IKZ-HAUSTECHNIK, Ausgabe 2/1998, Seite 78 f.


REPORT


Ein europäisches Einheitsmodell hätte keinen Erfolg

Die Besonderheiten nationaler Märkte in Europa und die Auswirkungen auf ein international operierendes Unternehmen - diese Aspekte standen im Mittelpunkt des Junkers Fachpresse-Kolloquiums Ende November im britischen Worcester.

"Internationalisierung in unserer Branche setzt voraus, die unterschiedlichen Marktanforderungen der einzelnen Regionen zu berücksichtigen", betonte Hans Joachim Leydecker, Mitglied der Geschäftsleitung von Bosch Thermotechnik, bei einem Junkers Fachpresse-Kolloquium Ende November 1997. Rund 20 Fachjournalisten aus Deutschland, Österreich und der Schweiz informierten sich in Worcester nahe der englischen Industriestadt Birmingham vor Ort über die Unterschiede zwischen dem deutschen und dem britischen Thermotechnik-Markt. Leydecker, Jürgen Hahne, der Leiter der Technischen Beratung von Junkers/Bosch Thermotechnik und Richard Soper, Vertriebsleiter der Worcester Heat Systems, beleuchteten die Unterschiede zwischen einzelnen europäischen Ländern und zeigten, welche Bedeutung diese Unterschiede in der täglichen Praxis für einen international agierenden Hersteller wie Bosch Thermotechnik haben. Auf dem britischen Markt hat Bosch Thermotechnik mit der Marke Worcester eine führende Position. Bei Heiz-Warmwasserthermen beispielsweise liegt das Unternehmen mit weitem Abstand vor allen Wettbewerbern. Ein Besuch auf der "Interbuild" in Birmingham, der größten Fachmesse in England für Bau, Sanitär und Heizung, bot weitere Gelegenheiten für die Teilnehmer, Einblicke in den britischen Thermotechnik-Markt zu bekommen.

Hans Joachim Leydecker: "Internationalisierung ist heute in vielen Branchen die Voraussetzung für unternehmerischen Erfolg."

Leydecker skizzierte die Entwicklung vom rein deutschen Hersteller Junkers Mitte der 80er Jahre zur internationalen Bosch Thermotechnik mit 5100 Mitarbeitern, acht Marken und sechs europäischen Fertigungsstätten. Der Umsatz des Unternehmens stieg laut Leydecker dabei in den vergangenen zehn Jahren von 372 Mio. DM (1987) auf knapp 1,4 Mrd. DM im Jahr 1996. Diese Zahlen dürften aber nicht über die schwierigen Aufgaben hinwegtäuschen, die eine Internationalisierungs-Strategie mit sich bringe. "Auf den europäischen Traditionsmärkten hat man mit einem Einheitsmodell keinen Erfolg. Man muß vielmehr wissen, was in welchem Markt besonders gefragt ist, und sich bei der Entwicklung der Modellpalette darauf einstellen. Dieses Wissen und die dafür nötige Nähe zum Markt sind die großen Vorteile der Struktur von Bosch Thermotechnik", betonte Leydecker.

Die Eigenheiten der Märkte werden nach Leydeckers Worten vor allem von sechs Faktoren bestimmt: Klima, nationale Gesetzgebung, allgemeiner Lebensstandard, Infrastruktur, Preisniveau der Energieträger und Besonderheiten der Baustile. So heizen nach seinen Worten in den Niederlanden fast alle - genau gesagt 96% aller Haushalte mit Gas, während es in den alten Bundesländern lediglich 39 und in den neuen sogar nur 32% sind. Großbritannien ist - nicht nur geographisch - den Niederlanden näher als den Deutschen: Drei Viertel aller Haushalte setzen bei der Heizung auf Gas. Italien weist einen Gasanteil von 53% auf, während Österreicher und Schweizer mehr Öl verwenden und in Frankreich und Spanien noch häufig mit Strom geheizt wird.

Eine enge Zusammenarbeit im Entwicklungsverbund der Bosch Thermotechnik, so Hahne, sichert den Know-how-Transfer.

Leydecker ging auch im einzelnen auf die Besonderheiten der einzelnen Länder ein. In Großbritannien beispielsweise gebe es im Vergleich zum restlichen Europa eine große Zahl von Heizgeräten, die in der Küche installiert sind - laut Leydecker eine Folge des typischen englischen Baustils, der häufig auf einen Keller verzichtet. Weniger als 5% der Gasheizthermen sind an einen Schornstein angeschlossen - die Briten nutzen offensichtlich die Kostenvorteile und die einfache Installation von Außenwandgeräten. Auffällig sind nach Leydeckers Worten auch die hohen Leistungswerte der Kombi-thermen: Worcester bietet bis zu 35 kW Leistung in dieser Geräteklasse, um den seit Jahren steigenden Komfortbedarf beim Warmwasser zu befriedigen.

In der Kostenbetrachtung haben günstige Anschaffungs- und Installationskosten auf der Insel eine sehr starke Bedeutung, was sich daran zeigt, daß Brennwertsysteme und Geräte mit elektronischer Zündung eine vergleichsweise geringe Bedeutung haben. Das habe sowohl mit der bislang nicht allzu scharfen Umweltauflage in England und dem seit Jahren sinkenden Gaspreis in Großbritannien zu tun. "Wenn wir auf einem solchen Markt nur Geräte anbieten würden, die die strengen Auflagen in Deutschland, Österreich und der Schweiz erfüllen, hätten wir größte Probleme, denn die Kosten für den konstruktiven und fertigungstechnischen Mehraufwand lassen sich am Markt nicht über höhere Preise durchsetzen. Das ist einer von vielen Gründen, warum es keine europäischen Einheitsthermen geben kann", erklärte Leydecker. In manchen Punkten aber nähern sich nach seinen Aussagen die Briten auch an die Deutschen an: Mehr Komfort und eine verbesserte Wartungsfreundlichkeit stünden immer höher im Kurs. So habe jetzt Worcester die von Bosch entwickelte "Heatronic"-Steuerung, die in Deutschland aus den Cerapur- und neuen Cerastar-Modellen (in dieser Ausgabe unter Produkte vorgestellt) von Junkers bekannt ist, mit Erfolg im neuen Worcester-Spitzenmodell auf dem Markt eingeführt. Insofern habe der internationale Verbund von Bosch Thermotechnik den großen Vorteil, spezifisches Markt-Know-how mit den Produktions- und Kostenvorteilen durch die Abrundung der Produktionspaletten der einzelnen Fertigungsstandorte zu verbinden.

Einen kurzen Einblick in die Geschichte von Worcester gab Richard Soper, Vertriebsleiter der Worcester Heat Systems Ltd. Die Mischung aus "britischer Identität und sprichwörtlich deutscher Zuverlässigkeit und Qualität" sei die Basis, die Mutter und Tochter gleichermaßen Vorteile bringe. Das 1962 gegründete Unternehmen Worcester habe in Großbritannien in den 70er Jahren vor allem auf dem Gebiet der energieeinsparenden Kombithermen Pionierarbeit geleistet und seither seine marktführende Stellung in diesem Segment immer weiter ausgebaut. Seit der Übernahme durch Bosch im Jahr 1992 profitiere das Unternehmen auch vom Namen Bosch, der bei Hausgeräten in Großbritannien bekannt und gut angesehen sei. "Für Thermotechnik-Geräte entwickelt sich erst langsam ein Markenbewußtsein beim britischen Endverbraucher", meinte Soper, "und in diesem Prozeß haben wir mit Worcester und Bosch gleich zwei klangvolle Namen zu bieten."

Mit den neuen Endmontagebändern ist Worcester Heat Systems Ltd. für die in den nächsten Jahren geplanten Stückzahlen gerüstet.

Soper stellte die aktuelle Produktpalette von Worcester vor und ging dabei besonders auf die Unterschiede zu den Junkers-Geräten in Deutschland ein. Für die Beliebtheit großer Leistungsstärken wußte Soper einen weiteren Grund: "Den Engländern ist ein Bad lieber als die Dusche - und dafür braucht man eben schnell viel heißes Wasser."

Über den Aufbau des internationalen Fertigungsverbundes berichtete Jürgen Hahne, Leiter der Technischen Beratung von Bosch Thermotechnik. Anfangs war das noch eine leichte Aufgabe, erinnerte sich Hahne. "Ende der 80er Jahre produzierte Junkers im Wernauer Stammwerk fast die gesamte damalige Produktpalette. 1988 war dann der Kostendruck bei Gas-Warmwasserthermen so groß geworden, daß wir sie in Deutschland nicht mehr zu wettbewerbsfähigen Preisen herstellen konnten. Deshalb haben wir diese Produktgruppe in die Fertigung zur portugiesischen Vulcano Termo Domésticos integriert, die Junkers 1988 als erstes ausländisches Unternehmen übernommen hat. Die Integration nur einer Produktgruppe war natürlich vergleichsweise einfach."

Inzwischen, so Hahne, habe der Verbund natürlich enorm an Größe und Komplexität gewonnen. Das Junkers-Stammwerk in Wernau sei für die Entwicklung der Zentralelektronik und der Regelungen, Steuerungen und Gasarmaturen zuständig. Dabei komme Junkers auch die Nähe zur zentralen Forschungsabteilung von Bosch zugute. Auch schadstoffarme Brenner wie der neue wassergekühlte ThermoStar-Lamellenbrenner und die Brennwerttechnik werden in Wernau vorangetrieben. Hahne: "Im Stammwerk arbeiten allein 90 Entwicklungsingenieure an der Thermotechnik von morgen und übermorgen."

In den vergangenen Jahren habe das Unternehmen in den einzelnen Ländern sogenannte Kompetenzzentren aufgebaut. "Die Regel ist auch dabei Nähe zum Markt", betonte Hahne. So sei Aveiro beispielsweise das Kompetenzzentrum für Gas-Warmwasserthermen - "einfach, weil das Volumen für diese Geräte in den südeuropäischen Märkten viel höher ist als in Mittel- und Nordeuropa."

Die internationale Arbeitsteilung und die Konzentration bestimmter Produkte an einzelnen Standorten ist aber, laut Hahne, nur eine Seite des Verbundes. Die andere gehe genau in die entgegengesetzte Richtung und sogar über die Grenzen von Bosch Thermotechnik hinaus. Die Mutter Bosch habe beispielsweise aus der Kraftfahrzeugausrüstung ein großes Know-how in der Präzisions-Mengenfertigung. Diese Erfahrungen gelte es zu nutzen, um international ein einheitlich hohes Niveau bei Qualität und Produktivität zu sichern. Dabei hängt, laut Hahne, viel von der Optimierung der Fertigungsprozesse ab: "Bei Bosch gibt es das Motto "SQS" - selbst Qualität sichern, nach dem die Mitarbeiter in der Fertigung verstärkt die Verantwortung für die Qualität übernehmen. Aber das kann man nicht einfach verordnen. Deshalb gibt es den "Continuous Improvement Process", kurz CIP genannt, in dem die Mitarbeiter auf Werkstattebene auftretende Fehler analysieren, Lösungen für die Beseitigung entwickeln und Ideen für die ständige Weiterentwicklung und Verbesserung von Prozessen in ihrem Umfeld besprechen", erklärte Hahne. Bei Worcester heiße dieses Verfahren "Bosch Improvement Teams", sei aber vom Grundsatz her gleich. Das sei nur ein Beispiel, wie Synergien im Fertigungsverbund genützt werden könnten. Deshalb fiel sein Fazit auch positiv aus: "Es ist nicht immer leicht, diesen Verbund zu organisieren - aber es ist eine reizvolle Aufgabe, die sich lohnt."


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