IKZ-HAUSTECHNIK, Ausgabe 2/2000, Seite 38 ff.


SOLAR - NA KLAR!


Die ersten sind die schwersten Schritte

Dr. Hermann Scheer

Nachdem Dr. Hermann Scheer 1998 in Wien der Welt-Solarpreis verliehen wurde, erhielt der Gründer und Präsident von Eurosolar nun den Alternativen Nobelpreis. Am 9. Dezember letzten Jahres wurde dem Vordenker in Sachen solarer Energie diese hohe Anerkennung im schwedischen Parlament verliehen. Dass die Solarenergie im Bewusstsein der Menschen mittlerweile einen hohen Stellenwert genießt, ist auch ein Verdienst des Preisträgers. Die IKZ-HAUSTECHNIK-Redaktion unterhielt sich mit Scheer über Herausforderungen, Chancen und Visionen dieser Energiesparte.

IKZ-HAUSTECHNIK: Wie sehen Sie die Zukunft von Solarthermienutzung in Deutschland?

Dr. Scheer: Von den verschiedenen erneuerbaren Energien sind die Photovoltaik und die Solarwärmenutzung diejenigen, welche die breiteste Grundlage haben, weil sie praktisch überall nutzbar sind. Die Sonnenwärme, die für die Heizbedürfnisse der Menschen genutzt werden kann, ist die breiteste Nutzungsmöglichkeit regenerativer Energien. Sie wird sich überall durchsetzen und sie ist auch die am einfachsten handhabbare. Dass wir die gesamten 40% Wärmebereitstellung, die wir in Deutschland als Anteil an der Gesamtenergieversorgung haben, ausschließlich durch die Sonne machen könnten, ist präzise beschreibbar. Es ist immer wieder wichtig zu betonen, dass mit erneuerbaren Energien die gesamte Energieversorgung realisiert werden kann. Und der größte Brocken, mit 40%, ist die Energie für die Wärmebedürfnisse der Menschen. Das ist auch in Deutschland durch die Sonnenwärme unmittelbar realisierbar.

IKZ-HAUSTECHNIK: Sie sind klarer Befürworter der Umorientierung in der Energiepolitik. Wie stellen Sie sich konkret diese Umsetzung vor?

Dr. Scheer: Es gibt Dutzende verschiedener Ansätze, für die es keine richtige Prioritätensetzung gibt. Wenn wir beim Bereich der Solarwärme bleiben, so sind die dafür notwendigen Ansätze eben nicht nur die Förderprogramme. Es ist in ganz starkem Maße notwendig, darüber hinaus das gesamte Umfeld dafür zu mobilisieren. Wärmenutzung und Bauen hängen hier unmittelbar zusammen. Das beginnt beim Architekten, über den Bauingenieur, über das Bauhandwerk, den Installateur und Heizungsbauer, den Elektriker bis hin zum Glaser. Alle müssen Kenntnisse über Sonnenwärmenutzung haben, weil es die künftigen Tätigkeiten ganz stark betrifft. An diesem Umfeld mangelt es und das ist eigentlich nur überwindbar, indem wir Informations-, Aus- und Fortbildungskampagnen für das Handwerk durchführen. Was die politische Seite anbetrifft ist es notwendig, die Bauvorschriften dahingehend zu ändern, dass solares Bauen obligatorisch wird.

"Wer sich heute gegen solare Energien sperrt, gehört ins Reich Absurdistan"

IKZ-HAUSTECHNIK: Mittlerweile wurden einige Initiativen gestartet, um diese regenerativen Energien zu fördern. Da wäre zum einen das 100000 Dächer Programm für Photovoltaik von der Bundesregierung. Und die Informationskampagne "Solar - na klar!" für Solarthermie, die von BAUM initiiert wurde. Sind aus Ihrer Sicht die Fördermittel von ungefähr 1 Mrd. Mark bis zum Jahr 2003 ausreichend oder bedarf es zudem einer Änderung der politischen Rahmenbedingungen?

Dr. Scheer: Es gibt darüber hinaus zu den beiden genannten noch das weitere 200 Mio. Programm für die Einführungshilfen, auch für Sonnenkollektoren und Biomasseanlagen usw. Diese Ansätze bedeuten eine Verfünfzehnfachung des Markteinführungsbudgets, der Markteinführungshilfen aus dem Bundeshaushalt. Das 100000 Dächer Programm und das darüber hinausgehende Markteinführungsprogramm sind die größten Programme, die je eine Regierung aufgelegt hat. Trotzdem ist es noch nicht genug. Wir brauchen wirkungsvolle Maßnahmen, was die Rahmenbedingungen anbetrifft. Dazu gehört, dass man die administrativen Schikanen, die das solare Bauen behindern, verbietet.

IKZ-HAUSTECHNIK: Beispielsweise?

Dr. Scheer: Es gibt immer noch Bauverwaltungen, die Solaranlagen nicht genehmigen, weil sie angeblich nicht in das traditionelle Bild der Dachlandschaften passen. Spätestens in ein paar Jahrzehnten werden die Dächer ohnehin so aussehen. Denn dann gehen die fossilen Energien zu Ende. Wenn sich heute noch Bauverwaltungen dagegen sperren, dann gehört das ins Reich Absurdistan, aber nicht in das Bild einer aufgeklärten Gesellschaft.

IKZ-HAUSTECHNIK: Rahmenbedingungen sind die eine Seite der Medaille, die andere sind technisch-physikalische Gegebenheiten. Da wären einmal die Sonnennutzungsstunden in Deutschland zu nennen und zum anderen das Problem der Energiespeicherung. Wie sind die Varianten der Solarnutzung in der Zukunft?

Dr. Scheer: Es gibt heute schon in Deutschland eine ganze Reihe von Häusern, die keinerlei herkömmliche Energie mehr verbrauchen. Also Null Emissions Häuser. Reine Solarhäuser. Das interessante ist, sie kosten nicht unerschwinglich viel. Sie bewegen sich im Bereich durchschnittlicher Baukosten, zu Häusern, die herkömmlich energieversorgt werden. Es gibt drei Fertighausanbieter in Deutschland, die Solarhäuser pur anbieten, ein Beweis für die tatsächliche Entwicklung. In Freiburg ist gerade der erste Spatenstich für eine Solarsiedlung mit mehreren hundert Reihenhäusern erfolgt, die nicht in Fertigbauweise, sondern in normaler Fertigungsweise erstellt werden. Und diese Häuser kosten nicht mehr als ein konventionelles Haus. Wenn das Haus mal abgeschrieben ist, zumindest der energietechnische Teil des Hauses, sind diese Häuser billiger. Sie sparen die Energiekosten.

IKZ-HAUSTECHNIK: Wie kann man in der Kommunikation nach außen dazu beitragen, dass regenerative Energien marktfähiger und stärker genutzt werden?

Dr. Scheer: In der Kommunikation muss man nicht nur die Leute durch ihre Mitverantwortung motivieren. Ein noch viel stärkeres Argument ist, ihnen deutlich zu machen, daß es im eigenen Interesse liegt, das zu tun. Man kauft ein Haus nicht für zwei, vier oder fünf Jahre. Auch ein Bauträger, der nur Mietwohnungen baut, investiert nicht für kurze Zeiträume. Es ist eine langfristige Anlage mit langfristigen Renditen. Was kostet der Brenner einerseits, was kostet die Solaranlage andererseits, zu berechnen, ist eine völlig unzureichende Kalkulation, denn ein Brenner hat immer noch Brennstoffkosten und die hat man mit einer Solaranlage nicht. Und der dritte Schritt der Motivierung ist, so schnell wie möglich dazu überzugehen, komplett das Haus mit Solarenergie zu versorgen und nicht nur teilweise. Auf dem Gebiet der Solarkollektoren wird in der Regel die Teilversorgung angeboten, d.h. dass es ein ergänzendes Heizsystem gibt, es ersetzt das andere Heizsystem nicht. Unter diesen Bedingungen kann die Solaranlage nie billiger werden als das herkömmliche, weil man ja immer noch einen traditionellen Brenner hat. Man spart also durch den Solarkollektor nur die vermiedenen Brennstoffkosten. Manchmal spielt dieser Solarkollektor schon nach sechs oder sieben Jahren die verminderten Brennstoffkosten rein. Der wirkliche ökonomische Vorteil der Sonnenenergienutzung wird aber dann sichtbar, wenn man komplett auf Sonnenenergie umstellt. Dazu benötigt man einen Speicher, der umso kleiner sein kann, je optimaler die Wärmedämmung und die passive Solarenergienutzung ist. Erst so sind die Kosten für das herkömmliche Heizsystem zu sparen.

"Beim Handwerk muss der Schwerpunkt liegen"

IKZ-HAUSTECHNIK: "Solar - na klar!" ist eine Kampagne, die sich zunehmend durchsetzt und so die Solarthermie voranbringt. Bereits über 5300 Fachhandwerksbetriebe haben sich in die Anbieter-Liste aufnehmen lassen. Welche Wirkung können aus Ihrer Sicht Initiativen wie beispielsweise die Kampagne "Solar - na klar!" für den Handwerker entfalten?

Dr. Scheer: Einer der Schwerpunkte dieser Kampagne sollte in der Informierung und Motivierung des Handwerks liegen. Denn jeder Handwerker ist dann Multiplikator in seinem Kundenkreis. Deswegen ist es in jedem Fall notwendig für die Zukunft, dass man in der Bauausführung und Wartung auf den entsprechenden Fachmann zurückgreifen kann. Natürlich gibt es Leute, die so was nicht brauchen. Die berühmten Tüftler, das ist aber nicht der Regelfall. Deswegen sollte der Schwerpunkt beim Handwerk liegen. Je mehr das gelingt, desto erfolgreicher wird diese Kampagne werden, weil dann auch nach Ablauf der Kampagne ein bleibendes Element vorhanden ist.

IKZ-HAUSTECHNIK: Was würden Sie in zwei Sätzen einem Verbraucher sagen, wenn er Sie fragt, was er von einer Solaranlage auf seinem Dach habe?

Dr. Scheer: Er kann seinen Kindern in die Augen schauen. Er muss sich nicht äußerst unangenehme Fragen in zehn oder 20 Jahren gefallen lassen, was er eigentlich getan hat. Und er wird merken, dass er davon deutliche Vorteile hat. Das gilt noch nicht für jede Solartechnik, aber das gilt für den Bereich der solaren Wärme und anderer Nutzungsformen erneuerbarer Energie.

IKZ-HAUSTECHNIK: Die Kampagne läuft seit etwa neun Monaten. Alle 16 Bundesländer nehmen an der Kampagne teil, das Medienecho ist sehr positiv, der Bundeskanzler und erstmalig auch alle Umwelt- und Solarverbände konnten von B.A.U.M. für die Kampagne gewonnen werden. Wie bewerten Sie die bisherige Leistung und wie kann die Kampagne weiterhin arbeiten, um den Verbraucher zur Nutzung von Solarwärme zu gewinnen?

Dr. Scheer: Die organisatorische Leistung ist beachtlich. Zu planen und das Umfeld dafür zu schaffen, dass ein neues Bewusstsein im Umgang mit der Solartechnik beim Handwerker entsteht und dass es durch die Zusammenarbeit mit den Trägerkreisen und den SHK-Handwerkern erreicht wird, dafür sind die notwendigen Voraussetzungen geschaffen worden. Jetzt geht es an die Arbeit. Man muss sich nicht viel Neues einfallen lassen, sondern die Kampagne umsetzen.


Jetzt heißt es die Kampagne umzusetzen


IKZ-HAUSTECHNIK: Die derzeitige Liberalisierung des Energiemarktes konterkariert diese Politik, denn z.B. die Strom- und Energiepreise sind geradezu ein Bremsklotz für diese Entwicklung. Sehen Sie die Möglichkeit, trotz dieser erheblichen Marktveränderung zur europäisch gewollten Liberalisierung zu stehen?

Dr. Scheer: Ich halte es für höchst problematisch, daß man die Liberalisierung eingeführt hat, ohne die Monopolstrukturen der Stromkonzerne anzutasten. Denn die Monopolstrukturen bestehen nicht nur aus den Gebietsmonopolen der Stadtwerke. Die wirklichen Monopolprobleme liegen bei den Stromerzeugern, den Trägern des Verbundnetzes. Dieser Sektor wird stärker, und er verdrängt die Stadtwerke. Diese Strukturen mit immer mehr Konzentrationen haben eine negative Wirkung für alle mittelständischen Aktivitäten. Wenn man die Liberalisierung einführt, die dann auf das Ziel der Preissenkung abzielt, dann wird das Gegenteil dessen erreicht, was mit der Energiebesteuerung beabsichtigt werden soll. Es wird mehr herkömmliche Energie in die Marktströme gelenkt und ein Mehrverbrauch angeheizt und damit der Wechsel zu erneuerbarer Energie erschwert. Liberalisierung des Energiemarktes ohne Verschärfung der Kartellkontrolle ist falsch. Dieser Fehler ist gemacht worden. Die Folge ist ein Konzentrationsprozess in der Stromwirtschaft, wie er noch nie stattgefunden hat. Dahintersteckende Probleme werden im Moment übersehen, weil Strom zu Billigpreisen angeboten wird, aber jeder sollte sich darauf einstellen, dass das ein vorübergehender Rausch ist. Häufig sind es Dumpingpreise, auch unterhalb der Kostendeckung, bis der Verdrängungsprozess abgeschlossen ist. Wenn dann noch zwei oder drei übriggeblieben sind, dann werden die Preise wieder steigen, denn in Preisabsprachen sind sie einhundert Jahre lang geübt. Diese Entwicklung, die gegenwärtig auf diesem Sektor abläuft, ist fatal; sie streut vielen Sand in die Augen oder verdeckt, was wirklich an Problemen dahinter steckt.

"Liberalisierung fördert den Mehrverbrauch an Energie"

IKZ-HAUSTECHNIK: Wasserstofftechnologie und Brennstoffzelle sind Entwicklungen, die nahezu serienreif sind. Könnte sich darauf eine dezentrale Energienutzung aufbauen?

Dr. Scheer: Die dezentrale Energienutzung kommt mit der Energiequelle. Das geht nicht alleine mit der Brennstoffzelle. Es kommt drauf an, welche Energie in der Brennstoffzelle eingesetzt wird. Das Auto ist auch ein dezentrales Kraftwerk. Aber es basiert auf Erdöl und damit ist es abhängig von einem zentralistischen System. Die Loslösung von der Abhängigkeit kommt nicht durch die Technik. Sie kommt durch die erneuerbare Energiequelle. Also sollte in der Brennstoffzelle nicht Erdgas, wie das manche vorhaben, sondern z.B. Biomassegas eingesetzt werden. Dann haben wir die regionale Energiequelle und dann wird sich die Situation verändern.

IKZ-HAUSTECHNIK: Wasserstoffenergie wäre dasselbe?

Dr. Scheer: Es kommt darauf an, wie der Wasserstoff hergestellt wird. Kommt der Wasserstoff aus zentralen Erzeugungsanlagen oder kommt er aus dezentralen.

IKZ-HAUSTECHNIK: Zum Abschluss: Was sind Ihre Ziele und wie sind Ihre energiepolitischen Visionen?

Dr. Scheer: Mein generelles Ziel ist und bleibt die Ablösung atomarer und fossiler Energien durch erneuerbare Energien voranzutreiben mit dem Ziel des vollständigen Verzichts auf diese umweltzerstörenden Energien. Dafür brauchen wir den Meinungskampf und die Information. Zum andern stellt sich die Frage, wie motivieren wir die Menschen dazu, diese einzigartige Chance zu dauerhaften und emissionsfreien Energiequellen zu nutzen und damit das Umweltproblem im Kern zu lösen. Solarenergie braucht nicht wenige Investoren, sondern potentiell Millionen Investoren. Das ergibt sich aus der Dezentralität der Anwendung. Und die politischen Rahmenbedingungen zu schaffen, mit dem Ziel, konventionelle Energien aus dem Energiemarkt herauszudrängen und erneuerbare Energien hineinzubringen. Das ist die generelle Aufgabe. Und mein Ziel ist, so schnell wie möglich dazu beizutragen, dass die Schritte dazu immer schneller und besser werden.

IKZ-HAUSTECHNIK: Mit welchem zeitlichen Horizont?

Dr. Scheer: Diese Aufgabe kann in drei bis vier Jahrzehnten realisiert sein. Wenn es gelingt, erhebliche Anteile erneuerbarer Energien an der Energieversorgung einzuführen, vielleicht ab 10% oder 15% durchgängig, gibt es die unaufhaltsame Eigendynamik, die ich in meinem Buch "Solare Weltwirtschaft" beschrieben habe. D. h. die härteste Auseinandersetzung ist die um die ersten Schritte.


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