IKZ-HAUSTECHNIK, Ausgabe 24/2000, Seite 54 ff.


KLEMPNERTECHNIK


Klempnerarbeiten im Fassadenbereich:

Kreuzberger Kontraste

Friedolin Behning und Thomas Hänseroth*

Berlinflaneuren und Architekturtouristen, die den Nordwesten des hauptstädtischen Bezirks Kreuzberg durchstreifen, bieten sich am altehrwürdigen Berlin-Museum, Lindenstraße 14, kontrastreiche Impressionen. Hier stoßen sie auf den vieldiskutierten Neubau des Jüdischen Museums von Daniel Libeskind, der - gleich einem achtfach gezackten Drachen - an das spätbarocke Gebäude des Stadtpalais grenzt. Je nach Jahreszeit, Wetter- und Lichtstimmung zeigt die metallische Gebäudehülle mit ihren abrupten Richtungsänderungen und irregulären, zickzackförmigen Lichtschlitzen wechselhafte Eindrücke. Die Oberflächen der mit Titanzink bekleideten Fassaden schimmern silbrig im Sonnenlicht oder verharren im Blaugrau eines Wintertages, das Himmelslicht reflektierend. Manchem mag das Bauwerk mit seinen leeren Räumen und in seiner Gesamtheit schwer deutbar erscheinen, gleich einer geheimen Botschaft, deren Entschlüsselung sich dem Fremden entzieht. Die nicht alltägliche Gestaltung der Metallfassaden und ihre Umsetzung in moderner Klempnertechnik spricht eine klare Sprache, und begeistert mit handwerklich anspruchsvollen Details und aufwendigen ausführungstechnischen Lösungen. Für die Gestaltung des neuen Museums wurde der Architekt mit dem Deutschen Architekturpreis 1999 ausgezeichnet.

Klempnertechnik umgesetzt als architektonisches Gestaltungselement für die Metallfassaden des neuen Jüdischen Museums in Berlin.

Kreative Ideen gefragt

In der zeitgenössischen Architektur mit ausgefallenen Bauformen und überraschenden Perspektiven stößt man immer häufiger auf aktuelle Klempnertechnik, wenn es darum geht, die kreativen Ideen der Planer in gebaute Wirklichkeit zu übertragen. So auch im Nordwesten des Berliner Stadtteils Kreuzberg, in der Lindenstraße 14, wo in einem spätbarocken Stadtpalais (einem ehemaligen königlichen Kollegienhaus) das Berlin Museum beheimatet ist. Schon 1989 fand ein internationaler Wettbewerb statt, um Entwürfe und Konzepte für einen hier zu errichtenden Erweiterungsbau - das Jüdische Museum - zu erlangen. Der erste Preisträger, der auch mit der Planung beauftragt wurde, war der aus Polen stammende amerikanische Architekt Daniel Libeskind. In den vergangenen Jahren ist dieses Museum nach Libeskinds Plänen entstanden und inzwischen fertiggestellt. Der ausgedehnte und komplett in eine Metallhaut aus walzblankem Titanzink gehüllte, zickzackförmige Baukörper wurde im Januar 1999 eingeweiht. Die Entstehungsgeschichte und manche Begleitumstände während der Bauzeit sorgten für lebhafte Anteilnahme der Bevölkerung und für viele Berichte in der Presse. Dabei stand nicht nur das ungewöhnliche Erscheinungsbild des neuen Museums im Mittelpunkt des öffentlichen Interesses.

Teilansicht des Neubaues mit abstrakt wirkenden Öffnungen und Lichtschlitzen. Über 12.000 m2 Winkelstehfalz-Fassaden wurden insgesamt ausgeführt.

Klempnerhandwerk und Avantgarde

Bei der Größe dieser Bauaufgabe war klar, dass nur mit der fachlichen Hilfe eines erfahrenen und gut ausgerüsteten Klempnerbetriebes die planerischen Vorgaben des Architekten bis ins letzte Fassadendetail umgesetzt werden konnten. Zu seinen Ideen gehörte von Beginn an die sorgfältig gestaltete, metallische Gebäudehülle, die die gesamten Außenwandbereiche, ähnlich einer gewachsenen Haut, überziehen sollte. Dabei entschied man sich für naturbelassenes, walzblankes Titanzink, ein Material, das sich auch an und auf vielen anderen Berliner Bauten findet und in der Bautradition der alten und neuen Hauptstadt steht: Das frühere Walzzink wurde hier bereits durch den preußischen Baumeister Karl Friedrich Schinkel zu Beginn des 19. Jahrhunderts eingesetzt. Die großflächigen Fassaden des Jüdischen Museums sind in ihrer Gesamtheit durch eine metallische Wetterhaut gestaltet. Anstelle herkömmlicher Fensteröffnungen sind Teile der Außenwände von unregelmäßig schräg verlaufenden, verglasten Lichtschlitzen und geometrisch strengen, wie eingeschnitten wirkenden Öffnungen durchbrochen. Die Öffnungen verteilen sich scheinbar willkürlich über den Baukörper, knicken ab, durchdringen einander oder bilden irreguläre, mehrere Geschosshöhen zertrennende Lineaturen.

Aus dieser Perspektive wird die Längenausdehnung des "gezackten" Baukörpers erkennbar; die filigrane Struktur der Winkelstehfalze gliedert die großen Wandflächen.

Metalldetails klempnertechnisch gelöst

Mit der Errichtung dieses Museums wurde eine ungewöhnliche Bauaufgabe gestellt, bei der auch die fachgerechte klempnertechnische Lösung der Metallfassaden eine Herausforderung war. Angenommen und gelöst hat sie der Berliner Klempnerbetrieb Josef Werner & Sohn, der sich seit Jahren auf die Metallverarbeitung an Dach und Fassade spezialisierte. Gemeinsam mit der Abteilung Anwendungstechnik von Rheinzink und einem Detail-Team, bestehend aus den Autoren und Projektleiter Dipl.-Ing. Reese, vom Architekturbüro Libeskind, wurden die zahlreichen, teilweise äußerst komplizierten Ausführungsdetails entwickelt und, wo es notwendig war, objektbezogene Sonderlösungen erarbeitet.

Aus näherer Distanz zeichnen sich die komplizierten Details der Fassadendurchbrüche klar ab. Die Realisierung erforderte aufwendige technische Lösungen.

Insgesamt waren rd. 12.500 m2 Fassaden in Winkelstehfalztechnik zu bekleiden. Dabei mussten zahlreiche Wanddurchbrüche unterschiedlicher Form, Lage und Größe eingefasst und angeschlossen werden. Bevor die endgültigen Lösungen am Bau realisiert werden konnten, wurden von schwierigen Details große 1:1-Modelle angefertigt.

Zu den aufwendigsten Arbeiten zählten kaskadenförmig verspringende, unregelmäßig schräg verlaufende Fensterbank-Abdeckungen, die als wasserführende Sammel- und Ableitprofile ausgebildet wurden. Ihre Entwässerung erfolgt über Wasserspeier, in äußerer Form von Rinnenkästen, an den vorgesehenen Ablaufpunkten. Zur präzisen Ausführung aller Ausstanzarbeiten und für die unzähligen Schrägschnitte der Scharenden entwickelte die Firma Schlebach, Friedewald, verschiedene Spezialmaschinen und Werkzeuge, was exaktes Arbeiten und gleichbleibende, gute Arbeitsergebnisse bedeutete. In der folgenden Übersicht sind verschiedene wichtige Positionen zusammengestellt, so zum Beispiel über 600 m Attika-Abdeckungen, rd. 1400 m Fensterbank-Abdeckungen, rd. 550 m Sockelblenden, rd. 500 m Eckausbildung, über 1200 m Sturzbekleidungen, 980 Zuluftöffnungen, 10.500 Entlüftungsöffnungen, 500 Öffnungen für Wasserspeier, etwa 180 m2 Stützenbekleidung und 20 kreuzförmige Fenster, die wie die anderen Details, einen hohen klempnertechnischen Arbeitsaufwand erforderten.

Impressionen von der Baustelle; viel Handarbeit und Fingerspitzengefühl waren gefragt, um vorzeigbare Ergebnisse zu erzielen.

Hinterlüftete Fassade

Das neue Museums hat folgenden Fassaden-Aufbau: Die Betonwände wurden außen mit 120 mm mineralischer Wärmedämmung versehen und erhielten (mit 80 mm Abstand für die Hinterlüftung) vertikale Aluminium-Befestigungselemente, auf denen die Tragekonstruktion aus horizontal verlaufenden, bandverzinkten Trapezblechen befestigt wurde.

Den äußeren Abschluss bilden vertikal angeordnete Titanzink-Scharen, verlegt in Winkelstehfalztechnik. Vorgeschrieben war Tafelmaterial, 600 mm breit und 0,80 mm dick. Mittels eines Rollformers, ausgestattet mit spezieller Schneidevorrichtung, wurde für die schrägen Querfalze eine Scharbreite von ca. 530 mm erzeugt. Die Scharlängen von ca. 3,20 m wurden in einer eigens auf der Baustelle eingerichteten Werkstatt vorprofiliert und geschützt trocken gelagert.

Fazit: keine der vielen tausend Scharen zeigte später weiße Oberflächenverfärbungen. Zur Befestigung wurden - entsprechend den statischen Erfordernissen - Fest- und Schiebehafte (hier gewünscht ca. 8 Stück/m2) verwendet und mit jeweils zwei Edelstahl-Nieten pro Haft aufgebracht. Die Querstöße sind in Einhangfalztechnik ausgeführt, wobei an den Knotenpunkten die erforderlichen Ausklinkungen mit Spezialwerkzeugen maschinell vorgenommen wurden, um die gewünschten "stehend geraden" Winkelfalzanschlüsse exakt auszuführen. Erheblichen Arbeitsaufwand brachten die um 12 schräg zur Trauflinie verlaufenden, durchgehenden Querfalze. Ihre über die gesamte Fassade laufenden, parallelen Linien ergeben einen filigranen Raster, der mit rhythmischen Diagonalen die streng vertikale Ordnung der Fassadenfläche überlagert. Als vorbeugende Maßnahme gegen Verunreinigungen der Fassadenflächen im unteren Scharbereich wurde ein transparenter Anti-Grafitti-Schutz aufgebracht. Er dient gleichzeitig als Spritzschutz, da die Bekleidung bis OK Kiesbett geführt wurde. Die Luftzuführung erfolgt über die Belüftungsöffnungen. In ihrer Gesamtheit ist die neue Museumsfassade ein schönes Beispiel gelungener Klempnertechnik.

Arbeiten mit dem Winkelfalzschließer; gefragt waren technisch einwandfreie und optisch gradlinige Falze.

Organisation und Ausführung

Der Auftragsumfang dieses Objektes machte bereits im Vorfeld der Arbeiten und in der Planungsphase die Entwicklung und Festlegung einer zielorientierten Strategie notwendig. Um vergleichbare Angebote zu erhalten, müssen für alle Bieter gleiche Bedingungen und identische Angebotsunterlagen gelten. Dazu gehören detaillierte Leistungsbeschreibungen ebenso wie Informationen über die Baustellensituation und ein Zeitplan für die Ausführung mit weitgehenden Vereinbarungen hinsichtlich Arbeitsbeginn und Fertigstellung.

Darüber hinaus sind Anforderungen an Beschaffenheit und Qualität des zu verarbeitenden Werkstoffes festzulegen. Eventuelle Besonderheiten, wie Planheit und Sauberkeit der Oberfläche, Lagermöglichkeiten für Material am Bau, Vorfertigung, Schutz fertiggestellter Flächen und ähnliches, müssen den Bietern bekannt gegeben werden und sind vom Auftragnehmer zu bestätigen. Eine wichtige Unterstützung für das ausführende Handwerk bietet sich durch frühzeitige Zusammenarbeit mit der Anwendungstechnik des Werkstoffherstellers. Nicht zuletzt auch zwecks Reduzierung und Koordination einzelner Gewerke und Schnittstellen. Bedingt durch die Objektgröße und eine Vielzahl aufwendiger, zum Teil sehr anspruchsvoller Details, erstreckte sich die Ausführung der Klempnerarbeiten an diesem ausgedehnten Museumsneubau über ein Jahr: Der Arbeitsbeginn lag im Januar 1997, im Dezember des gleichen Jahres waren die Metallarbeiten dann abgeschlossen. Das Ergebnis der gemeinsamen Bemühungen aller Beteiligten zeigt letztendlich, dass die Zusammenarbeit zwischen dem ausführenden Handwerk, der planenden Seite und der anwendungstechnischen Abteilung des Metallherstellers erfolgreich war.

Auffälliger Blickpunkt im Stadtteil Kreuzberg

Bestrebungen, das Museum seiner Umgebung "harmonisch anzupassen", bestanden von Beginn an nicht. Die abgeschlossene Baumaßnahme in der nüchternen Sprache der Senatsverwaltung als "Erweiterung Berlin Museum mit Abteilung Jüdisches Museum" bezeichnet, ist allerdings komplexer, als es dieser lapidare Begriff vermitteln kann. Um zu erkennen, in welchem Ausmaß Libeskinds Entwurf die stadtplanerischen Koordinaten im Übergangsbereich zwischen den Bezirken Kreuzberg und Mitte zertrennt, ist ein höherer Standpunkt erforderlich. Von den angrenzenden Hochhäusern aus den siebziger Jahren bietet sich die erforderliche Weitsicht. Der vielfach gezackte, blitzförmige Baukörper des Museums füllt einen Teil der begrünten Freiflächen im Areal zwischen Lindenstraße und Alte-Jakob-Straße. In seiner (noch) silbrig schimmernden, metallischen Außenhaut und mit den abrupten Richtungsänderungen gleicht er einer streng abstrahierten Schlange oder einem erstarrten Drachenrumpf. Im Vordergrund fällt der Blick auf eine als "E.T.A. Hoffmann-Garten" bezeichnete Beton-Plastik aus 49 quadratischen Hohlprismen. In nördlicher Richtung schließt sich das Stadtpanorama an; stark kontrastierend die roten Ziegeldächer des historischen Berlin-Museum-Palais und dahinter die Doppelriege der postmodernen Stadtvillen. Bis zum Horizont erstreckt sich dann jenes wechselnde Häuserkonglomerat aus Alt und Neu, niedrig und hoch, partiell durchbrochen von den Hochbauten der Neuzeit, zu einer vielgestaltigen Stadtlandschaft verschmelzend. Der Museumsneubau setzt in diesem Kontext einen nicht zu übersehenden baulichen Akzent.

Bautafel

Eigentümer:

Land Berlin

Bauherr:

Senatsverwaltung für kulturelle Angelegenheiten des Landes Berlin,
Durchführung der Baumaßnahme in Amtshilfe durch die Senatsverwaltung für Bau- und Wohnungswesen

Entwurfs- und Ausführungsplanung:

Architekt Daniel Libeskind, Windscheidstraße 18, 10627 Berlin

Projektleiter:

Dipl.-Ing. Reese

Hochbau Bauleitung:

Arge Beusterien und Lubic, Prinzessinnenstraße 1, 10969 Berlin

Fassadentechnik:

ILM Ingenieurbüro Ludwig+Mayer, Oraniendamm 64-72, 13469 Berlin

Klempnerarbeiten:

Josef Werner & Sohn GmbH & Co. KG

Signal für das Klempnerhandwerk

In der internationalen Architekturszene haben Klempnerarbeiten mit Metall einen beachtlichen Stellenwert. Das Jüdische Museum in Berlin ist dafür ein weiteres, überzeugendes Beispiel. Sein Neubau sorgte für ein großes Medienecho und liefert - nicht nur der Fachöffentlichkeit - vielfältigen Diskussionsstoff. Seit seiner Fertigstellung wurden schon weit über 100.000 Besucher gezählt. Für sein progressiv gestaltetes Gebäude wurde Daniel Libeskind, der seit 1990 in Berlin als Architekt arbeitet, mit dem Deutschen Architekturpreis 1999 ausgezeichnet. Anlässlich der Preisverleihung wertete Peter Conradi, Präsident der Bundesarchitektenkammer, das neue Museum "... als einen wahrhaft lebendigen neuen Bau, der unserer alten/neuen Hauptstadt Berlin gut ansteht; eine freiheitliche, engagierte, weltoffene Architektur" [1].

Aus der Sicht des Klempnerhandwerks wurde mit der Ausführung der großformatigen, individuell in Metall gestalteten Fassaden dieses Museums einmal mehr fachliche Kompetenz bewiesen, auch nicht alltägliche Aufgaben souverän zu lösen. Mit einer Vielzahl weiterer Bauten in und um Berlin, bei denen handwerkliche Metallarbeiten dominieren, zeigen die hauptstädtischen Klempnerbetriebe Flagge.


*) Die Autoren sind Mitarbeiter bei Rheinzink, Datteln


[1] Zitat aus DAB 12/99: "Deutscher Architekturpreis 1999..."


F o t o s :   Rheinzink GmbH & Co. KG, Datteln


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