IKZ-HAUSTECHNIK, Ausgabe 13/2003, Seite 48 ff.


MARKT


Ärger mit der Discount-Armatur ist programmiert

Mischer für 19,99 Euro auf dem Prüfstand: Sicherheitsmängel und mögliche Gesundheitsrisiken

Die Situation kennt jeder Fachhändler: Auf ganzseitigen Anzeigen oder in Tageszeitungs-Beilegern verramschen Discounter Lockvogel-Angebote. Und das zu einem Bruchteil des Preises, den der Fachhandel verlangt. Keine Frage: Wo die Handbrause mit Schlauch für 9,95 EURO oder die “Qualitäts˝-Armatur für 19,99 EURO inseriert wurde, da hat der örtliche Handwerker schlechte Karten, wenn es ans Verkaufen der Markenprodukte aus dem Profi-Vertriebsweg geht. Aber auch angesichts der schieren Kampfpreise müssen dem Handwerk die Argumente nicht kalt werden: Zuweilen ist, was da verramscht wird, wirklich Ramsch. Die Redaktion IKZ-HAUSTECHNIK hat eine beliebige Discounter-Armatur erstanden und bei Kludi auf Herz und Nieren prüfen lassen.

WT-Einhebelarmatur mit Keramikkartusche für 19,90 EURO ein Schnäppchen?

Der Ort des Geschehens: Das Kludi Testlabor im sauerländischen Menden. An den Wänden Apparaturen, die testen, was nach deutschen und europäischen Normen Stand der Technik ist und von einem Produkt erwartet werden kann. Thomas Runtemund, Leiter der Kludi Anwendungstechnik, diskutiert mit IKZ-Chefredakteur Günther Klauke die Ergebnisse. Auf dem Prüfstand: Eine Discounter Armatur für sage und schreibe 19,99 EURO. Man fasst es kaum: Im standardisierten Prüfverfahren löste sich beim Drucktest der Panzerschlauch vom Konus-Anschlussstück am Armaturenkörper. Der Einhebelmischer zum sagenhaften Preis richtet im schlimmsten Fall sagenhaften Schaden an.

Prüfbericht

Produkt:

Waschtisch, EHM

Preis (netto):

19,99 Euro

Produktbeschreibung:

Waschtisch-Einhandmischer, Einlochmontage, Luftsprudler M 24x1, Keramikkartusche, flexible verdrehsichere Anschlussschläuche,

Technische Daten:

Oberfläche verchromt, Armaturenhöhe 135 mm, Auslaufausladung 110 mm, Rapidbefestigung,

Durchflusswerte:

Produktvorteile

Montage,- / Pflegeanleitung vorhanden,

Produktnachteile:

Armatur ist nicht komplett montiert, Anschlussschläuche liegen separat bei, keine Produktkennzeichnung vorhanden, kein Geräuschprüfzeichen vorhanden, keine kalt / warm Kennzeichnung der Anschlussschläuche, Armatur hat keine HW-Sperre, Armatur ist nur in PE-Beutel verpackt, Verpackung bietet keinen optimalen Transportschutz, Abdeckkappe über der Kartusche weist Oberflächenmängel auf, Zugstangenverschraubung ist nach dem Festziehen sehr wackelig, bei der Druckprüfung löste sich ein Schlauch vom Konus der Verschraubung (siehe Bild),

Fazit:

Die untersuchte Waschtischarmatur erfüllt die grundsätzlichen Funktionen. Jedoch weist die Armatur im Bereich der Produktkennzeichnung Mängel auf. Ein gravierender Mangel fiel an einem der Anschlussschläuche auf, als dieser dem Drucktest nach Norm nicht standhielt.

Thomas Runtemund: "Wenn der Panzerschlauch vom Konus der Verschraubung abgeht, dann ist das mithin das Schlimmste, was man als Verbraucher mit einer Armatur erleben kann." Die dem Produkt beiliegende Garantiekarte schließt weitergehende Ansprüche aus: Wenn das Haus geflutet ist, dann gibt‘s zum Ausgleich eine neue Armatur - vorausgesetzt der Kunde will noch eine von dieser Sorte.

Die Verpackung wirbt mit dem Aufdruck "LGA geprüft" (Landesgewerbeanstalt Bayern). Auf Nachfrage der Redaktion erklärt Martin Fries vom Sanitärtechnik-Fachzentrum der LGA Würzburg, man habe zwar ein Geräuschprüfzeichen vergeben - die Armatur sei darüber hinaus aber nicht untersucht worden. Weiterer Faux-pas: Auch auf die Kennzeichnung der Anschlüsse für kaltes respektive warmes Wasser wurde verzichtet. Gerade wenn - wie bei Discount-Produkten üblich - der Käufer selbst montiert, verspricht das eine gefährliche Verwechslungskomödie. Käufer mit Kindern in der Familie sollten sich über die fehlende Heißwassersperre Gedanken machen: Immerhin liefert die Armatur bei voll geöffnetem Hebel 16 Liter des heißesten Nasses an, das der Warmwasserspeicher liefern kann. Die ungebremsten Durchlaufmengen (bis zu 18 Liter Mischwasser) zeigen zudem, dass langfristig durch den Siphon gurgelt, was kurzfristig gespart schien. Markenarmaturen haben hier einen Durchflussbegrenzer.

Im standardisierten Prüfverfahren löste sich beim Drucktest der Panzerschlauch vom Konus-Anschlussstück am Armaturenkörper. Die Einhebelarmatur zum sagenhaften Preis richtet im schlimmsten Fall sagenhaften Schaden an.

Runtemund und Klauke aber gingen im Forscherdrang noch weiter: Nachdem die Armatur auf Herz und Nieren getestet war, schien eine Obduktion angebracht. Die Messingproben aus dem Armaturen-grundkörper sollten Auskunft über die Herkunft der Armatur und der verwendeten Rohstoffe geben. Auch hier staunt der Laie - und der Fachmann wundert sich. Runtemund: "Wir wissen, dass beispielsweise in China Alteisensammler einfache Messinggießereien beliefern. Von der alten Posaune bis zum Zinnsoldaten wandert alles in den Schmelztiegel - und häufig arbeiten Kinder in diesen Betrieben."

Tabelle 1: Gemessene Zusammensetzung der Discount-Armatur

Element

Konzentration

Kludi Qualitätsgrenze

 

Faktor Wert >

DIN 50930 Teil 6

Pb

2,5660

1,70

Blei

1,51

3,50

Fe

0,3880

0,20

Eisen

1,94

0,40

Sn

1,0300

0,30

Zinn

3,43

1,00

Ni

0,2580

0,20

Nickel

1,29

0,20

Al

0,9250

0,65

Alu

1,42

0,80

Si

0,1070

0,03

Silizium

3,57

0,02

So ähnlich könnte auch diese Armatur zustande gekommen sein: Das verwendete Messing verletzt nicht nur in allen Fällen die hauseigenen Kludi-Qualitätsnormen, sondern zuweilen auch die DIN 50930 Teil 6 (Grenzwerte entsprechend der Trinkwasserverordnung): Deutliche Grenzwertüberschreitungen ergeben sich bei den Nickel- und Siliziumanteilen der Messinglegierung. Das bedeutet nicht nur, dass minderwertiges Messing verschmolzen wurde, sondern auch, dass der Gesundheit der Nutzer recht wenig Wichtigkeit beigemessen wird. Runtemund: "Zu fragen ist, inwiefern sich die teils giftigen und in beachtlicher Konzentration vorliegenden Metalle im anstehenden Wasser ablagern." Gemeint ist das Wasser, das zwischen den Zapfvorgängen lange im direkten Kontakt mit dem Messing des Mischers steht - und anschließend zum Trinken, Zähneputzen oder Kaffeekochen verwendet wird. Martin Fries von der LGA formuliert es anders: "Wenn der unbedarfte Einkäufer einer Discounterkette loszieht und in China eine billige Armatur ordert, dann denkt er, er kaufe einen Wasserhahn. In Wirklichkeit kauft er eine Zapfstelle für unser wichtigstes Lebensmittel."


"Nicht guten Gewissens"

Armaturen vom Discounter: Attacken von unten

Der Mendener Armaturenhersteller Kludi testet seit Jahren nicht nur Produkte des Wettbewerbs sondern immer wieder auch so genannte Discount-Ware. Wir sprachen mit Werner Steffan, Geschäftsführer Marketing und Vertrieb bei Kludi, über den Angriff der Kaffeehändler und Discounter.

IKZ-HAUSTECHNIK: Herr Steffan - lassen sich Armaturen, die den Endkunden 19,99 EURO kosten, mit gutem Gewissen herstellen und vertreiben?

Steffan: Nein. Entweder wird der Kunde mit lausiger Qualität belästigt und geschädigt oder Menschen in einem Drittwelt-Land werden ausgebeutet - meist ist es eine Kombination aus beidem.

IKZ-HAUSTECHNIK: Sind Defizite wie bei der untersuchten Armatur die Ausnahme oder eher die Regel?

Steffan: Was wir hier sehen ist die Regel. Wir schätzen, dass der betreffende Discounter während der zweiwöchigen Aktion eine hohe fünfstellige Stückzahl unters Volk gebracht hat. Angesichts der Schwächen der Armatur gehen wir von einer Reklamationsquote von zehn bis 15 Prozent aus. In der Regel tauschen diese Vertriebswege kulant um. Da wird Ramsch kulant gegen Ramsch umgetauscht. Nach dem Motto: auf ein Neues!

IKZ-HAUSTECHNIK: Und mögliche Schäden?

Steffan: Für den Amateur-Installateur ist es nicht ganz einfach nachzuweisen, dass der Schaden am Panzerschlauch nicht durch Montagefehler, sondern aufgrund mangelhafter Qualität des Produktes entstanden ist. Die unter Wasser gesetzte Wohnung ist zudem der offensichtlichste Fall von Schädigung - die mögliche schleichende Vergiftung der Nutzer eine andere. Mit allgemeinen Geschäftsbedingungen versuchen sich die Anbieter weitergehenden Ansprüchen zu entziehen.

IKZ-HAUSTECHNIK: Für wie groß halten Sie die Bedrohung der Handwerker und Fachgeschäfte durch solche Discounter-Attacken.

Steffan: Man sollte das nicht unterschätzen. Letztlich räumen diese Anbieter das ganze preissensible Marktsegment ab und hinterlassen auf Monate hinaus verbrannte Erde bei Brausen, Schläuchen, Armaturen, Duschvorhängen und all dem, was ein Endkunde sich zutraut, selbst zu montieren.

IKZ-HAUSTECHNIK: Was raten Sie dem Handwerker/Einzelhändler vor Ort?

Steffan: Er soll mit Fakten argumentieren - die werden vernünftige Zeitgenossen überzeugen. Die IKZ -HAUSTECHNIK bietet da jetzt erstmals welche an. Jetzt heißt es: kopieren und predigen.