IKZ-HAUSTECHNIK, Ausgabe 20/2003, Seite 38 f


UNTERNEHMENSFÜHRUNG


Mehr wissen als der Chef

Im Vergleich zu den skandinavischen Ländern ist die Weiterbildungskultur in Deutschland eher unterentwickelt. Da hebt auch kein Vorzeigeunternehmen wie die H. Schalm GmbH aus Mönchengladbach den Durchschnitt. Berufliche Qualifikation nimmt bei diesem SHK-Handwerksbetrieb eine bedeutende Rolle in der Unternehmensphilosophie ein.

Norbert Schalm bleibt in jeder Lage Kostenrechner: "Die besten Zinsen bringt eine Investition ins Wissen." Damit fährt der geschäftsführende Gesellschafter der H. Schalm GmbH schon seit Jahren sehr gut. Er und sein Bruder Armin Schalm haben das 1979 gegründete Unternehmen für Heizung, Klima, Sanitär und Versorgungstechnik in Mönchengladbach vor acht Jahren von ihrem Vater übernommen. Beide haben nach ihrer Lehre noch ein Studium der Versorgungstechnik angehängt, und beide lassen auch heute nicht ab von ihrem Drang nach ständig neuem Wissen. "Wir nehmen uns das Recht heraus, mindestens zweimal im Jahr eine externe Weiterbildung zu besuchen", sagt Norbert Schalm. "Und die hat dann garantiert nichts mit unserem eigentlichen Fachgebiet zu tun."

Norbert Schalm (re.) bei der Auftragsabstimmung mit einem seiner 33 Mitarbeiter.

Der scheinbare Luxus, den sich die Chefs Jahr für Jahr angedeihen lassen, hängt direkt mit ihrer Unternehmensphilosophie zusammen. "Es ist wichtig, in Abständen auch über andere Themen zu reflektieren, andere Menschen und Meinungen kennen zu lernen und letztlich den eigenen Betrieb einmal von außen betrachten zu können", so Norbert Schalm. "Auf diese Art bekommt man viele neue Ideen."

Genau dies wünscht er sich auch von seinen 33 Mitarbeitern, zu denen auch sieben Azubis zählen. Deshalb gehört eine permanente berufliche Weiterbildung zu den wichtigsten Unternehmenszielen. Sechs interne und zwei externe Schulungen, gleich zu welchem Thema, sind das Mindestmaß an Fortbildung, das jedem von ihnen pro Jahr angetragen wird. Von "Bildungsterror" will gleichwohl niemand der Schalm-Mitarbeiter sprechen. "Die Kosten trägt die Firma zu 100 Prozent, bis hin zu eventuellen Reise- oder Übernachtungsgeldern", erklärt der Firmenchef. "Dafür erwarten wir, dass der Mitarbeiter seine eigene Zeit einbringt, also Freizeit investiert." Geschickt wird mit dieser Kopplung erreicht, dass Weiterbildung mehr ist als ein von der Firma bezahltes, unverbindliches Kaffeetrinken mit zweifelhaftem Qualifikationserfolg. Wissen aber, so der Hintergedanke, sollte immer etwas kosten, und zwar das Kostbarste eines jeden Menschen, seine Zeit.

Wettbewerbsvorteile dank Spezialisierung

Norbert Schalm weiß, dass es nicht einfach ist, Menschen von den Vorzügen einer permanenten Weiterbildung zu überzeugen. Er betrachtet dies als eine ureigene unternehmerische Aufgabenstellung: "Entscheidend ist es, Anreize zu schaffen, um auch den letzten für die Bildung zu motivieren. Schließlich hat nicht nur jeder einzelne etwas von der Qualifikation. Am meisten profitiert natürlich die Firma selbst." Kontinuierlich steige die fachliche Qualifikation der Mitarbeiter. "Dank einer hohen Spezialisierung unserer Mitarbeiter sind wir heute relativ unempfindlich gegenüber dem konjunkturellen Auf und Ab", so Norbert Schalm. Keinen einzigen Arbeitsplatz musste sein Betrieb in den letzten fünf Jahren abbauen. Kurzarbeit ist ein Fremdwort. Die Fluktuation pendelt gegen Null. Der Krankenstand ist zu vernachlässigen.

Teamwork ist an der Tagesordnung: Die Brüder Norbert (re.) und Armin Schalm stimmen sich regelmäßíg über alle Unternehmensziele ab.

Eine Besonderheit des Handwerksbetriebs ist die Existenz des Arbeitskreises "Jugend im Unternehmen". Die Meister und Monteure bieten den Azubis regelmäßig interne Weiterbildungsveranstaltungen zu Themen an, die sich die Jugendlichen sogar selbst wählen können. Zusätzlich zur Vertiefung der Lehrinhalte der Berufsschule setzt hier der Beginn einer späteren Spezialisierung ein. Für den Mönchengladbacher Unternehmer kann dies gar nicht früh genug passieren: "Die Azubis suchen sich die Themen heraus, die sie interessieren. Meistens aber können sie gar nicht genug bekommen und nutzen jede sich bietende Qualifikationsmöglichkeit."

Was geschieht nun genau bei der H. Schalm GmbH? Dazu ein Beispiel: Ein Kunde suchte für einen Auftrag eine Firma, die Kunststoffe schweißen konnte. Ein Mitarbeiter der Gebrüder Schalm interessierte sich für das Thema, besuchte sofort einen externen Lehrgang und qualifizierte anschließend seine Kollegen in Inhouse-Schulungen. "Heute können alle unsere Leute Kunststoffe schweißen", sagt Norbert Schalm stolz. Drücke bis 200 bar, Temperaturen bis 360C, die Arbeit mit moderner Gebäudeleittechnik, der fachgerechte Umgang mit diversen Edelmetallen, TÜV-geprüftes Schweißen - all das gehört heute ins Standard-Leistungspaket des Unternehmens.

"Viele unserer Leute wissen in so manchem Bereich besser Bescheid als wir Chefs", so Norbert Schalm. "Das gibt den Leuten eine innere Bestätigung und erhöht ihr Selbstwertgefühl. Sie wissen, dass sie gefragte Fachleute sind. Deshalb arbeiten sie besser und übernehmen gern mehr Eigenverantwortung. Was will sich ein Unternehmer denn mehr wünschen?" Die Mitarbeiterbindung wächst in einem Maße, dass er mittlerweile vom unternehmerischen Denken seiner Angestellten spricht. Dies alles hat natürlich auch seinen Preis. Rund ein Prozent des Umsatzes lassen sich die beiden Unternehmer die berufliche Weiterbildung alljährlich kosten.

Der unternehmerische Erfolg gibt ihnen Recht. Zudem wurde das Mönchengladbacher Unternehmen Ende vergangenen Jahres mit der höchsten Auszeichnung für innovative Strategien in der Arbeits- und Sozialpolitik auf der Internationalen Messe "Haus und Wohnen" in Köln geehrt. Unmittelbar darauf ging ein weiterer 1. Preis an die H. Schalm GmbH. Dieses Mal war es eine Anerkennung als weiterbildungsfreundlichster Handwerksbetrieb in NRW. Und im Juni dieses Jahres wurde dem Unternehmer der Anerkennungspreis des "Best-Practice-Award - gesünder Arbeiten in NRW" verliehen (s. IKZ-HAUSTECHNIK 14/2003, S. 16). Mit den Preisgeldern wird die komplette Firma ein ganzes Wochenende lang in ein Nürnberger Hotel reisen. "Dabei wollen wir einfach nur fit sein für die Zukunft", kommentiert Norbert Schalm. "Und berufliche Weiterbildung ist der Schlüssel dafür."

 


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