IKZ-HAUSTECHNIK, Ausgabe 15/16/2000, Seite 51 ff.


INTERVIEW


Trinkwasserdesinfektion

Fluch oder Segen?

Neben der Vertriebswegdiskussion beherrscht derzeit die "Trinkwasserbehandlung" die Schlagzeilen der SHK-Branche. Themen wie: physikalische Wasserbehandlung, Legionellen, Hygiene in öffentlichen Sanitäreinrichtungen oder Trinkwasserdesinfektion füllen ganze Bücherregale. Wie es tatsächlich um die Qualität des Trinkwassers und der Rohrleitungen bestellt ist, erörterte Prof. Dr. Dieter Kreysig im Gespräch mit IKZ-HAUSTECHNIK-Redakteur Günther Klauke.

IKZ-HAUSTECHNIK: Betreiber von Trinkwasseranlagen haben dafür Sorge zu tragen, dass die Trinkwasserqualität im Gebäude erhalten bleibt. Wodurch wird diese Forderung begründet?

Prof. Kreysig: Neben den Vorgaben durch die DIN 1988 legt auch die Trinkwasserverordnung die Verantwortlichkeit eindeutig fest. Demnach sind Betreiber, Unternehmer, Inhaber oder sonstige Besitzer einer Wasserversorgungsanlage verpflichtet, dafür Sorge zu tragen, dass an allen Ausläufen Wasser in Trinkwasserqualität anliegt.

IKZ-HAUSTECHNIK: Im Grunde eine banale Forderung . . .

Prof. Kreysig:. . . mit weitreichenden Folgen. Denn man differenziert weder die mineralischen noch die mikrobiologischen Parameter oder sonstige Inhaltsstoffe. Es gilt 1 der Trinkwasserverordnung. Der besagt, Trinkwasser muss frei sein von Krankheitserregern. Nach der Art der Krankheitserreger wird allerdings keine Unterscheidung vorgenommen. So werden beispielsweise in der allgemeinen Trinkwasseruntersuchung nur die Leitkeime untersucht, während auf Legionellen, Pseudomonaden, atypische Mykobakterien, Protozonen und dergleichen routinemäßig gar nicht untersucht wird. Solange kaltes Trinkwasser auch kalt blieb, war das kein Problem. Heute können die Rahmen- und/oder Betriebsbedingungen in Gebäuden so ungünstig ausfallen, dass diese Mikroorganismen in Gebäudeinstallationen in krankmachenden Mengen vorkommen können.

Es gibt inzwischen klinische Belege dafür, dass eine Infektion mit Legionellen auch über eine Wunde erfolgen kann.

IKZ-HAUSTECHNIK: Die Wasserversorger garantieren die Übergabe des einwandfreien Trinkwassers an der Übergabestelle zur Betreiberanlage. Was bedeutet das für den Anlagenbetreiber?

Prof. Kreysig: Der 23 unterscheidet zwischen fahrlässigem und vorsätzlichem Verstoß gegen die Trinkwasserqualität. Bei "vorsätzlich" brauchen wir nicht zu diskutieren, aber was ist fahrlässig? In Juristenkreisen kommt man zunehmend zu der Auffassung, dass es sich dann um Fahrlässigkeit handelt, wenn jemand glaubt, das schöne Trinkwasser, was ihm das Versorgungsunternehmen am Wasserzähler abgeliefert hat, komme unverändert an allen Ausläufen an. Der Anlagenbetreiber muss sich aber von der einwandfreien Qualität innerhalb der gesamten Installation überzeugen. Anderenfalls handelt er fahrlässig. Im Grunde liegt hier eine Gesetzes- und Verordnungslücke, da es nach den gegenwärtig geltenden Regeln keinen Zwang für einen Betreiber gibt, die Trinkwasserqualität zu überprüfen. Das ist für kleinere Gebäude wie Ein-, Zwei- und Dreifamilienhäuser normalerweise kein Problem. In größeren Installationen, wie sie z.B. bei Schwimmbädern, in Krankenhäusern oder Hotelanlagen üblich sind, sieht das anders aus.

IKZ-HAUSTECHNIK: Woran liegt es, dass die Gefahren in kleineren Installationseinheiten geringer sind?

Prof. Kreysig: Das Gefährdungspotenzial ist geringer, weil die entscheidenden Parameter wie die Nutzungsfrequenz, das Wasservolumen und die Leitungswege überschaubar sind. Das soll aber nicht heißen, dass es in kleineren Anlagen nicht auch zu Schwierigkeiten kommen kann. Allerdings lässt sich die Verantwortung eindeutig zuordnen.

IKZ-HAUSTECHNIK: Gibt es besonders gefährdete Personenkreise?

Prof. Kreysig: Immungeschwächte Personen tragen ein erhöhtes Risiko.

IKZ-HAUSTECHNIK: Gilt das auch für Raucher?

Prof. Kreysig: Raucher sind extrem gefährdet. Allerdings vor allem wegen der Lungenschädigung durch das Rauchen. Dort geht es also weniger um das Immunsystem. Zwar kann ein Raucher auch immungeschwächt sein, aber im Wesentlichen geht es darum, dass durch das Nikotin die respiratorische Slbstreinigung von Bronchien und oberen Luftwegen so stark beeinträchtigt ist, dass inhalierte Mikroorganismen gute Vermehrungsbedingungen haben.

Immungeschwächte Personen tragen ein erhöhtes Risiko.

IKZ-HAUSTECHNIK: Können Legionellen ausschließlich über die Atemluft aufgenommen werden?

Prof. Kreysig: Es gibt inzwischen klinische Belege dafür, dass eine Infektion auch über eine Wunde erfolgen kann. Wird in Krankenhäusern die Legionellenzahl 10 pro Milliliter überschritten, gilt ein absolutes Wasch-, Wisch- und Zahnputzverbot mit diesem Wasser. Dann werden die Patienten vor allem in immungefährdeten Bereichen garantiert nur mit sterilem Wasser gewaschen.

IKZ-HAUSTECHNIK: Und woher weiß man wo und wann dieses Gefährdungspotenzial erreicht ist?

Prof. Kreysig: Wie ich schon sagte existiert in Deutschland im Hinblick auf die hygienisch-technische Begutachtung bestehender Installationssysteme eine Verordnungslücke. Unsere westlichen Nachbarn in den Niederlanden, Belgien und Luxemburg sind inzwischen einen Schritt weitergegangen. Zunächst begutachtet dort eine autorisierte Firma die Anlage und erstellt eine ausführliche Dokumentation incl. evtl. Sanierungsvorschläge. Anschließend ist der Anlagenbetreiber verpflichtet, ein sogenanntes "Logbuch" zu führen, das einmal jährlich zu aktualisieren ist.

IKZ-HAUSTECHNIK: Welche Vorgehensweise empfehlen Sie für bestehende Anlagen?

Prof. Kreysig: Eine in regelmäßigen Zeitabständen zu aktualisierende, gesetzlich festgelegte Dokumentation, die auf einer mikrobiologischen Beprobung basiert, welche nur von autorisierten Laboratorien durchgeführt werden darf. Als Basis für die Beprobung kann das DVGW-Arbeitsblatt W 552 dienen. Neben den Legionellen müssten auch andere Parameter wie z.B. sakrophytische Keime untersucht werden, weil bei einem hohen Gehalt dieser Spezies die Legionellen möglicherweise übersehen werden könnten. Werden im Ergebnis einer orientierenden Untersuchung Legionellen gefunden, und wird dieser Befund durch eine anschließende weitergehende Beprobung bestätigt, so sind in Abhängigkeit vom resultierenden Gefährdungspotenzial geeignete Maßnahmen, z.B. eine Desinfektion des Systems angezeigt. Zwei Wochen nach Abschluss der Desinfektion erfolgt eine neue Beprobung. Liefert diese keine Erreger, beprobt man nach drei Monaten erneut. Liefert auch diese keine Erreger, kann man die nächste Beprobung nach einem Jahr durchführen. Kommt es im weiteren Verlauf zu keinem Legionellenbefund, kann man die Probenamefrist nach drei Jahren möglicherweise auch auf drei Jahre ausdehnen. Finden sich allerdings Legionellen, beginnt das Verfahren wieder von vorn. Also zwei Wochen, drei Monate und so fort.

IKZ-HAUSTECHNIK: Welche Anlagengrößen haben Sie dabei im Auge?

Prof. Kreysig: Alle Anlagen im öffentlich-gewerblichen Bereich, bei denen der Nutzer keinen Einfluss auf die Installation und die Betriebsbedingungen und damit auf die hygienische Qualität des von ihm genutzten Wassers hat. Aber auch z.B. größere kommunale Wohnanlagen, bei denen noch Überlegungen angestellt werden müssen, wie man eine Beprobung wirtschaftlich und technisch sinnvoll durchführen und eine eventuell erforderlich werdende Sanierung realisieren kann.

IKZ-HAUSTECHNIK: Legionellen bilden nur einen Teilbereich im Themengebiet der Trinkwasserdesinfektion. Wie groß sind beispielsweise die Gefahren, die von Biofilmen ausgehen?

Prof. Kreysig: Man kann davon ausgehen: Ohne einen entsprechenden entwickelten und funktionierenden Biofilm keine Legionellen. Entwickeln können sich Biofilme in jedem Installationssystem. Überdies besteht die Gefahr, dass sie von pathogenen Keimen besiedelt werden, die dann z.B. in plankonischer Form die Nutzer gefährden. Wenn man diesen Schadensfall hat, ist die Schadensbekämpfung und -begrenzung immer auch eine Frage nach dem kleineren Übel. Das heißt: Es reicht nicht, nur die in der fließenden Wasserwelle schwimmenden Mikroorganismen, z.B. Legionellen, zu töten, sondern deren Quelle, den Biofilm, zu inhibieren. Durch einen Angriff auf den Biofilm mobilisiert man möglicherweise für einen begrenzten Zeitraum eine größere Anzahl Mikroorganismen. Allerdings mit der Perspektive, dass anschließend der Biofilm beseitigt ist, während Nichtstun und ständige Emission das größere Übel darstellt.

IKZ-HAUSTECHNIK: Welchen Einfluss haben bei Biofilmen die gebäude- und nutzerbedingten Rahmenbedingungen?

Prof. Kreysig: Sie sind enorm - und genau da liegt das Problem. Ein Biofilm ist nie wie der andere. Verwendete Materialien, Temperaturen, Verbindungstechniken, Volumenströme und Fließgeschwindigkeiten sowie die Wasserqualität sind für jede Installation eigenständige Kenngrößen, die es in der jeweiligen Konstellation nur in diesem einen Gebäude gibt. Wer sich als Problemlöser dieser Thematik präsentiert, muss die Klaviatur der Desinfektionsmöglichkeiten aus dem FF beherrschen. Für uns ist das elektrolytische Verfahren der Mercedes unter den Desinfektionsvarianten. Allerdings sind wir weit davon entfernt, diese Möglichkeit zu einem Allheilmittel zu erklären. Nur dadurch, dass wir zu den wenigen Herstellern gehören, die mit thermischer, chemischer, UV- und elektrolytischer Desinfektion alle vier Grundverfahren beherrschen, sind wir in der Lage, für die Mehrzahl der betroffenen Gebäude Problemlösungen zu finden. Ich möchte aber nicht verschweigen, dass es nach wie vor Anlagen gibt, bei denen wir bestenfalls die Gefahr etwas mildern, aber keinesfalls beseitigen können. Bei solchen Installationen sind Umbaumaßnahmen nicht zu vermeiden.

IKZ-HAUSTECHNIK: Ihre Ausführungen lassen auf eine Vielzahl unterschiedlichster Schadensfälle schließen. Wie geht man in der Praxis damit um?

Prof. Kreysig: Weil die Unterschiede so vielfältig sind, kann eine solche Problemlösung niemals - ich sag das jetzt ein bisschen trivial - mit einem Gerät aus dem Hochlagerregal irgendeines Händlers realisiert werden. Das geht nicht. Wenn die Anlage Erfolg gewährleisten soll, dann ist dazu immer erforderlich, Installations- und Betriebsbedingungen genauestens zu analysieren. Im zweiten Schritt ist ein individuelles Sanierungskonzept zu erarbeiten, welches einer späteren technischen Durchführung der Sanierung zugrunde liegt.

IKZ-HAUSTECHNIK: Eine Ingenieursleistung die von Aqua Butzke erbracht wird?

Prof. Kreysig: Die Verantwortung liegt derzeit bei uns. Die praktische Durchführung wird in enger Zusammenarbeit mit Planungs- und Ingenieurbüros sowie Fachhandwerkern durchgeführt, die mit den Örtlichkeiten vertraut sind.

IKZ-HAUSTECHNIK: Gibt es Installationsvarianten, durch die die Situation insgesamt verbessert werden könnte, z.B. mit Ringleitungssystemen?

Prof. Kreysig: Ja. Für den Anlagenbetreiber gibt es im Schadensfall zwei Prioritäten: Das Kontaminationsproblem beseitigen und die technischen Voraussetzungen verbessern.

IKZ-HAUSTECHNIK: Sehen Sie in diesem Zusammenhang auch Bedarf die Lehrmeinung an Hochschulen zu aktualisieren?

Prof. Kreysig: Ich kenne mich zu wenig über einschlägige Lehrinhalte und Lehrprogramme an Hochschulen in Deutschland aus, zumal dort im Grunde genommen jeder Hochschullehrer sein individuelles Programm erst eigenständig erstellt. Hat man dann 100 Hochschullehrer, gibt es sehr zur Freude der Praxis auch 100 verschiedene Lehrauffassungen und Lehrprogramme, aber sehr zum Nachteil von Behörde und Verordnung schwer kontrollierbare und vergleichbare Resultate. Wenn, und das gar nicht so selten - Versorgungstechniker beispielsweise die Lehrmeinung mitbringen, Wasser mit einer Temperatur über 25C sei kein "Trinkwasser", sondern "Brauchwasser" und unterliege damit nicht den strengen Hygieneanforderungen der Trinkwasserverordnung, dann hat dies u.U. eine gefährliche Fehleinschätzung von Hygieneproblemen in hausinternen Installationssystemen zur Folge. Im Haus ist Trinkwasser anwendungsorientiert zu betrachten und nicht temperaturbedingt definiert. In meinen vielfältigen Praxiskontakten begegne ich überwiegend Absolventen der einschlägigen Fachrichtungen wie z.B. Versorgungstechnik usw., in deren Studium Fragen der Hygiene von Trinkwasser und Trinkwasserinstallationen sowie Kontaminationsprobleme und deren Vermeidungsmöglichkeiten bzw. Sanierung nur eine nebensächliche bis gar keine Rolle gespielt haben. Meine Vorstellung wäre, solche hygienerelevanten Themen wie "Der Biofilm in hausinternen Installationssystemen und seine korrosiven, hydraulischen, hygienischen und weiteren Folgen" usw. stärker in der Lehre zu verankern.

IKZ-HAUSTECHNIK: Stichwort Biofilm. Es gibt ja auch geschlossene Tanksysteme, die in kleineren Einheiten, z.B. in Wohnmobilen spazieren gefahren werden. Dafür gibt es chemische Zusätze, die Beeinträchtigungen des dort gesammelten und gespeicherten Trinkwassers verhindern sollen. Wären solche Methoden auch denkbar für eine Trinkwasserinstallation in Gebäuden?

Prof. Kreysig: Beispielsweise für Trinkwasserspender eine durchaus denkbare Alternative. Allerdings ist das eine weitgehend "ungeregelte" Variante, bei der die Nutzer billigend in Kauf nehmen, dass sie bestimmte Inhaltsstoffe wie Silber oder Kupfer zu sich nehmen. Besser ist es allemal, die gewünschte Desinfektionswirkung durch geregelte Systeme wie UV- oder Elektrolyseanlagen sicherzustellen. Aber auch hier gilt: Die genaue Analyse der Installations- und Betriebsbedingungen ist die Grundlage für den Einsatz geeigneter Gerätetechnologie. So kann ein UV-System für einen Minensucher der Marine durchaus eine ausgezeichnete Lösung sein. Bei einem Luxusliner mit 1200 Mann Personal und 1800 Reisenden an Bord ist während einer sechswöchigen Hochseekreuzfahrt eine generelle Desinfektion des bordeigenen Versorgungssystems mittels UV nicht zu bewerkstelligen.

Für den Anlagenbetreiber gibt es im Schadensfall zwei Prioritäten: Das Kontaminationsproblem beseitigen und die technischen Voraussetzungen verbessern.

IKZ-HAUSTECHNIK: Welchen Einfluss haben bei der Installation von Sanitäranlagen verwendete Hilfsstoffe, wie beispielsweise Dichtmittel oder Dichtelemente, auf den Biofilm?

Prof. Kreysig: Prinzipiell ist man seit Jahren dabei, Werkstoffe und sonstige Hilfsstoffe für Installateure auf ihre Einflüsse zu untersuchen. Dabei gilt es herauszufinden, was man in einem Trinkwassersystem vermeiden muss, um Bakterien, Pilze oder Viren nicht anzulocken. Nehmen wir als Beispiel den Hanf, der bei richtiger Verarbeitung unbedenklich ist. Wird aber fehlerhaft mit Hanf eingedichtet, und Hanffäden oder -wulste ragen in den Trinkwasserstrom, dann ist das als wenn man Fische anfüttert.

Die Frage nach anderen Zusatzstoffen, Löthilfsstoffe, Schmiermittel und dergleichen, die ist natürlich wichtig, die muss man beachten. Prof. Exner und Prof. Schoenen beschäftigen sich in Bonn seit Jahren mit solchen Untersuchungen im Labor und in Modellanlagen. Leider gibt es bisher keine allgemeingültige Materialspezifik in Bezug auf Legionellen oder Biofilmbefall oder -vermeidung. Mit einer Ausnahme: Kupfer, solange es eine blanke Oberfläche hat. In diesem Stadium wird Kupfer kaum oder nicht von einem Biofilm besiedelt. Leider ist diese Phase in Trinkwasseranlagen nach drei bis vier Monaten vorbei und dann können sich Biofilme auch in Kupferinstallationen ansiedeln.

IKZ-HAUSTECHNIK: Gibt es einen Werkstoff und eine Verbindungstechnik die aus Ihrer Sicht besonders empfehlenswert sind?

Prof. Kreysig: Eigentlich unterscheiden sich die Installationsvarianten und Werkstoffe aus biologischer Sicht kaum. Verpresste Edelstahlinstallationen scheinen mir hydraulisch und thermisch die günstigsten Voraussetzungen zu liefern. Allerdings ist allein die Werkstoffauswahl noch keine Gewähr für das Ausbleiben von Biofilmen oder Legionellen. Es gibt genügend Praxisbeispiele wie Presseberichten über das Berliner Hotel Adlon oder die Justizvollzugsanstalt Dietz bei Koblenz zu entnehmen war, die mit vorzüglichen Installationen aufwarten konnten und dennoch nach nur einem Jahr Betriebsdauer mit Legionellen befallen waren. Wir können noch so viele Modelle über Besiedelbarkeit oder Nichtbesiedelbarkeit von Rohrinnenoberflächen anfertigen, im Grunde kann man nur eines sagen: Finden Kleinstlebewesen gute Bedingungen für ihre Vermehrung, dann machen sie vor keinem festen Untergrund halt um sich dort anzusiedeln und zu vegetieren.

Ich kann Ihnen kein Grundrezept zur Trinkwasserdesinfektion nennen!

IKZ-HAUSTECHNIK: Und wie wird man die Tierchen wieder los?

Prof. Kreysig: Es gibt eine optimale Lösung immer nur für ein spezielles Gebäude und für ein spezielles Problem. Wenn man aber versucht, das Ganze zu verallgemeinern, kann man etwa folgende Grundregel aufstellen: Optimal ist in zwei Fälle zu unterscheiden: Neuinstallationen, die in Betrieb genommen werden sollen oder eine zu sanierende Altinstallation. Eine Neuinstallation sollte nach DIN 1988, dem DVGW-Arbeitsblatt W 551 bzw. der VDI-Richtline 6023 so geplant, errichtet, betrieben und gewartet werden, dass spätere mikrobielle Kontaminationen weitgehend vermindert werden. Wird eine Neuinstallation unmittelbar vor Inbetriebnahme durch eine Grunddesinfektion - beispielsweise mit dem von uns angewendeten und empfohlenen materialverträglichen Chlordioxid als Desinfizienz - zusätzlich gesichert, dann hat man alle derzeit möglichen präventiven Möglichkeiten erschöpft. Eine Barriere gegen künftigen wasserseitigen Keimeintrag könnte durch eine UV-Anlage realisiert werden. Luftseitige, sogenannte "retrograde" Kontaminationen lassen sich mit dem Betrieb einer Anlage der elektrolytischen Desinfektion verhindern.

Soll eine Altinstallation saniert werden, dann hängt es davon ab, wie brisant die Situation ist. Besteht akute Gefahr, kann über eine thermische Desinfektion die Situation entschärft werden. Allerdings nur zeitweilig, dann herrscht der alte Zustand erneut. Deswegen wäre es auch möglich, eine Grunddesinfektion mit Chemikalien zu machen. Nur stellen Sie sich ein belegtes Krankenhaus, ein belegtes Altenheim oder ein Wohngebäude vor. Ein unglaublicher Aufwand der zu betreiben wäre. Wie Sie sehen: Es gibt unter den Desinfektionsmethoden keine eierlegende Wollmilchsau. Auch wenn ich die elektrolytische Desinfektion für besonders erfolgreich halte: Ich kann Ihnen kein Grundrezept zur Desinfektion von Trinkwasseranlagen nennen. Wie schon erwähnt: Jede Sanierung eines kontaminierten Installationssystems erfordert eine gebäude- und systemtypische und auf die nutzensbedingt zu erfüllende Hygiene-Forderungen zugeschnittene Problemlösung. Diese Lösung gilt es in Zusammenarbeit mit Planern, Installateuren, Technikern, Hygienikern und den zuständigen Behörden zu finden.


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