IKZ-HAUSTECHNIK, Ausgabe 7/2004, Seite 17 f.


VERBÄNDE AKTUELL 


 Nordrhein-Westfalen


Wärmeservice im Visier

Die RWE Westfalen Weser-Ems erlebt zur Zeit in verschiedenen Innungen des Ruhrgebietes ihr Waterloo. Viele Innungsbetriebe mucken auf und fragen sich öffentlich: Welchen Sinn machen die Heizungscontracting-Angebote von RWE Westfalen Weser-Ems? Was nutzen diese Angebote dem SHK-Handwerk?

"Ich habe noch die Worte im Ohr: Wir wollen mit dem Handwerk auskömmlich zusammenarbeiten. Wir werden Ihnen unterschiedliche Konzepte vorstellen, die Sie bitte kalkuliert wieder an uns zurücksenden. Daraus berechnen wir dann das Mittel zur Paket-Preisgestaltung. Nichts kam, nichts wurde von der RWE eingehalten", erklärt das Mitglied im Vorstand der Innung Herne/Castrop-Rauxel/Wanne-Eickel, Friedrich-Wilhelm Krischun.

Worum geht es?

RWE Westfalen Weser-Ems hat den neuen Wärmeservice Varitherm in den Markt gebracht und versucht, das SHK-Handwerk als Kooperationspartner zu gewinnen. Dazu Alfred Gayer, Leiter Vertrieb Wärmeservice von RWE: "Der Wärmeservice von RWE ů sieht die Integration des lokalen Fachhandwerks vor. Alle Objekte wurden und werden durch lokale Fachhandwerker gebaut, gewartet und repariert. Es ist auch zukünftig nicht vorgesehen, dass für diese Tätigkeiten eigene Servicekräfte eingestellt werden. Bei Anfrage wird der Kunde nach seinem Stammhandwerker gefragt. RWE ist daran interessiert, den Stammhandwerker des Kunden zu berücksichtigen, da diesem die Heizungsanlage und das Objekt bekannt sind. Um diese Kundenbeziehung zum Stammhandwerk zu unterstreichen, bietet RWE das Produkt Varitherm ů an. Das heißt, die Fachhandwerker können ihren Kunden Varitherm direkt anbieten und die Erweiterung ihrer Beratungskompetenz unterstreichen, sodass die Kundenbeziehung des Fachhandwerks gestärkt werden kann.

RWE bietet den Fachhandwerkern eine Kooperation an, in der auch Zusatzprämien für die Vertragsabschlüsse beinhaltet sind. Die Beauftragung des Fachhandwerks erfolgt zu marktgerechten Konditionenů Bei Fachhandwerkern, die eine Kooperation Varitherm abgeschlossen haben, erfolgt analog eine jährliche Überprüfung der Konditionen. Für den Fall, dass ein Kunde keinen Stammhandwerker benennen kann, werden vom RWE momentan drei bis fünf lokale Fachhandwerker zur Angebotsabgabe angefragt."

So weit so gut, alles eitler Sonnenschein? Ist das alles eindeutig?

Obermeister Dieter Schnabel.

Die SHK-Handwerker lassen sich nicht zu Schraubern von RWE Gas degradieren, so der Obermeister der Fachinnung Sanitär-Heizung-Klempnerei Recklinghausen, Dieter Schnabel, gegenüber der IKZ-HAUSTECHNIK. Und weiter: "das Marktverhalten der RWE Westfalen Weser-Ems wirkt sich in erheblicher Weise auf die wirtschaftliche Situation der Sanitär-, Heizungs- und Klimabetriebe aus und letztlich auf die Existenz dieser Betriebe." Den Betrieben werden die Kundenberatung, Angebotserstellung sowie die Installation von Heizungsanlagen langfristig aus der Hand genommen, meint Schnabel. Das scheinbar günstige Heizungsleasing eines Energieversorgers rechnet sich auch - allerdings nur für ihn selbst. Das sollten die Kunden wissen, bevor sie sich 10 und 15 Jahre preislich binden.

In der Praxis fand die viel zitierte Integration des lokalen Fachhandwerks nie statt - weder vor Einführung des Varitherm-Konzeptes noch nach Einführung.

Obermeister Schnabel: "Wir dürfen uns die Kundenberatung nicht nehmen lassen, wir dürfen uns nicht die Installation der Heizungsanlage nehmen lassen, wir dürfen uns nicht die Wartung und die Reparaturen nehmen lassen und ganz wichtig: Wir müssen dem Kunden unsere Leistung in Rechnung setzen", so der Obermeister.

Die Innung Recklinghausen reagierte prompt: In einer breit angelegten Anzeigenkampagne haben sich die Innungsmitglieder entschlossen, die Endverbraucher in der Region aufzuklären. In der Kampagne heißt es: 3 gute Gründe, warum Heizungsleasing nicht das Papier wert ist, auf dem es gedruckt istů

1. Freiheitsentzug für 15 Jahre!

Bei einer geleasten Heizung, so in der Annonce nachzulesen, schließen Sie einen Langzeitvertrag über 10 bis 15 Jahre mit einem Energielieferanten: Auf die Freiheit der Wahl müssen Sie verzichten.

2. Die teure Zwangsverbindung

Heizungsleasing scheint auf den ersten Blick günstig zu sein. Aber geleaste Heizungen sind teurer als gekaufte - und Sie müssen sich lange nach dem Energiepreis Ihres Anbieters richten.

3. Ihr Service in weiter Ferne

Der Wartungs- und Reparaturservice an Ihrer Heizung ist alleinige Sache Ihres Energieversorgers. Gut möglich, dass dann Installationstouristen kommen, wenn es für ihn so billiger wird.

Stellungnahme des Fachgroßhandels Fachgroßhandels

Mit Argusaugen verfolgt auch der deutsche Großhandelsverband Haustechnik die regionalen Vertriebsmodelle, die gemeinsam von Versorgern, Herstellern und Handwerksunternehmen ins Leben gerufen werden. Diese Modelle - so die Vertreter des Fachgroßhandels - gefährden oft die bewährten Praktiken im Vertriebsweg. Industrie, Handel und Handwerk sollten folgende Freiheiten für sich proklamieren:

  • die Freiheit der Lieferantenwahl,
  • die Freiheit der Sortimentsbildung,
  • die Freiheit der eigenständigen Kalkulation und Preisfindung.

Diesen Prinzipien wirken einzelne Modelle leider entgegen. So werden durch Preisnennungen, beispielsweise gegenüber dem Endverbraucher, Preisniveaus fixiert, die den regionalen Markterfordernissen nicht gerecht werden. Und der Handel fährt fort: bewährte, gefügte Strukturen des marktwirtschaftlichen Miteinanders sind dadurch gefährdet. Auch die Sortimentsfreiheit des Großhandels wird durch einseitige Festlegung auf bestimmte Fabrikate eingeschränkt. Der DG Haustechnik appelliert deshalb an die Verbände des Handwerks und die Wärmeversorger, das Thema "Contracting" gemeinsam voranzutreiben. Faire marktwirtschaftliche Strukturen sind hier erforderlich.

In der Tat: Nicht nur für den Verbraucher entwickeln sich die von der RWE versprochenen Vorteile zu einem "Klotz am Bein", sondern auch für die Betriebe, die in Kooperation mit dem Konzern Geschäfte machen, da sie dadurch ihren Kunden an die RWE verlieren und nur noch im Auftrag arbeiten, ohne eigene Entscheidungsmöglichkeiten in der Kundenberatung und Auftragsdurchführung. Obermeister Schnabel sagt es deutlich: "Sobald die RWE die Heizungsinstallation mit unserem Kunden abrechnet, ist der Nutzer Kunde der RWE und nicht des Fachhandwerks.


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