IKZ-HAUSTECHNIK, Ausgabe 13/2002, Seite 26 ff.


SANITÄRTECHNIK


Hygienische Aspekte bei Konzeption und Betrieb von Trinkwasser-Installationen

Teil 2: Beispiele aus der Praxis

Dr. Peter Arens*

Substanzen aus der Umgebung der Trinkwasser-Installation können dann in das Trinkwasser gelangen, wenn die verwendeten Werkstoffe durchlässig für diese Substanzen sind. Dies ist bei einigen "ungesperrten" Kunststoffen der Fall und führte in der Vergangenheit dazu, dass beispielsweise Lösungsmittel, Geruchs- und Geschmacksstoffe durch die Wandung des Werkstoffs ins Trinkwasser gelangten und zu Beschwerden führten. Der nachfolgende zweite Teil der Artikelserie beschreibt einige Fälle aus der Praxis. 

Die Mieter eines Mehrfamilienhauses bemerkten, dass das Trinkwasser in ihren Wohnungen nach Farbe roch. Zur Ursachenklärung wurden am Hausanschluss und in den betroffenen Wohnungen Wasserproben entnommen und untersucht. In denjenigen Proben, die am Hausanschluss entnommen wurden, waren keine organische Lösemittel nachweisbar, jedoch in den Wasserproben aus den Wohnungen. Damit war klar, dass die Ursache für den Geruch des Trinkwassers im Haus selbst gesucht werden musste.

Nach Gesprächen mit den Bewohnern und einer Ortsbegehung stellte sich heraus, dass in einem der Kellerräume Möbel renoviert und neu gestrichen wurden. Durch diesen Raum verlief eine auf Putz verlegte Trinkwasserleitung aus Kunststoff, die jedoch nicht direkt mit der Farbe in Kontakt gekommen war. Lediglich die in der Raumluft vorkommenden Lösungsmittel waren durch die Wandungen der Rohre ins Trinkwasser gelangt und hatten zu den Beschwerden geführt.

Bild 3: Schematische Darstellung zur Diffusion gasförmiger Verbindungen (z.B. Sauerstoff, Kohlendioxid, organische Lösungsmittel, Geruchs- und/oder Geschmacksstoffe) durch die Wandung "ungesperrter" Kunststoffrohre in das Trinkwasser.

Aber auch bei Versorgungsleitungen, die in der Straße oder zwischen Gebäuden verlegt sind, traten schon Beeinträchtigungen der Wasserbeschaffenheit auf. So konnte in einer Stadt im Ruhrgebiet der Geruchsstoff, der dem Gas beigemischt wird, im Trinkwasser nachgewiesen werden. Ursache war nach Meinung der Fachleute der geringe Abstand zwischen Gas- und Trinkwasserrohren aus Kunststoff in einer Straße.

Ein besonderes Problemfeld ist nach Ansicht des Umweltbundesamtes beim Gartenbau zu sehen, wenn die dortige Wasserversorgung beispielsweise von Gewächshäusern über im Boden verlegte Polyethylenrohre (PE) erfolgt. Denn im Landschafts- und Gartenbau wird u.a. eine gasförmige, geruchslose, jedoch hochgiftige erbgutverändernde Verbindung (Methylisothiocyanat) zur Bekämpfung von Bodenschädlingen verwendet. Mitarbeiter des Bundesgesundheitsamtes Berlin wiesen nach, dass diese Substanz Polyethylen (PE) durchdringen und über Monate in der Wandung verbleiben kann. Sie halten "die Vorstellung, dass im Bereich landwirtschaftlicher oder gärtnerischer Betriebe erdverlegte Trinkwasserleitungen aus Kunststoff einmal einer Begasungsaktion mit Methylisothiocyanat ausgesetzt werden, ... nicht für abwegig. ...".

Der Praktiker mag sich an dieser Stelle die Frage stellen, wie er ohne Anfangsverdacht und Messtechnik eine solche geruchlose Verbindung im Trinkwasser bemerken und entsprechende Maßnahmen ergreifen will. Der Fachverband SHK Bayern empfiehlt deshalb: "Soweit im Freiland oder im Gewächshausbau solche Mittel verwendet werden, ist von der Verlegung von Trinkwasserleitungen aus PE abzuraten".

Veränderungen der Trinkwasserbeschaffenheit, die ebenfalls auf Diffusionsvorgänge im Erdreich zurückzuführen sind, können auch durch Mineralölprodukte verursacht werden. So gelangten beispielsweise Mineralölprodukte ins Trinkwasser, nachdem auf dem Gelände einer Tankstelle ein Abschnitt der gußeisernen Trinkwasserversorgungsleitung beschädigt und teilweise durch ein Kunststoffrohr ersetzt worden war.

Mikrobiologische Veränderungen

In den vorangegangenen Kapiteln wurde über Substanzen berichtet, die aus den Werkstoffen herausgelöst werden oder durch die Werkstoffe hindurch in das Trinkwasser gelangen können. Sie führen immer zu Veränderungen der Wasserbeschaffenheit, die im Rahmen der Regelwerke zulässig oder auch unzulässig sein können. Viele dieser Substanzen haben aber nicht nur einen Einfluss auf die chemische Wasserbeschaffenheit, sondern auch auf die mikrobiologische, das heißt auf das Wachstum von Bakterien.

Überall dort, wo Substanzen, die von Bakterien als Nährstoff verwertet werden können, mit dem Trinkwasser in Kontakt kommen, verursachen sie lokal ein verstärktes Bakterienwachstum. Dieses wird in der Regel erst dann entdeckt, wenn geruchliche/geschmackliche Beeinträchtigungen des Trinkwassers bzw. massive Störungen des Betriebsablaufes (z.B. Verblocken von Wärmetauschern oder Filtereinrichtungen in Heizungsanlagen) auftreten oder es zu ernsthaften Erkrankungen bei Bewohnern kommt (Legionellose).

Dies liegt daran, dass Bakterien ohne Hilfsmittel nicht feststellbar sind, da die "Übeltäter" nur ca. 1m, also ein tausendstel Millimeter, klein sind. Jedoch können sie sich so stark vermehren, dass sie trotz ihrer geringen Größe als schleimiger Belag auf den wasserbenetzten Oberflächen von Werkstoffen wahrnehmbar sind (Wischprobe mit der Hand).

Bild 4: Schlauchartiger Biofilm, der sich in einer Reinstwasseranlage von PVC-Rohren gelöst hat.

Eine flächige bakterielle Besiedlung in Verbindung mit den von Bakterien ausgeschiedenen schleimigen Substanzen wird als "Biofilm" bezeichnet. Solche Biofilme kommen auf fast allen Oberflächen mit Wasserbenetzung mehr oder weniger ausgeprägt vor (Plattenwärmetauscher, Kühltürme, Desinfektionssysteme, Osmosewässer u.a.). Wenn sie aber in massiver Form vorkommen, ist eine wirksame Bekämpfung außerordentlich schwierig, weil die Bakterien aufgrund des sie umgebenden Biofilms eine stark erhöhte Widerstandskraft selbst gegen Desinfektionsmittel haben. Dies zeigen auch die Untersuchungen von Exner und Tuschewitzki, die sogar Bakterien in großer Anzahl in einer zentralen Desinfektionsmittelanlage eines Krankenhauses fanden.

Selbst in Reinstwasseranlagen können sich Bakterien und Pilze stark vermehren, wie Untersuchungen zeigten. So kam es innerhalb von nur wenigen Monaten in drei Dialysezentren in NRW zu verstopften Filtern in den Reinstwasseranlagen. Ursache waren Bakterien und Pilze, die sich auf den inneren Oberflächen von PVC-Rohren flächenartig vermehrt hatten. Aber erst, als sich diese von den Oberflächen ablösten und als "schlauchartiger" Biofilm die Filter verstopften (Bild 4), wurden sie als gravierende bakterielle Verunreinigung des Reinstwassers wahrgenommen.

Bild 5: Legionellen unter dem Mikroskop.

In einem anderen Fall kam es durch den zum Verbinden von PVC-Rohren verwendeten Kleber zu einer bakteriellen Verunreinigung von Trinkwasser, da die Bakterien Bestandteile des Klebers als Nährstoff nutzen und sich stark vermehrten. Dabei waren im Bereich der wasserbenetzten Oberflächen der geklebten Verbindungen mehr als dreimal so viele Mikroorganismen nachweisbar, wie auf dem nicht mit Kleber benetzten Rohrwerkstoff (95.700 KBE/cm2 : 23.500 KBE/cm2).

Eine dermaßen erhöhte bakterielle Besiedlung einer Oberfläche hat für die mikrobiologische Beschaffenheit des fließenden Wassers keine besondere Bedeutung. Sobald jedoch längere Stillstandzeiten auftreten, können sie Ausgangspunkt einer beschleunigten und erhöhten bakteriellen Besiedlung des Wassers sein.

Unabhängig vom verwendeten Rohrwerkstoff, also auch dann, wenn ein Kunststoffrohrsystem gewählt wird, ist gemäß DIN 1988 Teil 7 immer eine aktuelle Wasseranalyse zur Werkstoffauswahl heranzuziehen. Dies ist insofern verständlich, da es keine metallfreien Installationssysteme (Armaturen, Fittings u.a.) gibt. Ohne Berücksichtigung der Wasserbeschaffenheit kann es zu Korrosionsproblemen an den Armaturen und Fittings kommen, da sich — bildlich gesprochen — gerade bei Kunststoffrohrsystemen die ganze "Korrosionskraft" des Wassers auf die wenigen metallenen Teile der Installation "konzentriert" und es dann innerhalb kürzester Zeit zu Schäden kommen kann.

Ausblick

Im vorliegenden Beitrag wurden Beispiele aus der Praxis aufgeführt, bei denen es zu zulässigen oder auch unzulässigen Beeinträchtigungen der Trinkwasserbeschaffenheit kam. Dennoch kann keinesfalls von einer generellen Gefährdung der Trinkwasserbeschaffenheit in der Hausinstallation oder außerhalb gesprochen werden. Im Gegenteil: Kein Lebensmittel wird so gründlich reglementiert und überwacht wie unser Trinkwasser. Jedoch kommt es gelegentlich in der Hausinstallation zu unzulässigen Veränderungen. Ursächlich hierfür sind in aller Regel keine Planungsfehler (Dimensionierung u.ä.), sondern Fehler beim Betrieb der Installation. Denn bei Kenntnis und Umsetzung der existierenden Regelwerke in die Praxis wird immer eine Trinkwasser-Installation vorliegen, die ein einwandfreies Trinkwasser liefern kann. Dieses Ziel wird jedoch nur dann erreicht, wenn der Betreiber seinen Pflichten nachkommt und für einen regelmäßigen und vollständigen Austausch des Wassers in der Installation sorgt.


*) Dr. Peter Arens, Deutsches Kupferinstitut, Düsseldorf, www.kupferinstitut.de


[Zurück]   [Übersicht]   [www.ikz.de]