IKZ-HAUSTECHNIK, Ausgabe 1/1999, Seite 40 f.


REPORT


Aus Partnerschaft wird Konkurrenz

Bericht zum Dortmunder VEW-Kongreß "Mensch-Gebäude-Technik"

Thomas Dietrich

Der Wettbewerb wird für Elektro-Installateure härter werden, denn die langgepflegte Partnerschaft mit den Energieversorgern kann sich - ähnlich den Erfahrungen im SHK-Handwerk - lokal durchaus in eine bedrohliche Konkurrenz verwandeln, wenn Versorger ins Geschäft rund um Planung und Installation einsteigen.

Mit Spannung war am Vortag der Dortmunder Messe Elektrotechnik/Technocom 98 der Kongreß "Mensch-Gebäude-Technik" erwartet worden. Am 1. September stand ein Thema zur Debatte, das für die Marktpartner eine existenzielle Bedeutung hat: "Die Marktveränderungen und Einflüsse auf die Zusammenarbeit von Elektrohandwerk und Versorgungsunternehmen".

Als auf dem Kongreß die Spielregeln der neuen Marktpartnerschaft recht zaghaft durch die Blume angedeutet wurden, konnte sich jeder anwesende Installateur leicht ausrechnen, wer bei der allgemeinen Suche nach neuen Betätigungsfeldern in Zukunft schnell in die Rolle des Bittstellers geraten könnte...

Erste Auswirkungen haben Installationsunternehmen in einigen Regionen auch schon in der Praxis erleiden dürfen, denn zumindest einige EVU haben bereits den einen oder anderen Marktanteil auf Kosten des Handwerks zu sichern versucht. Daher die Befürchtung des Elektro-Handwerks, die Werner Kocher, Vorsitzender des Messebeirats im Fachverband NRW, bereits vor Monaten auf den Punkt gebracht hatte: "Wenn die über Jahre bewährte Aufgabenverteilung zwischen EVU und Elektrohandwerk keinen Bestand mehr hat, sondern der Kampf um Marktanteile losbricht, sehe ich in unserem Bereich nicht nur eine Wettbewerbsverzerrung, sondern den gesamten Mittelstand bedroht!"

Alle in einem Boot?

Die Verantwortlichen bei der VEW Energie AG, die als Gastgeber etwa 100 Kongreßteilnehmer begrüßen konnten, wußten es geschickt zu verhindern, daß es in der Teilnehmerrunde zu einer direkten Konfrontation zwischen Versorgern und dem Handwerk kam. Durch zahlreiche Vorträge gelang es vielmehr, diverse Sachzwänge wie die Energierechtsnovelle oder das Handling bei der Stromeinspeisung und Durchleitung so darzustellen, daß es unter den Anwesenden eigentlich nur Leidtragende geben konnte.

Unter den etwa 100 Teilnehmern des Kongresses waren auffallend wenige Handwerksunternehmer, deren Existenz durch die Energierechtsnovelle unmittelbar betroffen ist. Bild: Thomas Dietrich

Im Laufe eines halben Kongreßtages entstand ein imaginäres Rettungsboot, das die Energieversorger "gechartert" hatten, um gemeinsam mit den Vertretern des Elektro-Handwerks gegen die bedrohlichen Wellen des europäischen Marktes anzukämpfen. "An der Zusammenarbeit wird sich grundsätzlich nichts ändern", so die beschwichtigende Willenserklärung der EVU-Organisation, "allerdings werden wir uns unsere Partner im Handwerk aussuchen", verkündete Rolf Windmöller, Vorstand der VEW Energie AG und Vorstand der VDEW-Landesgruppe NRW.

Man ließ sich an diesem Tag nicht darauf ein, die Tragweite dieser Aussage im Detail zu erläutern. Es ist aber leicht erklärt: In Zukunft sollen bei den lokalen EVU Listen geführt werden, auf denen diejenigen Elektro-Betriebe stehen werden, die sich als empfehlenswert qualifiziert haben, um auch weiterhin die Strom-Versorgung gegenüber dem Endkunden sicherzustellen. Weil man auf breiter Linie gar nicht ohne den anderen kann, wird es - mit Abstrichen - weiterhin eine Zusammenarbeit zwischen den Versorgern und dem Handwerk geben. Unter dem Kosten- und Wettbewerbsdruck, denen sich jetzt auch die Versorger ausgesetzt sehen, wird das allerdings in "gestraffter Form" stattfinden - sprich: man will letztendlich im Handwerk die Spreu vom Weizen trennen. Man räumt seitens der Versorger auch ein, daß es auf lokaler Ebene durchaus dazu kommen kann, daß ein EVU über sein Dienstleistungskonzept sich plötzlich als Mitbewerber nicht nur bei der Elektroplanung, sondern auch bei Installationsaufträgen entpuppt. Doch sieht man diese Entwicklung bei der VEW Energie AG lediglich in einer zeitlich begrenzten Phase des Umbruchs. Letztlich wird man sich auf dem Markt der Möglichkeiten auf seine Stärken besinnen und diese auszuspielen versuchen. Für die EVU bedeutet dies, dem Endkunden umfassende Beratungskonzepte von der Energieeinsparung bis hin zur Neuprojektierung bieten zu können, deren Umsetzung dann in der Regel den Betrieben des Elektrohandwerks weiterhin überlassen werden soll. Eine Übersicht empfehlenswerter Elektro-Betriebe wird der Energieversorger im Beratungsgespräch mit seinen Kunden bereithalten.

Eine Liste wird entscheiden

Unter dem Eindruck dieser Zukunftsaussichten kanalisierten sich unter den anwesenden Unternehmern des Elektro-Handwerks alle Zweifel und Zukunftsängste hin zur entscheidenden Frage: "Komme ich mit meinem Betrieb auf die Liste meines EVU und damit in meiner Region weiterhin zu Aufträgen oder komme ich nicht?"

Dies in nächster Zeit auszuloten, hielt man offensichtlich für wichtiger, als die Notwendigkeit, in der Diskussionsrunde am Nachmittag mit den Vertretern der EVU Tacheles zu reden und Antworten auf brennende Fragen einzufordern.

Lediglich Karl Hagedorn, Vorsitzender des Fachverbandes Elektrotechnische Handwerke NRW und Präsident des ZVEH, brachte auf der Podiumsdiskussion seine Bedenken gegen diese Entwicklung klar zum Ausdruck: "Wir stehen heute am Beginn einer Entwicklung, wie sie in ähnlicher Form vor vielen Jahren die Tante-Emma-Läden ergriffen hat. Ich bin natürlich auch für Wettbewerb in unserer Branche - jedoch nur dann, wenn alle zu den gleichen Bedingungen antreten." Er bedauerte den Trend, daß unter dem Deckmantel des allgemeinen Preisdrucks und der Kosteneinsparung nun versucht werde, große leistungsfähige Betriebe für Dienstleistungskonzepte in der Energiewirtschaft zu mobilisieren. Schon mittelfristig werde sich zeigen, so seine Einschätzung, daß der kleine bzw. schwache Betrieb zwangsläufig dadurch auf der Strecke bleiben wird.

Marktpartner im Umbruch

Bislang beschränkten sich die rund 900 EVU mit etwa 178.000 Beschäftigten und einem Jahresumsatz von 125 Mrd. DM im wesentlichen auf die Energielieferung an Kunden in ihrem Versorgungsgebiet. Mit der Binnenmarkt-Richtlinie Elektrizität fordert die europäische Union von ihren Mitgliedsländern mehr Wettbewerb innerhalb der Stromversorgung herbeizuführen. Die Stromversorger ergreifen derzeit alle Möglichkeiten, Kosten zu senken, um konkurrenzfähige Strompreise bieten zu können. Zusätzlich wollen sie Dienstleistungen anbieten, um ihr Produkt zu individualisieren und neue Geschäftsfelder zu erschließen.

Die Elektro-Handwerke nehmen mit 58.700 Betrieben, 515.000 Beschäftigten und einem Jahresumsatz von 67 Mrd. DM eine bedeutende wirtschaftliche Verantwortung in Deutschland wahr. Neue Wettbewerber aus dem handwerklichen und industriellen Umfeld und von Kommunen gesteuerte Betriebe und "Beschäftigungsgesellschaften" entdecken zunehmend die ohnehin schon überbesetzten Märkte für elektrohandwerkliche Dienstleistungen. Weil angekündigte Wettbewerbsaktivitäten der EVU, die bislang weitestgehend auf regionalen Monopolmärkten operierten, das klassische Betätigungsfeld des Elektrohandwerks noch weiter einengen würden, sind die Auswirkungen auf den gesamten Mittelstand nicht abzusehen.


[Zurück]   [Übersicht]   [www.ikz.de]