Energieforschung auf Kurs zur Energiewende
Dr. Rodoula Tryfonidou, Referentin im Bundeswirtschaftsministerium, erläutert strategische Ziele des weiterentwickelten Energieforschungsprogramms.
Vor Kurzem veröffentlichte die Bundesregierung den Nationalen Aktionsplan Energieeffizienz. Das Konzept zielt darauf ab, alle gesellschaftlichen Akteure für eine höhere Energieeffizienz zu gewinnen. Tage später folgte die Bekanntmachung des Bundesministeriums für Wirtschaft und Energie (BMWi) zur Forschungsförderung im 6. Energieforschungsprogramm der Bundesregierung. Im einem BINE-Interview sprach Dr. Rodoula Tryfonidou aus dem zuständigen Referat im BMWi darüber, welchen Beitrag die Energieforschung für die Energiewende leistet.
BINE Informationsdienst: Im Dezember vergangenen Jahres hat die Bundesregierung den Nationalen Aktionsplan Energieeffizienz (NAPE) veröffentlicht. Wie viel Energieforschung steckt im NAPE?
Rodoula Tryfonidou: Die Energieeffizienz ist neben den Erneuerbaren die zweite Säule der Energiewende. Mit dem NAPE, der Energieeffizienzstrategie der Bundesregierung, hat sie jetzt den Stellenwert bekommen, der ihr auch zusteht. Einerseits sollen Sofortmaßnahmen, beispielsweise Förderprogramme für die energetische Gebäudesanierung, die Effizienz voranbringen. Andererseits müssen langfristige weiterführende Prozesse – ich denke da an das Forschungsnetzwerk Energie in Gebäuden und Quartieren – dies flankieren. Überhaupt spielt die Energieforschung in der Energiepolitik eine sehr wichtige Rolle und ist Bestandteil des NAPE. Durch sie werden erst mittel- bis langfristig die hocheffizienten Technologien und Konzepte entwickelt und zur Marktreife gebracht, ohne die die energie- und klimapolitischen Ziele nicht zu erreichen sind.
BINE Informationsdienst: Ist NAPE jetzt die große Chance für die Energieforschung, dass ihre zahlreichen und vielversprechenden Entwicklungen und Konzepte aus den vergangenen Jahren stärker in die Energiepolitik einfließen?
Rodoula Tryfonidou: Die Energieforschung ist seit vielen Jahren fester Bestandteil der Energiepolitik und ein strategisches Element der Energiewende. Es ist auch sehr vernünftig, wenn Erkenntnisse aus Forschungsaktivitäten in die Gestaltung und Anpassung ordnungspolitischer Maßnahmen wie Vorschriften und Verordnungen einfließen. Ordnungspolitik basiert in vielen Bereichen tatsächlich darauf, den Stand der Technik abzubilden, und dieser wird wiederum durch Forschung ständig weiterentwickelt.
BINE Informationsdienst: An welche Themengebiete denken Sie dabei?
Rodoula Tryfonidou: Der Gebäudebereich ist ein gutes Beispiel. Dort gibt es seit 1977 gesetzliche Anforderungen für die energetische Gebäudequalität. Nach der Wärmeschutzverordnung kam die Energieeinsparverordnung (EnEV), die seit ihrer Einführung mehrmals novelliert und verschärft wurde. Wir haben einmal diese Entwicklung den technologischen Meilensteinen der Forschung zum energieoptimierten Bauen gegenübergestellt. Es ist dabei deutlich zu erkennen, dass die guten Ergebnisse aus Forschung und Entwicklung die Verschärfung der Standards vorbereitet beziehungsweise überhaupt erst möglich gemacht haben.
Systemische Ansätze als Schlüssel für die künftige Forschungspolitik
BINE Informationsdienst: Welche neuen Ansätze für die Energieforschung ergeben sich in den kommenden Jahren aus der Neuausrichtung der Energiepolitik der Bundesregierung?
Rodoula Tryfonidou: Grundlinien der Energiepolitik und Energieforschung sind die beiden großen Schwerpunkte Effizienz und Erneuerbare Energien. Mit Beginn der neuen Legislaturperiode wurden beide Bereiche im Bundesministerium für Wirtschaft und Energie gebündelt. Das hat große Auswirkungen auf die Energieforschung. Wir können jetzt in der Forschungsförderung die gesamte Energiekette – von der Umwandlung, über den Transport und die Verteilung bis zum Verbrauch in einzelnen Sektoren – synergetisch abbilden. Damit lassen sich technologieübergreifende und systemorientierte Ansätze viel besser verfolgen.
BINE Informationsdienst: Welche Ziele verfolgen Sie damit?
Rodoula Tryfonidou: Ein integraler Prozess in der Energieforschung ist deshalb besonders wichtig, weil es in den kommenden Jahren weniger darum gehen wird, die Entwicklung einzelner Komponenten immer weiter auszureizen, sondern die Optimierung gesamter Systeme in den Fokus zu nehmen. Nur so können wir im großen Maßstab gute Forschungsergebnisse in die Praxis transferieren und die notwendigen Fortschritte bei der Effizienz erreichen.
BINE Informationsdienst: Welchen Stellenwert hat dabei die neue Förderbekanntmachung des BMWi zur Energieforschung? Welche ersten Konsequenzen sind darin zu erkennen?
Rodoula Tryfonidou: Mit der Förderbekanntmachung haben wir die Weiterentwicklung des Energieforschungsprogramms im anwendungsnahen Rahmen vorgelegt. Es geht darum, die Forschungsbereiche Energieeffizienz und erneuerbare Energien stärker zusammenzubringen. Wenn man die durchaus umfangreiche Bekanntmachung liest, erkennt man, dass besonders in den systemisch ausgerichteten Themenfeldern Synergien genutzt werden sollen. Die Forschungsbereiche Netze, Speicher und energieoptimiertes Bauen sind zum ersten Mal so aufgestellt, dass sie Energieeffizienz, erneuerbare Energien und systemische Fragestellungen integrieren.
BINE Informationsdienst: In den Forschungsfeldern Netze und Speicher laufen aktuell große Förderinitiativen. Wie sieht Ihre Förderstrategie für den Gebäudebereich aus?
Rodoula Tryfonidou: Der Gebäudebereich ist ein Hotspot der Energiewende. Auf den entfällt etwa 40 Prozent des Endenergieverbrauchs in Deutschland. Es besteht also eine große Notwendigkeit, in Gebäuden und Quartieren die Effizienzsteigerung deutlich zu forcieren. Auf der anderen Seite kann eine bessere Integration erneuerbarer Energien wichtige Beiträge leisten. Das kann aber nur dann gelingen, wenn innovative Lösungen entwickelt und rasch in den Markt eingeführt werden. Eine ganzheitliche, systemische Sicht auf den Gebäude- und Quartiersbereich eröffnet hier neue Möglichkeiten.
BINE Informationsdienst: Welche Auswirkungen hat das auf die Forschungspolitik?
Rodoula Tryfonidou: Generell wird sich die Energieforschung künftig stärker auf systemische Ansätze konzentrieren und den Ergebnistransfer in die Praxis stärker in den Fokus nehmen. Um dies voranzubringen, haben wir im vergangenen Jahr das Forschungsnetzwerk Energie in Gebäuden und Quartieren ins Leben gerufen. Im Mittelpunkt stehen hier die strategische Vernetzung der Akteure aus Wirtschaft und Wissenschaft und die Intensivierung der operativen Zusammenarbeit. Mit der ersten Jahreskonferenz am 26. und 27. März in Berlin wollen wir einen breiten Konsultationsprozess anstoßen und künftige Förderstrategien beraten. Hier denke ich insbesondere an die nächste Förderinitiative „Solares Bauen/Energieeffiziente Stadt“, die wir in diesem Jahr gemeinsam mit anderen Bundesressorts vorbereiten werden.
BINE Informationsdienst: Eine der zentralen Annahmen im NAPE und in der Förderbekanntmachung sind steigende Energiepreise. Nun sind die Preise seit Jahren erstmals wieder gesunken. Wird das Auswirkungen auf die Energieforschungspolitik haben?
Rodoula Tryfonidou: Der Kurs der Bundesregierung in der Energiepolitik und der Energieforschungspolitik ist die Energiewende. Dieser Prozess orientiert sich an mittel- und langfristigen Zielen. Die Hauptaufgaben, Effizienz zu steigern und erneuerbare Energien verstärkt zu nutzen, bleiben bestehen. Das Preisniveau der vergangenen Monate unterstreicht aber die Notwendigkeit, Forschungsaktivitäten auch mit dem Ziel der Kostensenkung zu unterstützen und den Transfer der Ergebnisse in die Praxis zu intensivieren. Die Stärkung der Vernetzung und der systemorientierte Ansatz, den wir heute schon stärker verfolgen, bieten uns künftig bessere Möglichkeiten, neue und innovative Technologien preiswerter zu machen und ihnen damit den Weg in den Markt zu ebnen.
BINE Informationsdienst: Wo liegen die künftigen Schwerpunkte für den Beitrag der Energieforschung zur Energiewende?
Rodoula Tryfonidou: Ohne einen Beitrag der Wissenschaft wird die gesamtgesellschaftliche Aufgabe der Energiewende nicht zu bewältigen sein. Forschung muss die Grundlagen liefern damit die Umstrukturierung der Energieversorgung in Deutschland beschleunigt und auf eine sichere Basis gestellt werden kann. Die Energieforschung bleibt daher auch in Zukunft ein strategisches Instrument zur erfolgreichen Umsetzung der Energiewende. (jp/mi)
(Quelle: BINE Informationsdienst - ein Service von FIZ Karlsruhe)