IKZ-HAUSTECHNIK, Ausgabe 19/1999, Seite 46 ff.


SANITÄRTECHNIK


Regenwassernutzung: Gewerbe und Industrie

Konsequente Reaktion auf die Niederschlagswassergebühr

Dressurplatz mit Regenwasser-Sprühanlage. Foto: Mallbeton

Dipl.-Ing. K. W. König*

Bei vielen Betrieben, die einen hohen Wasserbedarf haben, wie z.B. Fuhrunternehmen, Reiterhöfe oder Gärtnereien, sind die Voraussetzungen zur Nutzung von Regenwasser günstig, denn ihnen stehen große Dachflächen zur Verfügung. Wird neu gebaut, so sind die Mehraufwendungen für zusätzliche Betriebswasserleitungen, bezogen auf die gesamten Gebäudekosten, verhältnismäßig gering, zumal die Unterverteilung auf Putz installiert werden kann.

Doppelte Wassernetze werden in Einzelwerken der Großindustrie seit Jahrzehnten betrieben. Es kommt sogar vor, daß in einem Betrieb gleichzeitig mehrere Versorgungssysteme mit Wasser unterschiedlicher Güte wie Kühlwasser, Betriebswasser, Kesselspeisewasser, voll entsalztes Wasser und Trinkwasser installiert sind. Das Volkswagenwerk in Wolfsburg ist ein typisches Beispiel [1].

Hybridsystem mit einfacher Pumpentechnik für Anlagen mit geringem Leitungsdruck, vgl. [2], Seite 46. Zeichnung: König

Niederschlagsgebühr sparen!

Die Motivation für Betriebsinhaber aus Handwerk, Gewerbe und Industrie, Trinkwasser soweit wie möglich durch Betriebswasser zu ersetzen, basiert hauptsächlich auf zwei Vorteilen:

Viele Industriebetriebe haben eine eigene Grundwasserentnahme und leiten gleichzeitig das Niederschlagswasser von den Dachflächen ungenutzt in den öffentlichen Kanal. In Hessen bedient sich die Wasserpolitik seit einigen Jahren zweier "Instrumente" zur Korrektur dieser Entwicklung:

Niederschlagsgebühr sparen

Berechnungsbeispiel:

Für einen Betrieb (Kommunal / Gewerbe / Industrie) in der Stadt Bonn bei 600 mm Jahresniederschlag, 1000 m2 Stellplätze, 3000 m2 Dach, mit Abflußbeiwert 1,0 bei Kanalanschluß: jährliche Niederschlagsgebühr 3,05DM pro m2 versiegelte Fläche 4000 m2 x 3,05 DM = 12200 DM

bei Versickerung: Durch Entsiegelung der Stellplätze und Versickerung des gesamten Oberflächenwassers Einsparung der gesamten Niederschlagsgebühr von 12200 DM pro Jahr

bei Versickerung + Nutzung: Durch Einbau einer Zisterne unter der Annahme daß das aufgefangene Dachwasser (3000 m2 x 600 mm = 1800 m3) zu 83% (= 1500 m3) genutzt werden kann, zusätzlich Trinkwasser-Einsparung von 4350 DM (1500 m3 x 2,90 DM ohne Mehrwertsteuer), also gesamt (12 200 DM + 4350 DM) 16 550 DM pro Jahr

Stand Januar 1999 [4]

Die Niederschlagswassergebühr ist vor allem bei den großen Kommunen vorhanden und scheint obligatorisch zu sein bei Trennsystemen (Rechtssprechung einiger Oberverwaltungsgerichte) und wenn mehr als 12 – 18% der Gesamtkosten der Abwasserbeseitigung auf das Niederschlagswasser entfallen (Bundesverwaltungsgericht). Da dieser Schwellenwert recht niedrig liegt, kann man davon ausgehen, daß sich der Trend zum gesplitteten Gebührenmaßstab fortsetzt. Dieser Tarif wird ein erheblicher Betriebskostenfaktor für Gewerbe und Industrie, falls das Niederschlagswasser nicht auf dem Gelände beseitigt wird.

Betonwerk in Ettlingen/Baden

Im badischen Ettlingen ist weder Grundwasserabgabe noch Niederschlagsgebühr fällig. Trotzdem ist Mallbeton als Hersteller von Zisternen und anderen Fertigteilen aus Beton aktiv geworden und sammelt das Regenwasser von den Dachflächen für die Produktion. Zur Herstellung von Beton werden im Durchschnitt 100 l Wasser pro Kubikmeter benötigt. Es muß kein Trinkwasser sein! Automatisch gesteuert versorgt ein Vorlagebehälter den Mischturm mit Wasser. Bis zu 80 % beträgt der Anteil des Regenwassers aus der Zisterne, 20 % ist durch Recycling wiedergewonnenes "Waschwasser". Die Dosierung ist abhängig vom Füllstand im Regenspeicher (Behälter mit 2 x 12,5m3). Zusammen mit der Produktionshalle wurde 1996 die Zisterne gebaut, gespeist durch die Entwässerung der 2000 m2 großen Dachfläche. Damit wird der spontane Regenabfluß verhindert und gleichzeitig die Grundwasserentnahme verringert.

Betonwerk in Ettlingen/Baden. Rechts Produktionshalle mit 2000 m2 Dachfläche, dahinter Mischturm. Foto: Mallbeton

Das "Waschwasser" aus der ständig erforderlichen Gerätereinigung enthält feine Betonschlämme. Es wird separat gespeichert und zur Wiederverwendung aufgerührt, so daß auch Schlammanteile recycelt werden. Die Tagesproduktion dieser Firma in Ettlingen beträgt ca. 60 m3 Beton, d.h. die eingesparte Grundwassermenge liegt bei 6 m3 pro Tag!

Kfz-Waschanlage in Überlingen/Bodensee

Gewerbliche Fahrzeugwaschanlagen zeigen Umweltengagement ebenfalls durch Aufbereitung von Waschwasser. Durch Sedimentation, Belüftung und Wiederverwendung entsteht ein geschlossener Kreislauf, bei dem kein Abwasser mehr anfällt! – eine Bedingung für die Auszeichnung mit dem blauen Umweltengel.

Das Recyclingverfahren zur Mehrfachnutzung des verwendeten Wassers benötigt regelmäßig Ergänzung. Verdunstung und Feuchtigkeit am ausfahrenden Fahrzeug und die automatische Rückspülung von Filteranlagen verringern die zirkulierende Menge jeweils um ca. 30 %. Anstatt, wie sonst üblich mit Trinkwasser auszugleichen, wird hier aus der eigenen 45 m3 Zisternenanlage nachgespeist. Ein idealer Verwendungszweck für das weiche Regenwasser: Wie bei der Waschmaschine können die Waschsubstanzen ohne Enthärter sparsamer verwendet werden. Dem Abwasser wird also ein Teil der sonst üblichen chemischen Substanz erspart – neben der Rückhaltung der Niederschlagsspitzen und der Trinkwassereinsparung ein dritter umweltentlastender Effekt!

Waschstraße der Firma Bommer, Hochdruck-Vorwäsche für PKW. Regenwasser-Erwärmung mit Solar- und Brennwertheizung. Foto: König

In Überlingen ist das Fahrzeugwaschen auf öffentlichen Straßen seit 20 Jahren bereits verboten. Der benzin- und ölhaltige Schmutz würde die Kläranlage erheblich belasten. Die Stadt hat als Service daher öffentliche Waschplätze am Rande eines Parkplatzes eingerichtet mit den erforderlichen teuren Abscheideranlagen im Abfluß. Damit sind üblicherweise auch alle gewerblichen Waschanlagen ausgestattet. Regenwasser verwenden sie allerdings selten. Der Grund: Das ungünstige Verhältnis von hohem Bedarf und geringem Ertrag – durch die kleinen Gebäude-Dachflächen – macht die Regenwassernutzung für sie unwirtschaftlich.

Anders bei Fa. Bommer: Nicht nur der Neubau des eigenen Betriebsgebäudes neben der Waschanlage, sondern auch die benachbarte Schulturnhalle sind an die Sammelleitung angeschlossen, die über einen Filterschacht zur Zisterne führt. Beide Nachbarn profitieren davon: Wenn über kurz oder lang auch in Überlingen die Niederschlagsableitung verursachergerecht mit einer separaten Gebühr belegt wird, wird die Schule für den "verschenkten" Anteil nicht zur Kasse gebeten. Der Waschanlagenbetreiber seinerseits hat durch den Zulauf von der Schule her erst genügend Menge für einen wirtschaftlichen Regenwasserbetrieb in seinen Speichern.

Gewerbliche PKW-Waschstraße der Firma Bommer, Überlingen. Nutzung des Regenwassers von benachbarten Gebäuden. Foto: König

Diese unterirdischen Behälter wurden als Beton-Fertigteile geliefert mit befahrbaren Abdeckungen und, um einen raschen Baufortschritt zu gewährleisten, mit anschlußfertigen Verbindungsteilen. Darüber hinaus gibt es eine Innovation, die der Firmeninhaber selbst entwickelt hat: Auf dem Dach der Waschstraße sitzt eine Solar-Anlage; mit der gewonnenen Wärme wird das Heißwachs der Waschanlage erhitzt. Die Öl-Brennwert-Heizung und die optimale Wärmeisolierung dieses Industriegebäudes sind weitere Maßnahmen, die den verantwortungsvollen Umgang mit Energie und Ressourcen zeigen. Konkret: 400 m2 Ausstellungsraum werden ausschließlich mit Wärmerückgewinnung aus der BOMAT-Brennwerttechnik beheizt.

Zur Wirtschaftlichkeit Rolf Bommer: "Unsere 45 m3 Regenwasservorrat sind schneller als erwartet aufgebraucht, da wir mehr Andrang haben als vermutet." Ein Grund für diesen großen Zuspruch der Kunden ist mit Sicherheit die aktive Informationspolitik, mit der an der Fassade der Waschanlage und in der Tagespresse auf die ökologische Betriebsweise hingewiesen wird.

Schwerkraftsystem ohne Pumpentechnik für Anlagen mit geringem Leitungsdruck. (10 m Höhendifferenz = 1bar). Zeichnung: König

Reiterhof in Alfeld/Franken

Für die Pferdehaltung gilt allgemein: Neben der Befeuchtung der Reitplätze im Innen- und Außenbereich (Staubbindung) ist Regenwasser auch für Reinigung, Tiertränke und für die Pferdeschwemme nutzbar. Um das Wasser aus unterirdischen Speichern zu temperieren, kann es günstig sein, einen Vorlagebehälter im Dachraum von Stallungen oder Scheunen unterzubringen, solange dort keine Frostgefahr droht.

Reinigung der Pferde im Nonnhof, Alfeld. Foto: Schreiner

Die Reithalle Nonnhof in Alfeld bei Nürnberg nutzt Regenwasser seit März 1996 für die Beregnung. Ein System von Druckleitungen mit Sprühdüsen an der Hallendecke wird periodisch geöffnet über Zeitschaltautomatik. Der Wasserbedarf liegt bei 1 m3 pro Tag. Bisherige Gesamtkosten: ca. 30 000 DM. Nach Fertigstellen der Außenanlagen soll die Regenwassertechnik noch erweitert werden: Im Laufe des Jahres 1999 investiert der Inhaber in eine Bewässerungsanlage im Freien für Dressurplatz/Longe.

Reithalle mit automatischer Beregnungsanlage. Foto: König

Bei der Auslegung des Speichers wurde dies bereits berücksichtigt: Zwei unterirdische Fertigteil-Betonbehälter mit vorgeschaltetem Filterschacht bevorraten ca. 30 m3 Regenwasser. Als Einzugsfläche dienen 2000 m2 Dachfläche. Obwohl 20 % Flächenrückhalt (Verluste beim Auftreffen des Niederschlages) berücksichtigt sind, ist bis zur erweiterten Nutzung im Außenbereich regelmäßig ein Überlaufen des Speichers zu erwarten. Wasserwirtschaftlich vorbildlich wird dieses unverschmutzte Regenwasser auf dem Grundstück des Nonnhofes versickert.

Planung der Regenwassernutzung: Ökologische Innovationstechnik Bamberg.


L i t e r a t u r :

[1] fbr Schriftenreihe, Band 3: Vorträge der Tagung "Innovation Betriebs- und Regenwassernutzung", Frankfurt 1998, Hrsg. fbr. e.V. Darmstadt. ISBN 3-9804111-2-5

[2] "Regenwasser in der Architektur, Ökologische Konzepte". Ein Fachbuch der Regenwasserbewirtschaftung. Dokumentation ausgeführter Beispiele mit Angaben zu den Kosten; Fachbuch, erschienen im Ökobuch-Verlag, Staufen. Dezember 1996. ISBN 3-922964-60-5.

[3] "Regenwassernutzung von A – Z". Ein Anwenderhandbuch für Planer, Handwerker und Bauherren. Schwerpunkt, Sanitär- und Speichertechnik. Fünfte Auflage, Mallbeton-Verlag, DS-Pfohren, 1999, ISBN 3-9803502-0-7.

[4] "Zum Umgang mit Regenwassernutzung", Leitfaden für Kommunen in Deutschland. Ökologie, Recht und Gebühren, Technik. Beispiele und Erfahrungen aus Sicht der Gemeindeverwaltung; Mallbeton-Verlag, DS-Pfohren, 1999. ISBN 3-9803502-2-3.


*) Dipl.-Ing. Klaus W. König, Überlingen Bodensee. Selbständig, mit eigenem Büro seit 1991. Projekte in den Bereichen Hochbau und Modernisierung, ökologische Bautechnik, Regenwassernutzung, gesundes Bauen. Gründungs- und Vorstandsmitglied der "Fachvereinigung Betriebs- und Regenwassernutzung", fbr, Darmstadt. Mitarbeit im DIN-Ausschuß NAW V 8 "Regenwassernutzungsanlagen".