IKZ-HAUSTECHNIK, Ausgabe 01/02/2005, Seite 52 f.

INTERVIEW

Verhaltener Optimismus

Die Heizungsindustrie verzeichnet in Deutschland nach Jahren des Abschwungs eine Marktbelebung. Nachdem in 2003 der Abwärtstrend gestoppt werden konnte, verbucht die Branche in 2004 wieder leichten Zuwachs, wie Andreas Lücke, Geschäftsführer des BDH (Bundesindustrieverband Deutschland Haus-, Energie- und Umwelttechnik e.V., Köln), berichtet. Die kommende ISH soll als internationale Leitmesse für Gebäude- und Energietechnik, Erlebniswelt Bad, Klima und Lüftungstechnik (vom 15. bis 19. März 2005 in Frankfurt am Main) dem Markt neue Impulse geben, besonders auch im europäischen Ausland.

IKZ-HAUSTECHNIK: Herr Lücke, nach Jahren rückläufiger Absatzzahlen in Deutschland waren von Herstellerseite zum Jahresbeginn wieder optimistische Töne zu hören. Wie stellt sich der Markt in 2004 dar?

Lücke: Unser Optimismus wurde bestätigt. Im ersten Halbjahr 2004 gab es einen ordentlichen Zuwachs gegenüber dem Vorjahreszeitraum. In der zweiten Jahreshälfte haben wir jedoch feststellen müssen, dass der übliche Herbstaufschwung ausblieb. Ein Grund dafür ist der schwache Neubausektor. Der Modernisierungsbereich hat dadurch schon einen Anteil von 80% erreicht. Insgesamt stieg die Nachfrage in 2004 um rund 3% auf knapp 740.000 Gas- und Ölheizkessel. Hinzu kamen etwa 10.000 Wärmepumpen sowie 12.000 Festbrennstoffkessel.

Wir müssen uns sicherlich langfristig auf einen Gesamtmarkt in der Größenordnung von 750.000 Heizkesseln einstellen.
Andreas Lücke

IKZ-HAUSTECHNIK: Hat der durch die Bundesimmissionsschutzverordnung BImSchV erwartete große Ansturm stattgefunden?

Lücke: Keineswegs. Zwar kann ein positiver Effekt nicht ausgeschlossen werden. Die leichte Erholung des Marktes kann aber nicht auf die BImSchV zurückgeführt werden.

IKZ-HAUSTECHNIK: Hat der Markt jetzt eine stabile Größe erlangt oder erwarten Sie noch weitere Steigerungen?

Lücke: Zwischen 1998 und 2003 hat der Markt bald 25% an Volumen verloren. Dann hat er sich gefangen und nun verzeichnen wir wie gesagt einen leichten Anstieg. Wir müssen uns sicherlich langfristig auf einen Gesamtmarkt in der Größenordnung von 750.000 Heizkesseln einstellen. Durch den immensen aktuellen Modernisierungsstau sollte ein Wachstum in den nächsten Jahren aber möglich sein. So rechnen wir für 2005 mit einer weiteren leichten Steigerung, vielleicht um 1%.

IKZ-HAUSTECHNIK: Glauben Sie, dass die gestiegenen Energiepreise dem Modernisierungsmarkt neuen Schwung geben?

Ein modernes, gut ausgelegtes Heizsystem kann den Heiz- und Warmwasserkomfort erheblich steigern. Doch dies muss auch entsprechend an die Endkunden kommuniziert werden.

Lücke: Es wird den einen oder anderen zu einer Modernisierung bewegen können. Wenn die Energiepreise sehr stark steigen, wird aber zunächst einmal Kaufkraft abgeschöpft, die Binnennachfrage verunsichert. Dadurch werden höhere Energiepreise meiner Meinung nach kein forciertes Modernisierungsgeschäft mit sich bringen, ganz im Gegenteil. Klare Rahmenbedingungen und eine direkte Anschubfinanzierung würden mehr Anreize bieten.

IKZ-HAUSTECHNIK: Wieweit kann die Heizungsindustrie vom Trend zu Komfort und Wellness profitieren?

Lücke: Der Komfort-Aspekt ist neben der Wirtschaftlichkeit enorm wichtig. Ein modernes, gut ausgelegtes Heizsystem kann den Heiz- und Warmwasserkomfort erheblich steigern. Doch dies muss auch entsprechend an die Endkunden kommuniziert werden. Die ISH bietet dazu eine wichtige Plattform.

IKZ-HAUSTECHNIK: Welche Rolle spielt dabei das Handwerk?

Lücke: In Deutschland ist das Handwerk der wichtigste Multiplikator. Mit Unterstützung der Industrie muss es die Argumente Komfort und Wirtschaftlichkeit mit Leben füllen und in der Kundenberatung als Begründung für eine Modernisierung nutzen. Hier gibt es noch zu viele Kommunikationsdefizite in Richtung Endkunden. Eine bessere Aufklärung der Verbraucher würde sicherlich zu einer Marktbelebung beitragen.

IKZ-HAUSTECHNIK: Wie hat sich der Heizungsmarkt in Europa entwickelt?

Lücke: Europaweit zeigt sich die Marktlage attraktiv. Insgesamt sehen wir für 2004 ein europaweites Wachstum von 3% bis 4%. Der langjährige Trend weg von bodenstehenden Heizkesseln hin zu wandhängenden Geräten hält dabei unvermindert an. Allein in Großbritannien ist der Markt mit rund 1,5 Mio. Heizkesseln doppelt so groß wie in Deutschland. Das Wachstum beträgt dort fast 5%. In Frankreich erwarten wir für 2004 eine Nachfragesteigerung von 7,5% auf etwa 850.000 Heizkessel. Solche Märkte sind für die deutschen Hersteller zudem interessant, weil sich dort ein schneller Wechsel von einfacher Standart-Technik hin zu hochwertiger Brennwerttechnik vollzieht. Hier zahlt sich unser Technologievorsprung besonders aus.

IKZ-HAUSTECHNIK: Seit Jahren gibt es eine weitere Konzentrationsbewegung unter den Heizungs-Herstellern. Es gibt Stimmen, die bald mit nur noch acht bis zehn großen Anbietern in Europa rechnen. Wie beurteilen Sie die Situation?

In Deutschland ist das Handwerk der wichtigste Multiplikator.

Lücke: Trotz aller Prognosen zeigt sich doch, dass viele kleine und mittlere Unternehmen erfolgreich sind - und zwar nicht nur in der Nische. Der BDH vertritt immer noch eine mittelständisch strukturierte Industrie. Und ich gehe davon aus, dass dies auch auf längere Sicht so bleibt.

IKZ-HAUSTECHNIK: Solarkollektoren gehören bereits wie selbstverständlich zum Systemangebot. Welche Bedeutung haben die regenerativen Energien für die Heizungshersteller erlangt?

Lücke: Die Solarthermie ist integraler Bestandteil moderner Versorgungstechnik. Die Nachfrage für Solarthermie wächst seit Jahren - bis auf einen Einbruch in 2002. Für 2004 gehen wir von einem Wachstum von gut 10% aus, das entspricht umgerechnet 800.000 bis 850.000 m neu installierter Kollektorfläche. Auch der Markt für Wärmepumpen und Festbrennstoffkessel, d. h. Scheitholz und Pellets, nimmt zu. Während die Wärmepumpen ohne staatliche Förderung auskommen, ist der Erfolg der Solarkollektoren und Festbrennstoffkessel stark von der aktuellen Fördersituation abhängig.

IKZ-HAUSTECHNIK: In Deutschland gilt seit Februar 2002 die Energieeinsparverordnung - EnEV. Auf Europaebene trat ebenfalls 2002 die "Energy Performance of Buildings Directive - EPBD" (Gebäude-Energieeffizienz-Richtlinie) in Kraft. Diese muss bis Januar 2006 in nationales Recht umgesetzt werden. Wirkte sich dies auf die Heizungshersteller aus?

Lücke: Die EnEV entspricht vom Grundsatz her dem integralen Ansatz der EPBD. Letztere berücksichtigt darüber hinaus noch deutlich stärker den Gebäudebestand und die Modernisierung. Beide haben deutlich den Systemgedanken gefördert, sodass die Hersteller verstärkt Systeme anbieten, anstelle einzelner Komponenten. Hier haben erhebliche Innovationen und Fortschritte in der Optimierung stattgefunden. Die ISH 2005 wird zeigen, dass die Anbieter über perfekt abgestimmte, Energie sparende und Umwelt schonende Systemtechnik verfügen.

Die regenerativen Energien haben als Imageträger höchste Bedeutung.

IKZ-HAUSTECHNIK: "Die Zukunft gehört der Passivbauweise" - so prognostizierten Experten schon vor Jahren. Solche Passivhäuser sollen ohne eine klassische Heizung auskommen. Sehen Sie Ihren Markt damit im Neubausektor wegschwimmen?

Lücke: Nein. Es gibt kein Einheits-Passivhaus. Der auf dem Markt angebotene Ansatz, mit einer Direkt-Stromheizung die Restwärme ins Haus zu bringen, hat meines Erachtens keine Zukunft. Primärenergetisch ist diese Lösung noch unter einem Niedrigenergiehaus. Die seriösen Passivhaus-Anbieter verfolgen Ansätze, die einen niedrigen Primärenergieverbrauch und Flexibilität berücksichtigen. Hier werden beim Komfort bezüglich Raumwärme und Warmwasser keine Abstriche gemacht. Dabei kommt eine anspruchsvolle Anlagentechnik zum Einsatz, z. B. mit Einzelraumregelungen. Insofern wenden wir uns nicht gegen das Passivhaus, sondern wir arbeiten aktiv mit den Anbietern zusammen. Diese haben längst erkannt, dass ein komfortables, energieeffizientes Passivhaus ohne moderne Anlagentechnik unserer Mitgliedsunternehmen nicht auskommt.

IKZ-HAUSTECHNIK: Welche Rolle spielt die im Verbund stattfindende Aircontec für die ISH?

Lücke: Die Klimatechnik gehört genauso wie die Heizungstechnik zur ISH. Die Besucher aus aller Welt, darunter Planer, Ingenieure und Architekten, erwarten von der Messe das komplette Angebot der modernen Gebäudetechnik, vom Einfamilienhaus bis zum großen Objektgeschäft. Lüftung, Luftqualität und Klimatechnik sind integrale Bestandteile und können nicht von der Heiztechnik getrennt werden. Wir haben uns als Bundesindustrieverband für Haus-, Energie- und Umwelttechnik stark für den Verbund der Aircontec mit der ISH eingesetzt.

IKZ-HAUSTECHNIK: Welche Trends sehen Sie seitens der Technik?

Lücke: Ganzheitliche Konzepte gewinnen an Bedeutung. Hierin spiegelt sich neben den Produktentwicklungen auch die Software wider. Ziel ist es, ein Optimum an Energieeffizienz, Umweltschutz, Komfort und Sicherheit bei der Gebäudetechnik zu erreichen. Ich selbst habe die Hoffnung, dass sich die Kombination moderner Heiztechnik mit regenerativen Energieträgern, wie der Solarthermie, weiter durchsetzt. Derzeit werden nur 8% der Heizungsmodernisierungen mit einer Solaranlage kombiniert. Dieser Anteil sollte besser bald bei 80% oder mehr liegen. Hier wird noch erhebliches Energiespar- und Emissionsminderungs-Potenzial verschenkt.

Die Klimatechnik gehört genauso wie die Heizungstechnik zur ISH.

IKZ-HAUSTECHNIK: Welche Erwartungen setzen Sie in die bevorstehende ISH 2005 als dem größten Branchentreff?

Lücke: Die ISH ist für unsere Branche die größte internationale Leistungsschau der Industrie. Ob Strom oder warmes Wasser - die ISH 2005 wird als die internationale Leitmesse für Gebäude- und Energietechnik allen Aspekten der Solarenergienutzung gerecht und alle führenden Hersteller präsentieren ihre Produktneuheiten und Systemlösungen für eine effiziente und umweltschonende Energieversorgung. Ergänzend findet zur ISH 2005 die Sonderschau "Renewables in energetic systems for houses" statt, bei der u. a. auch moderne Photovoltaik-Systeme für den Gebäudebereich sowie solartechnische Systeme als integraler Bestandteil moderner Versorgungstechnik behandelt werden. Augrund des attraktiven Angebots hoffen wir zum einen, dass der Auslandsanteil bei den Besuchern weiter steigt. Wir rechnen 2005 mit rund 180.000 Fachbesuchern, davon anähernd 50.000 Besucher aus dem Ausland. Zudem gehen wir davon aus, dass von der ISH weitere Impulse für das europäische Geschäft ausgehen.

Internetinformationen:
www.ish.messefrankfurt.com
www.bdh-koeln.de


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