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Von der Kaserne zum klimaneutralen Quartier

In Regensburg entsteht eine fossilfreie Wärmeversorgung für 600 Wohneinheiten

Der digitale Zwilling zeigt, was im Inneren steckt: Sole- und Luft-Wärmepumpen, Pufferspeicher, BHKW und Batterie speicher auf zwei Ebenen. Bild: Gammel Engineering

Photovoltaik, Luft-, Abwasser- und Erdwärme fließen in der Energiezentrale zusammen. Perspektivisch ergänzt ein Elektrolyseur das System. Bild: Stadt Regensburg, Direktorialbereich 1.7

Blick auf das entstehende Innovationsquartier: Wo bis vor wenigen Jahren noch Kasernenbetrieb herrschte, wächst heute ein neues Stadtquartier. Im Hintergrund rechts sind noch die historischen Kasernengebäude zu sehen. Bild: Stadt Regensburg, Effenhauser

 

Auf dem Areal der ehemaligen Prinz-Leopold-Kaserne in Regensburg entsteht eines der ambitioniertesten Quartiersprojekte Bayerns. Rund 600 Wohneinheiten sollen im ersten Entwicklungsabschnitt über ein kaltes Nahwärmenetz, Wärmepumpen, Batteriespeicher und ein KI-gestütztes Energiemanagementsystem versorgt werden. Die technische Umsetzung der Energiezentrale sowie des Wärmeund Solenetzes verantwortet Gammel Engineering.

Die Stadt legte früh fest, dass die Wärmeversorgung ohne fossile Energieträger auskommen soll. Die Herausforderung: Für ein Quartier dieser Größenordnung musste ein Energiesystem gefunden werden, das Versorgungssicherheit, Klimaschutz und Wirtschaftlichkeit miteinander verbindet. Mit der technischen Umsetzung beauftragte die Stadt das Ingenieurbüro Gammel Engineering aus Abensberg, das seit Sommer 2024 für die Leistungsphasen 3 bis 9 verantwortlich ist, d. h. von der Entwurfsplanung über Vergabe und Ausführung bis zur Baubegleitung.

Ein Quartiersenergiesystem statt einer einzelnen Wärmequelle

Statt auf einen zentralen Wärmeerzeuger zu setzen, verfolgt Regensburg einen technologieoffenen Ansatz. Geothermie, Wärmepumpen, Photovoltaik, Batteriespeicher, Power-to-Heat und Blockheizkraftwerk übernehmen jeweils unterschiedliche Aufgaben und bilden gemeinsam die Grundlage für eine weitgehend fossilfreie Wärmeversorgung. Scheint die Sonne, wird überschüssiger Solarstrom genutzt, um Speicher zu laden und Wärme vorzuproduzieren. Steigt der Wärmebedarf, werden zusätzliche Wärmepumpenkapazitäten zugeschaltet. Und wenn über mehrere Tage nur wenig erneuerbarer Strom zur Verfügung steht, übernimmt das Blockheizkraftwerk.

Perspektivisch sollen sogar weitere Wärmequellen hinzukommen. Neben der Geothermie wird bereits die Nutzung von Abwasserwärme mitgeplant. Zudem soll im Rahmen des Projekts ERO+ ein Elektrolyseur entstehen, der mit erneuerbarem Strom Wasserstoffproduziert. Die dabei anfallende Abwärme könnte künftig ebenfalls in das Quartiersenergiesystem eingebunden werden. „Das macht das Projekt so spannend: Dass hier einfach versucht wird, alle technischen Möglichkeiten zu nutzen, die sich anbieten“, sagt Johannes Scheugenpflug, verantwortlicher Projektleiter bei Gammel Engineering.

Zwei Netze, eine Energiezentrale

Das technische Rückgrat des Systems bilden zwei getrennte Netze: ein Solenetz und ein Wärmenetz. Während das Solenetz die Wärme aus dem Erdreich zur Energiezentrale transportiert, verteilt das Wärmenetz die nutzbare Wärme an die Gebäude.

Im ersten Entwicklungsabschnitt werden rund 240 Erdsonden mit einer Tiefe von jeweils etwa 70 m unter den Gebäuden eingebracht. Durch sie zirkuliert eine Sole aus Wasser und Glykol, die dem Erdreich Wärme entzieht und diese anschließend zur Energiezentrale transportiert. Die Erdreichtemperatur liegt in dieser Tiefe ganzjährig bei etwa 10 °C. Je länger die Heizsaison andauert und je kälter es draußen ist, desto stärker kühlt das Erdreich ab. Im Extremfall sinkt die Soletemperatur auf bis zu 2 °C im Vorlauf und -2 °C im Rücklauf. Damit die Geothermie als Wärmequelle langfristig erhalten bleibt, werden die Sondenfelder im Sommer aktiv regeneriert: PV-Überschussstrom und künftig Abwärme des Elektrolyseurs speisen Wärme zurück ins Erdreich – als Vorbereitung für die nächste Heizperiode.

In der Energiezentrale übernehmen drei Sole-Wärmepumpen mit 735 kW Gesamtleistung den nächsten Schritt: Sie heben die geothermische Wärme auf die für die Versorgung erforderliche Temperatur an. Von dort gelangt die Wärme in das Wärmenetz – mit 40 °C im Vorlauf und einer Spreizung von 10 K. Die niedrige Vorlauft emperatur ist möglich, weil die Gebäude konsequent auf einen energieeffizienten Betrieb mit Flächenheizungen ausgelegt wurden.

In der Energiezentrale übernehmen drei Sole-Wärmepumpen mit 735 kW Gesamtleistung den nächsten Schritt: Sie heben die geothermische Wärme auf die für die Versorgung erforderliche Temperatur an. Von dort gelangt die Wärme in das Wärmenetz – mit 40 °C im Vorlauf und einer Spreizung von 10 K. Die niedrige Vorlauft emperatur ist möglich, weil die Gebäude konsequent auf einen energieeffizienten Betrieb mit Flächenheizungen ausgelegt wurden.

Für die Trinkwassererwärmung reicht das niedrige Temperaturniveau des Wärmenetzes jedoch nicht aus. Um die hygienischen Anforderungen an die Warmwasserbereitung zu erfüllen, heben dezentrale Booster-Wärmepumpen in den Gebäuden das Netzwasser auf 60 bis 65 °C an. Im ersten Quartier sind sechs solcher Unterstationen geplant. Mehrere Pufferspeicher mit insgesamt 60 000 l vermeiden den Taktbetrieb der Wärmepumpen und gleichen kurzfristige Lastschwankungen aus.

Die Investitionskosten für die erste Energiezentrale einschließlich der Wärme- und Solenetze belaufen sich auf rund 21 Mio. Euro. Das Bundesamt für Wirtschaft und Ausfuhrkontrolle fördert im Rahmen der Bundesförderung für effiziente Wärmenetze bis zu 40 % der förderfähigen Ausgaben.

Wenn die KI den Erzeugermix regelt

Gesteuert wird das Gesamtsystem über b.eos, ein KI-gestütztes Energiemanagementsystem von Siemens. Es verarbeitet Wetterprognosen, Energiepreise und Verbrauchsdaten und entscheidet, welcher Erzeuger wann zum Einsatz kommt. Statt nach festen Fahrplänen zu arbeiten, reagiert das System dynamisch auf die jeweilige Situation im Quartier. Es kann Wärme bevorraten, Lastspitzen antizipieren und Erzeuger je nach Bedarf priorisieren. Mit der Zeit lernt die Soft ware außerdem typische Verbrauchsmuster im Quartier kennen – etwa Lastspitzen am Morgen und Abend – und passt die Wärmeerzeugung entsprechend an.

Das Energiesystem wächst weiter

Mit dem ersten Entwicklungsabschnitt ist die Entwicklung des Innovationsquartiers noch nicht abgeschlossen. Weitere Energiezentralen sind bereits geplant. Zusätzliche Wärmequellen wie Elektrolyseur-Abwärme und Abwasserwärme sollen schrittweise hinzukommen. „Wir wollen hier das gesamte technische Potenzial nutzen. So eine Gelegenheit hat man nicht immer“, sagt Johannes Scheugenpflug, verantwortlicher Projektleiter bei Gammel Engineering. Das Energiesystem ist nicht auf eine einzelne Wärmequelle ausgelegt, sondern kann mit dem Quartier wachsen. Was in Regensburg entsteht, ist damit mehr als ein neues Wohnquartier: Es ist eine Infrastruktur, die offen bleibt für das, was noch kommt.

www.gammel.de

 


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