„Nachhaltiges Heizen beginnt beim Heizungswasser!“
Dr. Monique Bissen ist seit 1. Oktober 2022 Technik-Geschäftsführerin der BWT Wassertechnik GmbH (Schriesheim). Die IKZ-Redaktion sprach mit ihr über die Bedeutung von Nachhaltigkeit in der Branche.
Dr. Monique Bissen ist seit 1. November 2022 Geschäftsführerin für den Bereich Technik der BWT Wassertechnik GmbH mit Sitz in Schriesheim. Sie war für das Unternehmen bereits von 2003 bis 2015 als Managing Director der BWT water+more GmbH und als Leiterin der Forschung & Entwicklung am Standort Mondsee/Österreich tätig. Bild: BWT
IKZ-HAUSTECHNIK: Die ISH will „Lösungen für eine nachhaltige Zukunft“ präsentieren. Hat sich die SHK-Branche aus Ihrer Sicht bislang zu wenig um Nachhaltigkeit gekümmert?
Dr. Monique Bissen: Aber nein. Unsere Branche hat beim Thema Nachhaltigkeit keine grundsätzlichen Defizite: Wir sprechen doch bereits seit Jahren über Pelletheizungen oder Wärmepumpen und Energieeffizienz – und Nachhaltigkeit ist doch im Grunde nur der darüber liegende Begriff. Wer energieeffizient arbeitet, ist nachhaltig.
Klar ist auch: Nachhaltigkeit umfasst mehr als das. Will auch Rohstoffe sparsam nutzen, will die Umwelt wo immer möglich entlasten. Das funktioniert am besten, wenn wir die Expertise der Wissenschaft und darauf basierende Technologieangebote der Industrie so breit und intensiv wie möglich nutzen – und dafür bietet unsere Branche nicht erst seit heute praxisgerechte Lösungen. Nicht ohne Grund sprechen wir gern vom Klimahandwerk. Dass einzelne Anbieter und Dienstleister den Schuss in Sachen Umweltschutz noch nicht gehört haben, das ist leider auch wahr.
IKZ-HAUSTECHNIK: Sie sind also davon überzeugt, dass wir in Deutschland das Thema Nachhaltigkeit zunehmend wichtiger finden?
Dr. Monique Bissen: Ja. Eine aktuelle Umfrage von Infratest Dimap vom Dezember 2022 zeigt: 82 % der Deutschen sehen beim Klimaschutz großen bis sehr großen Handlungsbedarf. Mit dieser eindeutigen Haltung sind sich Jung und Alt, Gut- und weniger Gutverdienende einig. Das ist ein mehr als eindeutiges Votum.
Und auch die Politik nimmt sehr eindeutig Stellung: Gerade hat Brüssel auf das US-Subventionsprogramm „Inflation Reduction Act“ reagiert, ruft ähnlich wie die USA mit Steuererleichterungen für grüne Investitionen Milliarden von Euro auf.
IKZ-HAUSTECHNIK: Heißt das vielleicht auch, dass Wasser einen neuen Stellenwert in der Gesellschaft bekommen kann?
Dr. Monique Bissen: Saubere Luft und sauberes Wasser, Schutz der Ressourcen und Kampf gegen die menschgemachte Klimakrise: Niemand mit wachem Verstand zweifelt daran, dass jegliche Initiative unterstützt werden muss. Wir alle müssen dazu mitunter gewohnte Pfade verlassen, müssen umdenken. Wir befinden uns mitten in einem Change-Prozess. Es geht im weitesten Sinne auch um die Purpose-Frage – was will ich als Industrieunternehmen, als Planer oder SHK-Installateur erreichen? Worin liegt der Sinn meines Unternehmens? Das ist übrigens nach meiner Überzeugung auch Teil der Antwort, wie wir junge Menschen stärker für die SHK-Branche begeistern können!
Eines der größten Umweltprobleme – abgesehen von allen Aspekten rund um die Klimakrise – ist derzeit die Verschmutzung unserer Gewässer mit Mikroplastik. Wir nutzen Wasser nicht mehr als Naturprodukt, sondern quasi als Ventil, um Verschmutzungen aus unserem direkten Blickfeld zu entfernen. Was wir lange ignoriert haben, ist, dass diese Verschmutzungen wie ein Bumerang auf uns zurückkommen: Denn wir müssen ja Wasser trinken und spüren die krankmachenden Auswirkungen der Verschmutzung am eigenen Leib. Die gute Botschaft: Wir können dem noch entgegensteuern! Das würde funktionieren mit einem nachhaltigeren Konsumverhalten und der Nutzung des ganzen Potenzials zukunftsfähiger Technologien. Seit Jahren plädieren wir beispielsweise dafür, mineralisiertes Wasser direkt aus dem Wasserhahn zu nutzen und auf Einweg-Plastikflaschen zu verzichten.
IKZ-HAUSTECHNIK: BWT ist ein Unternehmen, das sich seit Jahrzehnten mit der Aufbereitung und dem Schutz von Trinkwasser und Heizungswasser befasst. Wo stehen Sie heute, wo stehen Sie im Jahr 2023?
Dr. Monique Bissen: Unser Auftritt auf der ISH wird unsere Philosophie eines umweltbewussten Umgangs mit Wasser widerspiegeln. Unser dort präsentiertes AQA therm Vitas-Konzept - die Bezeichnung basiert auf dem lateinischen Begriff vitare = du vermeidest - ist ein sehr pragmatischer Ansatz. Er hat im Grunde für alle Initiativen zum Umwelt- und Klimaschutz Gültigkeit. Technisch gesehen ist das Vermeiden beim ALARP-Prinzip schon länger in der Branche bekannt: ALARP - das Akronym aus as low as reasonably practicable, also so niedrig, wie vernünftigerweise praktikabel - bedeutet als Grundsatz‚ jegliche Veränderung und jeglichen Zusatz von Stoffen zu minimieren. In der Regel ist das Ergebnis eine Beurteilung, die das Restrisiko einschließt und klare Maßnahmen zur Verringerung der Auswirkungen beinhaltet.
IKZ-HAUSTECHNIK: Was bedeutet das AQA therm Vitas-Konzept konkret?
Dr. Monique Bissen: Das heißt konkret, dass wir beispielsweise die üblichen Probleme mit Heizungswasser - Korrosion, Ablagerungen, Leckage - nicht so bekämpfen, dass wir die Resultate von nicht perfektem Heizungswasser quasi übertünchen – mit dem Zusatz von Korrosionsinhibitoren und Bioziden und dem Einsatz von Luftabscheidern, Schlammabscheidern und Magnetitfiltern. Wir setzen hingegen auf salzarmes Wasser und die konsequente Umsetzung der Vorgaben der VDI 2035.
Vitas vermeidet Korrosion, Steinbildung und mikrobiologische Probleme, minimiert Umweltbelastungen und Gesundheitsprobleme durch den Umgang mit gefährlichen Stoffen. Ich denke, dass wir für dieses Konzept mit gutem Erfolg das Umweltzeichen Blauer Engel beantragen können.
Wir wissen doch alle, dass Probleme vermeiden viel besser und günstiger ist als Probleme nur zu bekämpfen. Unser Ansatz ist das permanente Monitoring mit unserem Heizungssicherheitssystem AQA therm HSS – es sichert die Funktion und Verfügbarkeit der Heiztechnik. Schäden im Heizungssystem durch Schlamm, Kalk oder Korrosion haben damit ihren Schrecken verloren. Serviceeinsätze durch Dienstleister sind planbar, müssen nicht unter Stressbedingungen organisiert werden. Dieses serviceorientierte Konzept für eine Dauerüberwachung mit frühzeitiger Alarmmeldemöglichkeit bei Abweichungen bietet langfristigen Werterhalt der Technik.
Für den Heizungsbauer heißt das mit Blick auf sein Image und sein Ansehen im Wettbewerb: Er gewährleistet seinen Kunden eine ebenso nachhaltige wie stabil funktionierende Anlage. Der elektronische Wächter informiert ihn frühzeitig darüber, dass in der Anlage irgendetwas nicht so funktioniert, wie es sollte – und er kann das bei der nächsten Wartung abstellen.
IKZ-HAUSTECHNIK: Die EnSimiMaV - Verordnung zur Sicherung der Energieversorgung über mittelfristig wirksame Maßnahmen - verpflichtet Eigentümer, ihre Erdgas-Heizungsanlage energetisch zu optimieren. Wie interpretieren Sie das?
Dr. Monique Bissen: Am besten besuchen Sie dazu unseren Messstand auf der ISH: Ein Schwerpunkt ist das Vermeiden von Schäden und Energieverlusten in geschlossenen Wasser-Zirkulationssystemen durch Wasserinhaltsstoffe mit messbar überwachtem Heizungswasser.
In Abhängigkeit der im Heizungswasser vorherrschenden Temperatur gibt es drei wahrscheinliche Einflussfaktoren bzw. Risiken, die sich wasserseitig ergeben können und die Effizienz beeinträchtigen:
- Da ist zum einen die Belagsbildung durch Kalk oder Korrosionsprodukte insbesondere an Wärmeübergangsflächen.
- Zum anderen ist es die Korrosion; hier sind nahezu alle Korrosionsarten zu vermeiden.
- Und nicht zuletzt ist die mikrobiologisch induzierte Korrosion - MIC abgekürzt - zu nennen.
- Der Einfluss des Luftzutritts ist wesentlich für die Effizienz jedes Heizungssystems. Dabei gilt es grundsätzlich zwei Anlagentypen zu betrachten:
- Anlagentyp I: Das sind Systeme ohne signifikanten Lufteintrag und geringe Mengen an zugeführtem Frischwasser, also kleiner 10 % pro Jahr,
- beim Anlagentyp II handelt es sich hingegen um Systeme mit kontinuierlichem oder intermittierendem Lufteintrag und erhöhter Frischwasserzufuhr größer 10% pro Jahr.
Am Beispiel moderner, effizienter Heizungsanlagen des Typs I kann unser AQA therm Vitas-Konzept aufzeigen, dass alle diese Kreisläufe mit einer Materialabtragsrate unter 5 µm pro Jahr betrieben und messbar überwacht werden können. Damit kann der Heizungsbauer wie von der EnSimiMaV gefordert Energieverluste des Gesamtsystems erkennen.
IKZ-HAUSTECHNIK: Sie haben das im oekom-Verlag erschiene Buch „Wasser in Not“ geschrieben. Bitte erzählen Sie davon.
Dr. Monique Bissen: Wasser ist für mich eine Leidenschaft, die mich schon mein ganzes Leben begleitet. Was mich heute antreibt? Der Wille, Menschen mit schadstoff-befreitem Trinkwasser zu versorgen. Außerdem setze ich mich ein für Maßnahmen zur Reduktion der Einleitung von Schadstoffen in unsere Meere, Flüsse, Seen und unser Grundwasser. Mikroplastik, Medikamentenrückstände, Pestizide, Düngemittel, Schwermetalle, Industriechemikalien, Rückstände von Kosmetika und Reinigungsartikeln und ungeklärte Abwässer dürfen nicht in unsere Gewässer gelangen.