IKZ-HAUSTECHNIK, Ausgabe 20/2004, Seite 18 f.


BRANCHE AKTUELL


DIN EN 12831

Viel Reserve für kalte Winter

Die neue DIN EN 12831 offenbart nicht nur bei der Berechnung des Lüftungswärmebedarfes Schwächen - wir berichteten bereits in Ausgabe 18/2004 - sie führt zudem bei Ein- und Mehrfamilienhäusern zu teilweise deutlich höheren Heizlasten. Zu diesem einheitlichen Ergebnis kommen die von uns befragten Experten.

Softwarehersteller sind prädestiniert, die Unterschiede zwischen der alten DIN 4701 und dem europäischen Pendant DIN EN 12831 aufzuzeigen. Schließlich braucht es bei einem bereits erfassten Gebäude nur weniger Mausklicks, um die Differenzen zwischen alter und neuer Norm aufzuzeigen. Grund genug für die Redaktion der IKZ-HAUSTECHNIK, im Kreise der Softwarespezialisten nachzufragen.

 

Heinz Lang

 

Dipl.-Ing. Paul Möller

 

Dipl.-Wirtsch.-Ing. Heinz Haag

Diejenigen, die sich geäußert haben, taten das recht ausführlich, wie etwa Heinz Lang von der mh-software GmbH. Er erklärt: "Insbesondere durch die mittlerweile viel diskutierte Berechnung der Lüftungswärmeverluste entstehen bei Räumen mit vielen Fensteröffnungen überhöhte Heizlasten. Der Normungsausschuss hat hier mittlerweile reagiert und empfiehlt anstelle der Werte aus dem nationalen Anhang, die Tabelle D8 aus der DIN EN 12831 zu verwenden." Ein Sachverhalt, den wir bereits in IKZ-HAUSTECHNIK-Ausgabe 18/2004 ausführlich beleuchteten. Nach Einschätzung von Lang kann zudem auch eine "übertriebene" Anwendung der Wiederaufheizleistung zu deutlich höheren Heizlasten führen als eine vergleichende Berechnung nach DIN 4701. Hier könne nur an den Sachverstand des Planers appelliert werden, den unterbrochenen Heizbetrieb nicht standardmäßig anzusetzen, sondern von "Fall zu Fall bzw. von Raum zu Raum darüber zu entscheiden".

Dipl.-Ing. Paul Möller, Dendrit Haustechnik-Software GmbH, sieht überdies noch weitere Faktoren für einen höheren Transmissionswärmeverlust gegenüber der alten Wärmebedarfsnorm. Der Softwareentwickler: "Bei den zugrunde gelegten Bauteilabmessungen werden heute äußere Rohbaumaße gewählt. Weitere Gründe liegen im Wärmebrückenzuschlag, den es in der alten Norm nicht gab sowie im entfallenen Außentemperatur-Korrekturfaktor für schwere und sehr schwere Gebäude."

Die grundsätzliche Einteilung eines Gebäudes in undicht, dicht und sehr dicht vereinfache laut Möller zwar die Berechnung der Lüftungswärmeverluste (Infiltration). Jedoch sei nicht nachzuvollziehen, dass die Luftdichtigkeit des Raumes - unter anderem dargestellt durch den Abschirmungskoeffizient e - nur von der Anzahl der eingebauten Öffnungen (Fenster und Türen) abhängig sein soll.

Doch Möller kritisiert nicht nur, er hat auch Verbesserungsvorschläge. Beispielsweise die Einbeziehung von Rollladenkästen und Öffnungsmaße sowie die Einführung einer Grundundichtigkeit, gegebenenfalls abhängig von der Bauweise. Hier sieht der Heizlastexperte Ansatzpunkte zur Verbesserung der Norm.

Dass man in puncto Heizlast, zumindest was Deutschland betrifft, wohl etwas über das Ziel hinaus geschossen ist, sagt Dipl.-Wirtsch.-Ing. Heinz Haag von der liNear GmbH aus Aachen. Die Vergleichsrechnungen fallen seinen Erkenntnissen nach bei frei stehenden Einfamilienhäusern extrem, bei Mehrfamilienwohnhäusern und Büro- und Verwaltungsgebäuden unter Berücksichtigung des Abschirmungs-Koeffizienten nach DIN EN 12831 Tabelle D.8 etwas abgemildert aus. Eine schlüssige Begründung sieht er dafür nicht. Haag: "Bei Gebäuden, die nach bisheriger DIN 4701 gerechnet wurden, gab es nach unseren Informationen schließlich keine Probleme in kalten Wintern."

Im Detail erklärt der DIN-Referent die Unterschiede zwischen alter und neuer Heizlastnorm wie folgt:

Änderung von Innen- auf Außenmaß + 11%

Wärmebrückenzuschlag auf Wände + 4%

Wärmebrückenzuschlag auf Fenster + 15%

Lüftungswärmeverluste durch minimalen Luftwechsel bis zu + 200%

Zusätzliche Aufheizleistung + 32%

Vereinfachtes Berechnungsverfahren + 28%

Norm-Gebäudeheizlast durch 100% minimalen Lüftungswärmeverlust (nach DIN 4701 normalerweise gleichzeitig wirksamer Lüftungswärmeanteil = 0,5) + 85%

Die Aufzählung zeigt anschaulich, wie viel Reserve für kalte Winter in DIN EN 12831 steckt (dass nicht alle Werte gleichzeitig auftreten werden, sei an dieser Stelle nur der Vollständigkeit halber erwähnt). Daumenwerte scheinen beinahe schon zu realistischeren Ergebnissen zu führen. Doch das kann wohl kaum im Sinne der Beteiligten sein. Heinz Lang von mh-software: "Wie am Beispiel der DIN EN 12831 und deren nationalen Anhang zu erkennen ist, werden Schwächen häufig erst in der praktischen Anwendung aufgedeckt. Diese beginnt heutzutage allerdings erst in Verbindung mit einem entsprechenden Berechnungsprogramm. Die innerhalb des DIN getroffene Regelung, sämtliche Unterlagen während der Erstellung einer Norm nur den Ausschussmitgliedern zugänglich zu machen, ist sicherlich in der Entstehungsphase sinnvoll. Es wäre allerdings eine Überlegung wert, künftig Softwarehäuser vorab mit Informationen zu versorgen. Es ist durchaus nichts Ungewöhnliches, dass Lücken einer Norm erst durch die detaillierte Umsetzung in ein Programm aufgedeckt werden. Mit dieser Vorgehensweise könnte ein Beitrag zur Früherkennung geleistet werden, wovon letztlich auch die Normungsarbeit profitiert."

Ein Vorschlag, der wohl kaum in die Praxis umgesetzt werden dürfte. Dazu Erwin Memmert vom Normenausschuss Heiz- und Raumlufttechnik im DIN: "Sämtliche Unterlagen im Arbeitsauschuss sind nicht für die Öffentlichkeit bestimmt. Diese Vertraulichkeitserklärung fordern wir von den Ausschussmitgliedern ab und dies ist auch europäisch nicht anders.

Um den EDV-Erstellern trotzdem entgegenzukommen, hatten wir im Einvernehmen mit dem Arbeitsausschuss und unserer Geschäftsleitung ein Seminar angeboten, um alle Software-Ersteller auf den gleichen Stand im Vorfeld der Veröffentlichung des Beiblattes 1 zu DIN EN 12831 zu bringen. Einige Software-Ersteller, so wissen wir inzwischen, hatten sich eine noch nicht zu Ende beratene Version auf illegalem Weg besorgt und so hat sich zu unserer Veranstaltung damals niemand angemeldet."

Praktiker aus dem Planungsbereich sehen die Differenzen zwischen der alten und neuen Norm derweil gelassener. Jochen Bieker vom Planungsbüro Alfred Bieker + Partner dazu: "Nach unseren Erfahrungen führte die Anwendung der DIN 4701 nicht selten zu sehr knapp bemessenen Anlagen. Wir nutzen daher schon seit Jahren die Möglichkeit von Leistungszuschlägen auf NT- und Brennwert-Heizkessel. Bei Raumheizkörpern findet man ohnehin kaum den genau passenden Typ. Im Zweifel wählen wir einen größeren Heizkörper aus und sind damit - auch im Sinne unserer Auftraggeber - auf der sicheren Seite."

 


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