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„Es fehlt beim Mieterstrom im Markt an Geduld“

Interview mit Florian Henle, Mitgründer und Geschäftsführer von Polarstern, zum Thema Mieterstrom

Bild: RVI

Es wird in der Branche viel geklagt, dass die Rahmenbedingungen für Mieterstrom ungünstig wären. Andere schultern die Herausforderung und erzielen gute Erfolge. Bild: SWA

Mieterstrom ist die Möglichkeit, die modernen „Unterprivilegierten“, nämlich Menschen, die keine eigenen Dachflächen besitzen, an der Energiewende teilhaben zu lassen. Bild: SWA

Bild: Polarstern

 

Im März 2017 legte das Bundeswirtschaftsministerium einen Referentenentwurf für ein Gesetz zur Förderung von Mieterstrom vor („Mieterstromgesetz“). Im Wesentlichen geht es um die Einführung eines Mieterstromzuschlags auf Basis der Einspeisevergütungen nach EEG. Das Mieterstromgesetz wurde schnell als unzureichend kritisiert. Tenor: Hierüber gewinnt der Ausbau von Mieterstrom ­keine Fahrt. Mittlerweile sieht es anders aus: Immer mehr Energieversorger erkennen darin für sich ein großes ­Geschäftspotenzial. IKZ-ENERGY-Redakteur Dittmar Koop sprach mit Florian Henle, dem Mitgründer und Geschäftsführer des Ökoenergieversorgers ­Polarstern über Mieterstrom und Veränderungen in der Energielandschaft.

IKZ-Energy: Herr Henle, das Mieterstromgesetz ist seit einem Jahr da und auch die Mieterstromförderung. Sind Sie zufrieden?
Florian Henle: Die Mieterstromförderung war wichtig, weil sie Schwung in den Markt gebracht hat. Mehr als zuvor wird bei Neubauprojekten und Sanierungen nun über Mieterstrom nachgedacht. Allein durch die Förderung rechnet sich kein Projekt. Daher liegt in meinen Augen der Mehrwert vor allem darin, die Ent-
wicklung dezentraler Energieversorgung zu unterstützen, sodass auch Haushalte davon profitieren, die selbst keine Eigenheimbesitzer sind. Das kann natürlich noch weiter gehen. Im Idealfall wird lokal erzeugte Energie auch mit Haushalten außerhalb des eigenen Gebäudes, sprich quartier­übergreifend geteilt – tatsächlich und nicht nur bilanziell errechnet. Auch besteht beispielsweise sehr viel zusätzliches ­Potenzial in Nichtwohngebäuden. Gerade in den Innenstädten sind viele reine Büro- und Geschäftsgebäude zu ­finden, die derzeit aufgrund der Kriterien aus der Direktförderung rausfallen. Denn nach aktuellem Stand gibt es die Direktförderung nur für Gebäude mit mindestens 40 % Wohnanteil. Dabei haben Büros und Geschäfte einen Strombedarf, der ideal zur Eigenerzeugung von Photovoltaikanlagen passt.
Das beides ist beispielsweise im Rahmen der aktuellen Mieterstromförderung und auch der aktuellen Netzinfrastruktur nicht möglich.

IKZ-Energy: Was muss aus Ihrer Sicht bei der Förderung oder im Gesetz nachjustiert werden?
Florian Henle: Mieterstrom ist ein relativ junger Bereich. Genau in dieser Entwicklungsphase zeigen sich neue Chancen und Herausforderungen oft erst in der Praxis. Diese müssen erkannt und genutzt und so das Mieterstromgesetz nachjustiert werden, etwa hinsichtlich der Auslegung des Kriteriums der räumlichen Nähe, sprich auch Quartiers- und Nachbarschaftslösungen berücksichtigen oder die Pflicht von mindestens 40 % Wohnanteil überdenken, da gerade in den Innenstädten mit den Büro- und Geschäftsgebäuden viel Mieterstrompotenziale zu heben sind.

IKZ-Energy: Polarstern bezeichnet sich als Mieterstrom-Dienstleister und Ökostromversorger. Wie kann man sich diese neue Generation der Stromanbieter vorstellen?
Florian Henle: Das Geschäft geht weg vom reinen Versorger hin zum Dienstleis­ter und Berater. Den 08/15-Kunden gibt es immer weniger. Die Stromversorgung wird individueller. So erzeugen u. a. immer mehr Haushalte einen Teil ihrer ­Energie selbst oder beziehen ihn aus lokaler Erzeugung, Stichwort Mieterstrom. Und durch die Sektorenkopplung sind speziellere Tarife gefragt, etwa für Wärmepumpen oder Elektroautos. Da ist Beratung bei der Energieversorgung der Haushalte und Unternehmen gefragt, um das passende Angebot auszuwählen.
Mit dem Angebot verändert sich auch die Beziehung der Energieversorger zu ihren Kunden, sprich vom Versorger zum Partner. Da ist auch mehr Nähe und Transparenz gefragt. Hier tun sich viele etablierte Energieversorger oft schwer, da damit eine Veränderung in der Unternehmensphilosophie und im Selbstverständnis einhergeht.
Übrigens verändern die neuen Geschäftsfelder auch den Energiemarkt im Sinne der Beziehungen untereinander. Im Zuge von digitalen und dezentralen Prozessen und Angeboten nimmt der Grad der Zusammenarbeit zu. Keiner kann alles selbst machen.

IKZ-Energy: Wie baut Polarstern seine Mieterstrom-Versorgung auf?
Florian Henle: Mieterstrom ist ein Projektgeschäft. Das heißt, die Projekte sind individuell zu betrachten, zu planen und umzusetzen. Prinzipiell haben wir zwei Modelle, das Enabling-Modell und das Contracting-Modell, abhängig davon, wie viele Aufgaben Polarstern als Partner übernimmt. Ob wie beim Enabling die Planung, Beratung und die Mieterstromversorgung im Vordergrund stehen oder auch weitere Aufgaben wie der Betrieb der Anlagen, ggf. auch die Finanzierung und Co. übernommen werden, wie das beim Contracting der Fall ist. Diese beiden Modelle sind als Pole zu verstehen, zwischen denen verschiedene weitere Varianten liegen.

IKZ-Energy: Welchen Stromversorgungs-Anteil kann ein Mieter damit maximal abdecken?
Florian Henle: Mieterstromangebote sind eine Mischung aus selbst vor Ort erzeugtem Strom und Strom aus dem öffentlichen Netz. Wie viel Strom genau aus lokaler Erzeugung kommt, das ist von Fall zu Fall verschieden und hängt u. a. von der Anzahl der Mieter, der Anlagengröße, als auch der gewählten und verknüpften Anlagentechnik ab. In unseren Mieterstromprojekten haben Mieter meist einen Kostenvorteil, verglichen zum örtlichen Grundversorgertarif in Höhe von 10 bis 20 % und in einigen Fällen sogar noch mehr. Das ist vor allem in denjenigen Projekten der Fall, in denen etwa PV-Anlage und Blockheizkraftwerk verknüpft sind und somit noch mehr Strom vor Ort erzeugt und genutzt werden kann. So oder so funktioniert Mieterstrom nur, wenn es sich für alle Beteiligten lohnt, sprich für Immobilienbesitzer, Anlagenbetreiber und Mieter.

IKZ-Energy: Wie sieht das für den Mieter dann im Vergleich zu einem klassischen Stromvertrag aus?
Florian Henle: Der Mieter spürt da keinen Unterschied. Das heißt, die Versorgung ist jederzeit sichergestellt, egal wie viel Strom lokal erzeugt wird. Schließlich kommt der Bedarf, der nicht vor Ort gedeckt werden kann, aus dem öffentlichen Netz. Natürlich spürt der Mieter den Vorteil in Form sinkender Stromkos­ten. Und in einigen Fällen erkennt er auch auf seiner Rechnung einen Unterschied, da auch aufgelistet werden kann, wie viel Strom aus eigener Erzeugung stammt und wie viel aus dem öffentlichen Netz.

IKZ-Energy: Worauf sollten Mieter achten, wenn ihnen ein Mieterstromangebot unterbreitet wird?
Florian Henle: Das ist bei Mieterstrom genauso wie bei klassischen Tarifen – fairer Preis und faire Vertragsbedingungen. Auch ist ein Mieterstromtarif nur dann klimafreundlich, wenn der Reststrom aus dem Netz Ökostrom ist.

IKZ-Energy: Worauf sollten Vermieter achten, wenn ihnen ein Mieterstromangebot unterbreitet wird?
Florian Henle: Es sollte ein individuell auf ihre Bedürfnisse, ihre Gebäudesituation etc. zugeschnittenes Angebot sein sowie ein partnerschaftliches Verhältnis mit dem Dienstleister bestehen. Nur mit einer vertrauensvollen Zusammenarbeit lassen sich die Potenziale im Mieterstrom heben.

IKZ-Energy: Welche Hürden muss Mieterstrom in der Praxis nehmen?
Florian Henle: Das ist wirklich sehr vom einzelnen Projekt abhängig. Angefangen beim Platz für die Anlagentechnik bis hin zur Akquise der Mieter in Bestandsgebäuden können es ganz unterschiedliche Herausforderungen sein. Oft sind es in Bestandsgebäuden „Kleinigkeiten“, wie der Internetanschluss im Keller, ohne den nichts läuft. Man braucht ihn zur Anlagenüberwachung. Ansonsten ist die Zählerinfrastruktur zu beachten. Sie ist aufwendig zu installieren und teuer, sodass eine gewisse Teilnahmequote unter den Mietern wichtig ist, damit diese Fixkos­ten auf möglichst viele Parteien umgelegt werden. Schließlich haben effiziente Prozesse einen großen Einfluss, damit die Mieterstromversorgung in der Praxis rentabel ist.

IKZ-Energy: Welche Entwicklungen beobachten Sie am Markt, seitdem es das Gesetz und die Förderung gibt?
Florian Henle: Positiv ist, dass das Mieterstrominteresse steigt. Negativ ist, dass mit dem Gesetz zu viel erwartet wird. Es fehlt an Geduld. Das soll heißen, bis ein Gesetz dieser Art im Immobilienmarkt greift, braucht es Zeit. Mieterstromprojekte ziehen sich oft über ein Jahr hin, von den ers­ten Gesprächen bis hin zur Realisierung und Versorgung.

IKZ-Energy: Herr Henle, vielen Dank für das Gespräch!

Über Polarstern:
Die Polarstern-Geschäftsführer Florian Henle und Simon Stadler bieten zusammen mit ihrem Team die Produkte „Wirklich Ökostrom“ und „Wirklich Ökogas“ aus jeweils 100 % Erneuerbaren Energien an. Zertifiziert sind Wirklich Ökostrom und Wirklich Ökogas durch den TÜV Nord und das Grüner Strom Label; empfohlen u. a. von der Verbraucherplattform EcoTopTen des Öko-Instituts und der Umweltorganisation Robin Wood. Das Magazin Ökotest benotete Polarsterns Ökostrom 2017 zum fünften Mal in Folge mit „sehr gut“. Das Unternehmen hat 2015 sein ers­tes Mieterstromprojekt realisiert. Weitere folgten.

 

Zur Person:
Florian Henle ist Mitgründer und Geschäftsführer des Ökoenergieversorgers Polarstern. Er war u. a. Finalist der Swiss Economic Award 2008, der wichtigsten Auszeichnung für Jungunternehmer in der Schweiz, sowie EXIST-Stipendiat des Bundeswirtschaftsministeriums für die Forschung auf dem Gebiet des Handels von Erneuerbaren Energien. Studiert hat Henle Europäische Betriebswirtschaftslehre mit Doppel-Diplom in Cambridge und Landshut.

 

 

 

 


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