IKZ-HAUSTECHNIK, Ausgabe 7/1999, Seite 25


VERBÄNDE AKTUELL 


Hessen


Obermeistertag in Fulda

Liberalisierung des Gasmarktes

Vorstandsmitglieder, Geschäftsführer und Obermeister der Innungen sowie deren Vertreter des Fachverbandes SHK Hessen, trafen sich am 19. Februar 1999 zu der Veranstaltung "Liberalisierung des Gasmarktes - Chancen und Risiken für das SHK-Handwerk" in Kleinlüder bei Fulda. Etwa 70 Teilnehmer bekundeten großes Interesse an diesem informativen Treffen.

Unter den Teilnehmern der Veranstaltung gab es reichlich Informations- und Diskussionsbedarf.

In seiner Begrüßungsansprache führte LIM Werner Scharf aus, daß nach der Reform des Energiewirtschaftsgesetzes Demarkationslinien fielen und der Preis als oberster Kontrolleur der Marktwirtschaft, zentrale Bedeutung erlange. "Viele Obermeister und Innungsbetriebe sind mit dem Thema konfrontiert worden und sehen auch durch die Existenz neuer Marktpartner den Handlungsbedarf", führte Scharf aus.

Liberalisierung

Daß die Liberalisierung des Energiemarktes in Europa nicht spurlos an der SHK-Branche vorübergeht, verdeutlichte der Moderator/Referent der Tagung Stefan Eckart, Eckart & Partner GmbH, Managementberatung für Unternehmensführung, Ottobrunn. Anhand zahlreicher Gafiken und Statistiken, veranschaulichte er die bereits erfolgten Marktveränderungen auf der Versorgerseite. Für das Handwerk bedeute dies: in einer Region mit unterschiedlichen Anbietern und Marktpartnern zusammenzuarbeiten. In der zukünftigen Situation, die er als umwälzend bezeichnete, werde das SHK-Handwerk die Versorger als Konkurrenten, Kunden, Lieferanten und Partner erleben. Der Markt habe sich grundlegend verändert und dies bedeute schnelles und konsequentes Handeln, um an den Energiemärkten teilzunehmen.

Stefan Eckart, Moderator und Referent, erweiterte die Sichtweisen zum Thema Liberalisierung und "meisterte" gekonnt die Klippen in der Diskussion.

Der Freie Markt im Strombereich sei seit dem 29. April 1998 fixiert und eine entsprechende EU-Richtlinie für die Energie Gas werde am 11. Mai 1999 wirksam.

Eckart sah vier Wettbewerbsstrukturen, die die dramatischen Veränderungen aufzeigten:

- Nicht-Wettbewerb (1990 - 1995)

- Vor-Wettbewerb (1996 - 1998)

- Echter-Wettbewerb (1999 - 2000)

- Konzentrations-Wettbewerb (2001 - 2005)

"Für das Handwerk wird sich das Umfeld dramatisch verändern", führte der Marktbeobachter aus. Nach seiner Meinung erziele Kundenbindung ein sieben Mal besseres Ergebnis als Kundengewinnung und daher gab er den Ratschlag: "Orientieren Sie sich mit aller Radikalität auf Kundenzufriedenheit und Kundenbindung".

Diskussionsrunde

Die vom Fachverband einberufene Diskussionsrunde sollte den anwesenden SHK-Obermeistern weitere Informationen und Entscheidungshilfen vermitteln.

Moderator Stefan Eckart, forderte die Podiumsteilnehmer Dr. Horst Meixner, Geschäftsführer hessenEnergie Gesellschaft für rationelle Energienutzung mbh; Wiesbaden, Werner Scharf, Landesinnungsmeister FV SHK Hessen, Dr. Eugen Daum, Geschäftsführer FV SHK Hessen, Raimund Luger, Geschäftsführer der heitech GmbH, Frankfurt a.M., Heinz Kern und Dr. Karl-Heinz Walper, Gfl - Gesellschaft für Innovation mbH, Köln zu einer kurzen Stellungnahme auf.

Nach den Ausführungen von Kern wird das Installateurverzeichnis bleiben. Für ihn wäre es wichtig, eine Servicekette zum Kunden aufzubauen. Die Partner sollten ihre Stärken mit einbringen, denn die Handels- und Lieferbedingungen würden sich erheblich verändern. Es werde allerdings schwierig werden, verbindliche Lösungen zu treffen. Versucht werden sollte auch auf örtlicher Ebene Wärme-Contracting-Modelle zu entwicklen. Ihm gehe es um eine Fortführung der Partnerschaft mit dem Handwerk, allerdings sei Anlagenbau für ihn Kundenbindung und daher denke man über Contracting nach.

Das während der Tagung ein komplexes Thema zu diskutieren war, zeigte sich auch in der Verbandsspitze. LIM Werner Scharf im Gespräch mit Dr. Daum (v.l.).

LIM Scharf war der Auffassung, daß Geschäfte, die über den Gaspreis finanziert würden - Kommunalanbieter, Versorger - sich infolge der sinkenden Gewinnmargen in den nächsten fünf Jahren relativieren würden. Als erste Reaktion des Handwerks auf die Veränderung im Markt, habe sich, wie die Hamburger Facility Management, auch in Hessen ein ähnliches Unternehmen gegründet.

Dr. Walper sieht als Berater des ZVSHK, St. Augustin, gute Chancen für das Handwerk diesen Wettbewerb zu bestehen. Konzepte seien in der Vorbereitung und es sei nicht alles schwarz zu sehen. Er setze auf starke Kooperationen und Partnerschaften mit den Versorgern. Der Leitfaden für Energiecontracting werde zur ISH 99 fertiggestellt.

Luger, als Vertreter eines reinen Contracting-Unternehmens, Tochter der Fa. Techem, sieht bei Gas- und Stromkonditionen eine sehr günstige Verhandlungsposition. Für ihn stelle sich die Frage, wie ein Kontraktor mit dem Handwerk zusammenarbeiten könne. Sein Unternehmen baue und betreibe die Anlagen nicht, sondern habe Partnerfirmen mit eingebunden. Bei den Versorgern sehe er eine Konzentrationsbewegung, die eine Reduzierung von heute etwa 900 auf 150 bis 200 Anbieter bewirken werde. Energiedienstleistung bedeute Energie- und Wärmecontracting. Diese Komplettdienstleistung sei auf einen Zeitraum von 15 bis 20 Jahre ausgelegt.

"Einigkeit macht stark", dokumentierte man zu Beginn der Diskussionsrunde, doch ob diese Einigkeit auch hält, werden die nächsten Monate beweisen müssen. In der ersten Reihe die Podiumsteilnehmer Dr. Horst Meixner, LIM Werner Scharf, Dr. Eugen Daum, Stefan Eckart, Raimund Luger, Heinz Kern und Dr. Karl-Heinz Walper.

Für Dr. Meixner beschäftigt sich das Handwerk zu sehr mit der Absicherung von altgewohnten Märkten. "Sehen Sie nicht nur ihre Stärken, sondern achten Sie auf ihre Schwächen", forderte er zum engagierten Handeln auf. Eine Flucht in neue Kartelle werde bei dieser Umwälzung im Markt nicht helfen. Man solle nicht so sehr an alte Partner denken, sondern neue Kooperationen suchen. "Sperren Sie sich nicht gegen Wettbewerb, fordern sie ihn!"

Als Vertreter des Fachverbandes sah Dr. Daum in den Verbandsinitiativen Hilfestellung für das Handwerk, denn die bekannten Modelle müssen beurteilt werden können und es gebe sicherlich kein schlüssiges System für alle. Mit insgesamt 23 Innungen und etwa 2500 Betrieben stelle man eine gewisse Machtposition dar, und die gelte es in die Waagschale zu werfen, denn ein Einzelbetrieb habe gegenüber Großunternehmen keine Chance.

Unter den Handwerkern wurde sehr kontrovers über das Konzept der Wärmelieferung diskutiert. Der Geschäftsführer der Innung Frankfurt, Erich Laforsch, brachte es auf den Punkt als er ausführte, daß einige Betriebe im Raum Frankfurt seit etwa acht Jahren Wärmelieferung anböten. Allerdings rieten sie dringend von entsprechenden Aktivitäten ab, da mit einer Vorfinanzierung von ca. sieben Jahren zu rechnen sei. Erst nach dieser Zeit gebe es spärliche Gewinne und berge zudem noch hohe Risiken bei Anlageproblemen. Für dieses Konzept sei eine dicke Kapitaldecke unabdingbar notwendig.


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