IKZ-HAUSTECHNIK, Ausgabe 10/2004, Seite 39 ff.



Neue Dimensionen in der Entwässerungstechnik

Bernd Ishorst*

Mit Veröffentlichung der DIN 1986 Teil 100 "Entwässerungsanlagen für Gebäude und Grundstücke; zusätzliche Bestimmungen zu DIN EN 752 und DIN EN 12056" im März 2002 besteht in Deutschland die Möglichkeit, Entwässerungsleitungen im Anschluss an Klosettanlagen mit 4,0 bis 6,0 Liter Spülwasservolumen in DN 80 oder DN 90 auszuführen. Der Beitrag beleuchtet die Vorteile dieser neuen Dimensionen.

Die Keramikindustrie bietet seit kurzem Klosetts für 4,5 Liter Spülwasservolumen mit bauaufsichtlichem Prüfzeugnis des Deutschen Instituts für Bautechnik (DIBt) im Markt an. Zur Klärung der Abflussverhältnisse unter diesen neuen Bedingungen initiierte der Zentralverband Sanitär Heizung Klima (ZVSHK) eine Untersuchung mit dem Arbeitstitel "Selbstreinigungsfähigkeit von Entwässerungsleitungen bei Verwendung von wassersparenden Klosettanlagen". Diese von zwölf namhaften Herstellern der Sanitärindustrie geförderte Versuchsreihe wurde an der Fachhochschule Münster im Fachbereich Energie Gebäude Umwelt durchgeführt. Im Zuge der Untersuchung stellte sich heraus, dass in liegenden Leitungen DN 100 bei Spülwasservolumen von 4,5 Litern keine ausreichenden Transportweiten gewährleistet sind. Entsprechend den Versuchen gibt es zwei Nennweiten, die sich für wassersparende Klosettanlagen eignen:

Mit diesen beiden Nennweiten lassen sich auch Klosetts mit einem Spülwasservolumen von 6,0 Liter problemlos entwässern. Die Untersuchungsergebnisse wurden bei der Bearbeitung der deutschen Restnorm DIN 1986 Teil 100 berücksichtigt. Danach sind die Nennweiten DN 80 und DN 90 nicht nur für Einzel- bzw. Sammelanschlussleitungen von Klosetts mit 4,0 bis 6,0 Liter Spülwasservolumen zugelassen, sondern können auch unter definierten Bedingungen für Fall-, Sammel- und Grundleitungen eingesetzt werden.

Bild 1: Flächenunterschiede bei gusseisernen Abflussrohren DN 50 bis DN 100.

Aus Rationalisierungsgründen sind der ZVSHK und der Sanitärgroßhandel (DGH) dafür, dass bei gusseisernen Abflussrohren und Formstücken keine zusätzliche Nennweite zwischen DN 70 und DN 100 eingeführt wird. Die deutsche Gussrohrindustrie wird deshalb die Nennweite DN 70 durch die Nennweite DN 80 ersetzen.

Die Vorteile von Abflussrohren DN 80:

  • keine zusätzliche Nennweite, da DN 70 entfällt,
  • keine zusätzlichen Lagerkapazitäten,
  • einfachere Materialbestellung,
  • nur zwei Nennweiten für Ein- und Zweifamilienhäuser,
  • in Mehrfamilienhäusern bis zu 5 Wohnungen an eine Fallleitung DN 80 möglich,
  • geringerer Platzbedarf,
  • bessere Selbstreinigungsfähigkeit,
  • Gefälle nur 1 cm/m, Grundleitungen können entfallen,
  • Besserer Schallschutz durch kleinere Nennweiten.

Durch die geringe Vergrößerung des Querschnitts von DN 70 mit di = 68 mm auf DN 80 mit di = 75 mm um ca. 11% ist erreicht worden, dass auch Klosettanlagen mit fäkalhaltigen Abwässern deutlich bessere Transportweiten haben als die vergleichbare Nennweite DN 100 mit Spülwassermengen von 4,5 und 6,0 Litern.

Auszug aus Tabelle 4 in DIN 1986-100: Anschlusswerte und Nennweiten von Einzelanschlussleitungen

Entwässerungsgegenstand

Anschlusswert DU

Einzelanschlussleitung

WC mit 4,0/4,5 l Spülkasten

1,8

DN 80/DN 90

WC mit 6,0 l Spülkasten/Druckspüler

2,0

DN 80 bis DN 100

WC mit 7,5 l Spülkasten/Druckspüler

2,0

nicht gebräuchlich

WC mit 9,0 l Spülkasten/Druckspüler

2,5

DN 100

Die Darstellung im Bild 1 verdeutlicht, dass die Flächenunterschiede von DN 50 zu DN 70 und DN 70 zu DN 100 jeweils eine Verdopplung bedeutet. Die neue Nennweite DN 80 hat ein Flächenverhalten zu DN 100 von 61% und bleibt somit etwa in der Mitte zwischen DN 50 und DN 100 mit all den Vorteilen gegenüber der Nennweite DN 70.

Bild 2: Einfamilienhaus mit 4,5 bzw. 6,0 Liter WCs, komplett in DN 80 und DN 50.

Bemessungsregeln für DN 80 und DN 90

Einzelanschlussleitungen werden gemäß DIN 1986-100, Tabelle 4, dimensioniert. Für WCs mit 4,0/4,5 Liter Spülkasten beträgt der Anschlusswert DU = 1,8; für WCs mit 6,0 Liter Spülkasten/Druckspüler = 2,0.

Die Anwendungsgrenzen für unbelüftete Einzelanschlussleitungen ergeben sich aus der Tabelle 5 der DIN EN 12056-2 (System I); für belüftete Einzelanschlussleitungen aus der Tabelle 8 der DIN EN 12056-2 (System I). Sammelanschlussleitungen müssen entsprechend DIN 1986-100, Abschnitt 8.3.2.2 und Tabelle 5 bemessen werden.

Bild 3: Beispiel für 5 Wohnungen an einer Fallleitung DN 80 mit 6,0 Liter Klosetts.

Hinweis: Bei unbelüfteten Sammelanschlussleitungen DN 80 und DN 90 können maximal zwei Klosetts angeschlossen werden, wobei eine maximale Rohrlänge von 10 m möglich ist; bei DN 70 beträgt die maximale Rohrlänge 4 m wobei keine Klosetts angeschlossen werden dürfen. Belüftete Sammelanschlussleitungen werden wie Sammelleitungen bemessen.

Fallleitungen mit Hauptlüftung entsprechend Tabelle 11 der DIN EN 12056-2. Bei 88 Grad Abzweigen mit 45 Grad Einlaufwinkel gemäß DIN 19522 (SML) ist bei DN 80 ein max. Schmutzwasserabfluss von 2,6 l/s möglich. Dies entspricht S DU = 27 (ca. 5 Bäder bzw. Wohnungen).

Tabelle 5 in DIN 1986-100: Bemessung von Sammelanschlussleitungen (unbelüftet).

DN

Di,min
mm

K = 0,5
S DU
l/s

K = 0,7
S DU
l/s

K = 1,0
S DU
l/s

max. Rohrlänge m

50

44

1,0

1,0

0,8

4,0

56/60

49/56

2,0

2,0

1,0

4,0

70*

68

9,0

4,6

2,2

4,0

80

75

13,0**

8,0**

4,0

10,0

90

79

13,0**

10,0**

5,0

10,0

100

96

16,0

12,0

6,4

10,0

* keine Klosetts
** maximal 2 Klosetts

Sammelleitungen werden gemäß DIN 1986-100, Abschnitt 8.3.4 bemessen. Die Dimensionierung erfolgt nach den Leistungstabellen der Hersteller oder der Tabelle A.2 der DIN 1986-100. Für einen Gesamtschmutzwasserabfluss von < 2,0 l/s kann die Bemessung nach Tabelle 5 der DIN 1986-100 erfolgen.

Grundleitungen müssen gemäß DIN 1986-100, Abschnitt 8.3.5 bemessen werden. Die Grundleitung kann bis zum nächstgelegenen Schacht außerhalb von Gebäuden in der Mindestnennweite DN 80 (di = 75 mm) ausgeführt werden, wenn die hydraulische Berechnung dies zulässt. Die Dimensionierung erfolgt nach den Leistungstabellen der Hersteller oder den Tabellen im Anhang der DIN 1986-100.

Tabelle 11 in DIN EN 12056-2: Zulässiger Schmutzwasserabfluss (Qmax) und Nennweiten (DN).

Schmutzwasserfallleitung mit Hauptlüftung DN

Qmax (l/s) Abzweige

Abzweige mit Innenradius

60

0,5

0,7

70

1,5

2,0

80*

2,0

2,6

90

2,7

3,5

100**

4,0

5,2

125

5,8

7,6

150

9,5

12,4

200

16,0

21,0

* Mindestnennweite bei Verwendung von Klosettbecken mit 4 bis 6 l Spülwasservolumen
**Mindestnennweite bei Verwendung von Klosettbecken mit Spülwasservolumen > 6 l

Viele Vorteile

Die Vorteile der neuen Dimensionen in der Entwässerungstechnik liegen klar auf der Hand. Einsparungen bei Material- und Lohnkosten sowie Platzersparnis sind nur einige Gründe, die für den Einsatz von Entwässerungsleitungen DN 80 und DN 90 gegenüber DN 100 sprechen. Bei Guss liegt es aufgrund der neuen Nennweite DN 80 nahe, das gesamte Entwässerungssystem einschließlich der Einzel- und Sammelanschlussleitungen durchgängig mit nicht brennbaren gusseisernen Abflussrohrsystemen auszuführen und mit entsprechenden Schall- und Brandschutzlösungen den höchsten Komfort- und Sicherheitsanforderungen zu entsprechen.

Internetinformationen:
www.izeg.de


*) Bernd Ishorst, Geschäftsführer Informationszentrum Guss e.V., St. Augustin, info@izeg.de