125 Jahre IKZ-HAUSTECHNIK, Ausgabe 24/1997, Seite 46 ff.


REPORT


Wasserkultur

Hansgrohe-Umweltforum in Offenburg
am 24. Oktober

Hatte man sich bei den drei vorangegangenen jährlichen Umweltforen von Hansgrohe mit Solarenergie auseinandergesetzt, so stand diesmal das Trinkwasser im Mittelpunkt.

Hansgrohe-Geschäftsführer Otto Schinle (vorne rechts) hatte zum vierten Umweltforum nach Offenburg eingeladen und rund 150 Fachleute aus Wissenschaft, Industrie und Handwerk füllten den Saal. 

Eine Reihe von Referenten präsentierte Zahlen aus allen Bereichen rund um den Globus, die alarmierende Trends aufwiesen: Während in unseren bundesdeutschen Haushalten pro Kopf täglich nicht mehr als drei Liter Trinkwasser durch die Kehle fließt, jede Person jedoch durchschnittlich pro Tag weitere 130 Liter und mehr verbraucht, geht beispielsweise in Nigeria die Hälfte eines durchschnittlichen Monatseinkommens dafür drauf, sich trinkbares Wasser zu beschaffen - die Versorger in Deutschland geben 1000 Liter in bester Qualität für rund 70 Pfennig ab.

Prof. Dr. Paul Velsinger, als Experte in Sachen Globale Umweltveränderungen im Wissenschaftlichen Beirat der Bundesregierung, relativierte die Umweltsorgen der "ersten" Welt angesichts der Probleme in der "dritten", wo die Bevölkerung stündlich um rund 10000 Menschen wächst. Dort kommt verschärfend hinzu, daß ein Trend klar in Richtung Verstädterung zu erkennen ist. Umgerechnet entstehen pro Jahr acht neue 10-Millionen-Städte, wo Probleme mit der Ver- und Entsorgung immer weniger beherrschbar werden.

Das sei zwar bedauerlich, was aber habe das für Konsequenzen für uns, wollte jemand aus dem Publikum vom Professor wissen. Wie nah wir uns an diesen Problemzonen befinden, war daraufhin schnell skizziert: Durch globale Völkerwanderungen bzw. schnelle Verkehrsverbindungen sind wir nur wenige Flugstunden von Krisenherden entfernt, so daß z.B. Krankheiten und Seuchen, die hier längst in Vergessenheit gerieten, plötzlich wieder akut auftreten können. Deshalb gehe es darum, in den Industrieländern mit Ideen und Technologien vielleicht ganz neue Wege zu gehen, um daraus Lösungsmöglichkeiten für andere Regionen auf dem Globus zu entwickeln.

Wasserwende

Daß Trinkwasser auch in unseren Landen als kostbares Gut zu betrachten ist, das es zu bewahren gilt, ließ sich unschwer aus dem Leitwort des Umweltforums ableiten: Wasserwende. Was aber muß sich denn wenden im Umgang mit diesem kostbaren Naß? Prof. Dr. Detlev Ipsen, Experte für Stadt- und Landschaftsplanung an der Uni Kassel, zeigte auf, daß den Menschen in den Städten der Industrienationen das Bewußtsein abhandengekommen ist, daß Wasser Grundlage allen Lebens auf der Erde ist. Das Wort "Wasserkultur" müsse in den Wortschatz aufgenommen und mit Leben erfüllt werden, damit sich in den Köpfen etwas verändere.

Insgesamt suchten 14 Wasser-Experten in drei Podiumsdiskussionen nach Antworten auf die Frage: Wie bewußt gehe ich mit Wasser um?

Die Ernüchterung im Saal ließ nicht lange auf sich warten, denn was den rund 150 Anwesenden oftmals schon von Berufswegen auferlegt wird, sich nämlich bei Ver- und Entsorgung in irgendeiner Form mit dem Medium Wasser zu beschäftigen, liegt leider außerhalb des Blickfeldes der meisten Verbraucher. Es interessiert nicht. Das Ergebnis einer Umfrage zeigt, daß bei der Auflistung von Problemen, mit denen man sich hierzulande beschäftigt, nur bei einer Minderheit von rund 6% das Thema Umwelt eine Rolle spielt. Sprach man in der Befragung das Thema Umwelt konkret an, kam nicht mal jedem Zehnten das Stichwort Wasser in den Sinn. Kurios obendrein: Nur etwa die Hälfte der Befragten fühlte sich persönlich in irgendeiner Form von Umweltproblemen betroffen.

Eine Umfrage kann immer nur eine Momentaufnahme sein, doch angesichts dieses Backgrounds wundert es nicht, wenn auf dem Podium der Vertreter eines Wasserversorgers selbstherrlich die These in die Runde warf: "Es hilft doch nicht der Sahel-Zone, wenn wir Wasser sparen!"

Als typisches "Einbahnstraßen-Denken" klassifizierte Umwelt-Experte Nikolaus Geiler diese Haltung. Jeder schaue nur auf sich selbst - ohne dabei über komplexe Zusammenhänge nachzudenken, geschweige denn an einer ganzheitlichen Lösung mitzuwirken. "Unsere Konzepte, die wir in den Industrieländern zu bieten haben, taugen nicht für die Zukunft", war seine Einschätzung und ein Appell zugleich, sich verantwortungsvoll mit der Thematik auseinanderzusetzen.

Lösungsansätze, um kostbares Trinkwasser einzusparen, gibt es durchaus, wie sich durch zahlreiche Wortbeiträge zeigte. Der Bogen spannte sich von der wassersparenden Armatur über die Spartaste am Spülkasten bis hin zur Premiere von Hansgrohe: eine Versuchsanlage zeigte erstmals auf, daß sich durch Duschwasser-Recycling z.B. in einem Vier-Personen-Haushalt bis zu 50000 Liter jährlich wiederaufbereiten lassen, um es dann für die Toilettenspülung erneut nutzen zu können.

Ganzheitliche Lösungen verlangen aber, daß man beim Sparen auf der Trinkwasserseite auch die Auswirkungen auf der Abwasserseite im Auge behält.

Joachim Weinhold, Geschäftsführer Technik im ZVSHK (2. von links):
"Wenn der sorgsame Umgang mit Trinkwasser die Herausforderung ist, ist dazu ein ganzheitlicher Ansatz notwendig. So ist eine Entsorgung über ältere Abwassernetze auf bestimmte Wassermengen angewiesen, die man nicht einfach reduzieren kann. Eine Regenwasserbewirtschaftung, z.B. für Toiletten oder Garten, würde aber durchaus Sinn machen." 

Alte Abwassernetze benötigen von der Grundleitung bis hinauf zum alten WC-Becken für die einwandfreie Funktion Mindestspülmengen, die sich nicht gravierend reduzieren lassen. Einsparpotential liegt nach Einschätzung von Joachim Weinhold, Geschäftsführer Technik im ZVSHK, vor allem in Neubaubereichen, wo man durch neue Techniken im Abwassernetz mit 4 Litern Spülmenge für das moderne WC durchaus zurechtkommt. "Warum reicht dort nicht nur ein Liter aus?", kam ein Zwischenruf in Anspielung auf die Vakuum-Toilette, deren Technik sich zwar in Pilotprojekten bewährt, für eine breite Vermarktung aber viel zu teuer ist.

"Die Situation, die wir heute haben, ist aberwitzig", schätzte Bodo Tegethoff (Arbeitsgemeinschaft der Verbraucherverbände) die Situation ein. Statt die Fäkalien dezentral als wertvollen Pflanzennährstoff zu nutzen, würden sie einfach zur Kläranlage gespült und könnten von dort oftmals nur der Verbrennung zugeführt werden, weil der Klärschlamm für die Landwirtschaft zu hoch mit Schadstoffen belastet sei. Für eine radikale Änderung dieser Vergeudung fehle es aber an technischen Lösungen.

Neue Techniken nicht bahnbrechend

In einem Neubaugebiet, wo der Planung viele Möglichkeiten offenstehen, fehle es auf der Entsorgungsseite häufig am Platz auf kleinen Grundstücken und am Geld, um eine dezentrale Verrieselung von Abwässern bzw. eine Regenwasser-Bewirtschaftung vorzusehen, schilderte Manfred Stather, Obermeister der SHK-Innung Freiburg, die Situation. In seiner Region habe jedoch viel Aufklärungsarbeit dazu geführt, daß man im Frischwasserverbrauch mit 113 Litern pro Kopf deutlich unter Bundesdurchschnitt liege.

Hier setzte aber auch seine Kritik am Marketing der Hersteller an: "Man hätte es als Fachberater in Sachen Einspartechnik wesentlich leichter, wenn auf der Verpackung von Spülkasten oder Armatur stehen würde, wieviel man mit diesem Produkt einsparen kann und wann sich die Mehrkosten amortisiert haben."

Das wäre eine logische Ergänzung zu anderen Gebrauchshinweisen, die der Verbraucher mittlerweile auf der neuen Kühlschranktür oder auf der Energiesparlampe findet und bereits erwartet. Warum kultiviert man dies nicht zum Einsparen von Wasser?