitet allerdings die Nachwuchsentwicklung.

Das Forschungsprojekt trägt den Titel „Entwicklung eines Konzepts zur Gewinnung von Ingenieurnachwuchs für die öffentliche Bauverwaltung, insbesondere im Bereich TGA“ und dauert noch bis zum Jahresende 2019. Die Ergebnisse des ersten Teils beruhen auf einer Bestands- und Bedarfserhebung. Dr. Enno Paulsen, im BWI-Bau zuständig für das Ressort Branchenanalyse / Baumarktökonomie, zieht ein Zwischenfazit: „Viele Kommunen haben es in den vergangenen Jahren versäumt, ihre Bauverwaltung mit ausreichend Ingenieuren und TGA-Experten auszustatten. Im Gegenteil: Parallel wurde sogar Personal abgebaut – Kapazitäten, die bereits heute fehlen.“ Da damit gerechnet werden müsse, dass in den nächsten zehn Jahren „mindestens ein Viertel“ der derzeit aktiven TGA-Ingenieure in den Ruhestand gehe, werde Ersatz benötigt, um alle anstehenden Bauaufträge bewältigen zu können. Das Institut der Bauwirtschaft kommt zu dem Schluss, dass die öffentliche Bauverwaltung insgesamt 13 800 TGA-Fachkräfte benötigt – aktuell beschäftigt sind rund 7500.

Aktueller Bestand, zukünftiger Bedarf
Der Auftraggeber der Studie – das Bundesministerium des Innern, für Bau und Heimat – wollte zwei Fragen geklärt wissen:

  1. Wie ist der aktuelle Bestand an TGA-Ingenieuren bundesweit?
  2. Wie wird sich der Bedarf zukünftig entwickeln?


Die Beantwortung dieser Fragen war nicht ohne Weiteres möglich, da eine eigenständige Berufs- oder Berufsuntergruppe „Technische Gebäudeausrüstung (TGA)“ in Deutschland nicht erfasst wird. Um den Bestand an TGA-Ingenieuren dennoch abschätzen zu können, wurden Quellen vom Statistischen Bundesamt sowie von der Bundesagentur für Arbeit genutzt.
Das Statistische Bundesamt führte im Jahr 2015 insgesamt 891 000 Erwerbstätige in der Gruppe „Gebäude- und versorgungstechnische Berufe“ auf, in der u. a. Berufe in der Gebäudetechnik sowie in der SHK-Branche aufgelistet sind. 402 000 Angestellte entfielen demnach auf die Gebäudetechnik, 292 000 auf den SHK-Bereich sowie der Klempnerei und 197 000 auf die Versorgung und Entsorgung.
Im Zuge der Untersuchung war von Interesse, in welchen Wirtschaftsbereichen die Angestellten arbeiten. Ergebnis: An erster Stelle steht das Baugewerbe mit 287 000 Erwerbstätigen (entspricht 32 %), gefolgt von der Wohnungswirtschaft mit 189 000 Beschäftigten (21 %). Nur rund 8 % oder 75 000 Personen sind in der öffentlichen Bauverwaltung beschäftigt, die zur besseren Übersicht noch weiter unterteilt worden ist. Demnach entfallen gut zwei Drittel der Berufstätigen auf die Gebäudetechnik, ein gutes Viertel auf die Ver- und Entsorgung und alle weiteren auf die SHK-Branche und Klempnerei.

Eingrenzung auf TGA-Ingenieure
Der Mikrozensus des Statistischen Bundesamtes erfasst alle Beschäftigten – angefangen von der angelernten Kraft bis zum akademisch ausgebildeten Geschäftsführer der Gebäudewirtschaft. Wie lässt sich also der Berufsstand der TGA-Ingenieure eingrenzen? In diesem Zusammenhang half die Beschäftigungsstatistik der Bundesagentur für Arbeit. Konkret eingeteilt wurden die Beschäftigten in die Kategorien Helfer, Fachkraft, Spezialist und Experte. Bei den „Spezialisten“ werden die notwendigen Kenntnisse im Rahmen von Fort- und Weiterbildungen (Meister/Techniker) oder über einen Bachelorabschluss an der Hochschule erworben. Zur Einstufung als „Experte“ benötigt man eine mindestens vierjährige Hochschulausbildung.
Ergebnis: Im Dezember 2017 arbeiteten in der Gruppe „Gebäude- und versorgungstechnische Berufe“ 8 % der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten als „Spezialisten“ und 2 % als „Experten“. „Diese relative Größe ließ sich auf die 75 000 Beschäftigten der Gebäude- und Versorgungstechnik im öffentlichen Dienst übertragen“, teilt BWI-Bau mit. Und weiter: „Somit kann ein Bestand von kumuliert rund 7500 Beschäftigten, die als Spezialisten und Experten in der Gebäude- und Versorgungstechnik tätig sind, errechnet werden.“ Sprich: Etwa 7500 TGA-Ingenieure arbeiten in der öffentlichen Bauverwaltung – für das Bauinstitut längst „keine ausreichende Zahl“.

„Ein Kraftakt“
Und in zehn Jahren? BWI-Bau rechnet damit, dass bis 2028 viele der heutigen Ingenieure altersbedingt aus dem Job ausscheiden werden. Wie viele Ingenieure werden also zukünftig benötigt? Im Mikrozensus für 2015 werden 30 % der Erwerbstätigen als „55 Jahre und älter“ aufgeführt. „Ein Kraftakt“, sagt Dr. Enno Paulsen. „Bezogen auf die Grundgesamtheit der Gruppe steht hier bis 2028 ein altersbedingter Ersatzbedarf von ca. 261 000 Personen an.“ Würden die 30 % auf die öffentliche Bauverwaltung übertragen, müssten dort rund 22 500 der insgesamt 75 000 Stellen in den nächsten zehn Jahren aus Altersgründen ersetzt werden. „Übertragen auf die 7500 Spezialisten und Experten im Bereich der öffentlichen Gebäude- und Versorgungstechnik wären hier in den nächsten zehn Jahren etwa 1800 Personen zu ersetzen“, sagt Dr. Enno Paulsen.

BWI-Bau rechnet mit wachsenden Bauinvestitionen
Für das Institut der Bauwirtschaft steht fest: Hält das volkswirtschaftliche Wachstum nachhaltig an, steigt auch der Bedarf an Ingenieuren. „Besonders wachsende Bauinvestitionen der öffentlichen Hand werden die Nachfrage steigern.“ Hinzu käme der Abbau eines „enorm hohen Investitionsstaus“ beispielsweise in der Verkehrsinfrastruktur oder in Schulen. „Zur Abarbeitung dieses Investitionsrückstands ist der Einsatz weiterer TGA-Ingenieure erforderlich“, meint BWI-Bau. „Die jetzigen Bauinvestitionen in Höhe von durchschnittlich 19 Mrd. Euro werden mit einem Bestand von rund 7500 TGA-Ingenieuren mehr schlecht als recht erbracht.“ Zukünftig würden mindestens weitere 8100 TGA-Ingenieure benötigt, um alle künftigen Bauprojekte erledigen zu können.

Zu wenig Studenten
Auch die Nachwuchsentwicklung bereitet Sorge. „Leider ist die Zahl der Studienanfänger in den besonders TGA-relevanten Bereichen Versorgungstechnik, Elektrotechnik und Bauingenieurwesen seit dem Wintersemester 2011/12 rückläufig. Das Studium ausgerechnet in diesen drei wichtigen ingenieurwissenschaftlichen Bereichen konnte also nicht vom generellen Studentenboom der vergangenen Jahre profitieren“, berichtet BWI-Bau. Zwar zeichne sich bei den Bauingenieuren aktuell eine vorsichtige Trendwende ab, sie werde sich aber erst in einigen Jahren auf den Markt durchschlagen – „wenn überhaupt“.

www.bwi-bau.de

 

 

 


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