125 Jahre IKZ-HAUSTECHNIK, Ausgabe 13/1997, Seite 18 ff.


VERBÄNDE AKTUELL 


Thüringen


Landes-
verbandstag Thüringen

Altenburg, ein verträumtes Residenzstädtchen der ehemaligen Herzöge Sachsen-Altenburg-Gotha am östlichsten Rand Thüringens, war am 23. und 24. Mai d. J. Teffpunkt der Thüringer SHK-Handwerkerfamilie mit ihren Partnern aus Politik und Verwaltung, seitens der Hersteller, des Fachgroßhandels und der Presse. Mit fachlich und gesellschaftlich hervorragendem Programm in kultureller Verpackung fand der dritte Verbandstag des Fachverbandes Sanitär-, Heizungs- und Klimatechnik Thüringen (FVSHK) hoch über der Stadt im Schloß statt.

Vorangegangen waren der handwerkspolitischen Kundgebung des ersten Tages Vorstands- und Obermeistersitzungen. Der FVSHK durfte mit der Beachtung seiner Jahreshauptveranstaltung durch prominente Repräsentanten der Öffentlichkeit allerdings weitaus zufriedener sein als mit dem Besuch durch die SHK-Mitgliedsbetriebe. Vielleicht hatten die Ferngebliebenen das Veranstaltungsmotto "Überlebensstrategien in umkämpften Märkten" nicht begriffen? Lediglich die Kachelofen- und Luftheizungsbauer waren diesmal gut präsent.

LIM Dietrich Roese eröffnete - als Nachfolger Manfred Poetzschners - erstmals einen Verbandstag. Der LIM dankte der ausrichtenden Innung Altenburger Land und stellvertretend deren Obermeister Günter Sander für den ansprechenden Rahmen dieses Höhepunktes im Verbandsleben und wies auf Sorgen der SHK-Handwerke, aber auch auf deren staatstragende Funktion für die Wirtschaft des Freistaats, zur Berufsausbildung der Jugend und Dienstleistung schadstoffarmer, weil sparsamer Haustechnik hin. Das "Bündnis für Arbeit - Ost" müsse eigentlich als gesamtdeutsches Mittel zur Konjunkturankurbelung und nicht als milde Gabe für Bedürftige gesehen werden, riet er mit Blick auf die Bonner Wirtschaftslenker.

Eröffnete erstmals einen Landesverbandstag: LIM Dietrich Roese. 

In langen Grußworten, deren Umfang und hochstehender Inhalt teilweise den Charakter von Referaten annahmen, unterstrichen Reinhard Engel, Vorsitzender der Geschäftsführung der Buderus Heiztechnik GmbH, Prof. Dr. Burger (Viessmann) und Jochen Sebold als Repräsentant des Fachgroßhandels die Bedeutung des dreistufigen Vertriebssystems und der Partnerschaft zwischen Herstellern, Großhandel und verarbeitendem Handwerk für die Aufrechterhaltung eines hohen Qualitätsniveaus im SHK-Bereich. Diese Arbeitsteilung nütze letztendlich dem Kunden.

Viel Applaus erhielt auch Altenburgs Oberbürgermeister Johannes Ungvári für seine offenen Worte. Er stellte nicht nur die 46000-Einwohner-Stadt mit ihrer über tausendjährigen Geschichte und ihrem mittelstandsfreundlichen Wirtschaftsleben vor, sondern zeigte - als Präsident des Thüringer Städtetages blickt er "über den Tellerrand" - auch gesamtdeutsche Politikzusammenhänge auf. Das Handwerk sei der einzige Wirtschaftszweig, der zusätzlich Arbeitsplätze geschaffen habe, lobte er.

Handwerkspolitische Kundgebung

Auf dem Neuen Markt vor dem Rathaus empfing OB Ungvári (rechts) gemeinsam mit LIM Dietrich Roese (Mitte) und dem Obermeister der gastgebenden Innung Altenburg Günter Sander, die Teilnehmer des dritten Verbandstages des FVSHK Thüringen. 

Das Motto war umfassend: "Handwerk 2000 im vereinten Europa" hieß es programmatisch. Das junge thüringer Mitglied des europäischen Parlaments, Dr. Gerhard Botz, berichtete von der schwierigen Brüsseler Entscheidungsfindung im zusammenwachsenden Kontinent. "Wir sind eine Schicksalsgemeinschaft, vom Atlantik bis zum Ural". Das Handwerk werde hieraus zwar nur indirekte Vorteile ziehen, aber insgesamt bringe Europa - im Unterschied zur früheren Kleinstaaterei - die Bürger voran.

Auf dem Marktplatz hatte die SHK-Innung Altenburger Land mit Hilfe der befreundeten Zulieferindustrie eine Ausstellung eingerichtet, um über neuzeitliche Heizungstechniken zu informieren. 

Regierungsdirektor Köhler, Referent für das Handwerk im Wirtschafts- und Infrastrukturministerium des Landes, nannte durchaus beachtliche Erfolge der Landesregierung zur Überwindung der vereinigungsbedingten Wirtschaftsprobleme. Thüringen habe zwar an der Bevölkerung der Bundesrepublik nur 2,8% Anteil, aber an deren Bauleistung sei es mit 4,5% überproportional beteiligt. Gleichwohl habe das Handwerk sich nach einem Boom nun auf die "Normalisierung" einzustellen, also auf eine konjunkturelle Abflachung. Im wesentlichen seien die Förderprogramme des Landes auf die Konsolidierung bestehender Unternehmen und erst in zweiter Linie auf Existenzgründung hin orientiert - eine lobenswerte wirtschaftspolitische Haltung, die Beachtung verdient!

FVSHK-Geschäftsführer Heinz Bohnstädt (2.v.l.) stand für Gespräche ein elegantes Tagungsbüro zur Verfügung, ... 
... das während des Verbandstages von Gabriele Burkhardt, für Finanzen und Literaturverwaltung zuständig, und Sekretärin Andrea Bohnstädt, vorbildlich gemanagt wurde. 

Den letzten bissen die Hunde: Dipl.-Ing. Josef Kulla, der als dessen Geschäftsführer die Grüße des Zentralverbands SHK überbrachte, geriet in Zeitnot. Gerade 20 Minuten standen ihm noch für seine Ausführungen über das Reizthema "Novellierung der Handwerksordnung und deren Anlage A" zur Verfügung, so daß er in freier Rede improvisieren mußte. Aber Kulla löste die Aufgabe, in kurzer Zeit alles Wichtige über die künftigen Möglichkeiten für das "deregulierte", zusammengefaßte SHK-Handwerk aus den Berufen Zentralheizungs- und Lüftungsbauer und Gas- und Wasserinstallateur zu beschreiben, mit Bravour.

Betriebswirtschaftliche Tagung

"Forderungsmanagement als Voraussetzung einer gesunden Unternehmensentwicklung" - unter diesem Motto fand die betriebswirtschaftliche Tagung, zu der sich ca. 30 Teilnehmer im Festsaal des Schlosses eingefunden hatten, statt.

Dietmar Raths und Thomas Enders von der Creditreform Gera begannen ihre Ausführungen mit der Insolvenzentwicklung und ihren Ursachen. Sie führten aus, daß die Insolvenzen je 10000 Unternehmen in den neuen Ländern am höchsten sind (z.B. in Thüringen doppelt so viele wie in NRW). Nach Rechtsformen betrachtet seien GmbHs "deutlicher Spitzenreiter".

In Thüringen habe es im vergangenen Jahr 1442 Insolvenzen gegeben, davon 1037 mangels Masse. Für die ersten Monate diesen Jahres sei eine Steigerung nicht mehr zu vermelden. Allerdings gebe es starke saisonale und regionale Schwankungen. Eine Erwartung für 1997 könne daher nicht aufgestellt werden.

Insgesamt, so die Referenten, sei weiterhin Vorsicht geboten. Man erwarte bis zur Jahrtausendwende jährlich 38000 zahlungsunfähige Unternehmen. Mit der geplanten Einführung des Euro werde ein weiterer Anstieg befürchtet.

Fachtagung Sanitär/Heizung

Mit dem Thema "Möglichkeiten der thermischen Solarnutzung für WW-Bereiter und Raumheizunterstützung" begann am Samstag die Fachtagung Sanitär/Heizung im Festsaal des Schlosses.

Referent Dipl.-Ing. M. Zappe, Buderus Heiztechnik, erläuterte einleitend die unterschiedlichen Nutzungsmöglichkeiten (z.B. Schwimmbad, Warmwasser, Heizung). Bauarten von Kollektoren und Systemen, Betriebsbedingungen, Dimensionierungsverfahren, Frostschutz, hydraulische Verbindungstechnik sowie die Wärmedämmung bildeten weitere Referatsschwerpunkte.

Historisches Ambiente für technische Themen: Die Fachtagung Sanitär/Heizung fand im Festsaal des Schlosses Altenburg statt. 

Allerdings blieb es nicht nur bei technischen Informationen. Zappe informierte darüber hinaus sehr ausführlich über die bundesweit unterschiedlichen Förderungsmöglichkeiten für die Heizungsmodernisierung.

Anschließend stand der "Hydraulische Abgleich von Heizungsanlagen" auf dem Programm. N. Schütz, Danfoss Wärme- und Kältetechnik, erörterte umfassend das Zusammenspiel von Thermostatventilen, Differenzdruckreglern und drehzahlgeregelten Umwälzpumpen in verschiedenen Anlagentypen.

Leider fanden sich nach dem Mittagessen nur noch 25 Teilnehmer zum abschließenden Referat "Brandschutz bei der Planung und Errichtung von SHK-Anlagen" im Festsaal ein. Dabei wußte Dipl.-Ing. Christoph Saunus, Heinemann KG, in seiner bekannt lockeren Art und untermalt mit zahlreichen originellen Schmunzel-Karikaturen, von zahlreichen Bestimmungen und "Fallstricken" in der Praxis zu berichten.

Brand- und Schallschutz-Experte Christoph Saunus brachte trockenen Stoff locker an die Frau/den Mann. 

Im "Brennpunkt" seines praxisorientierten Vortrags stand zunächst die komplizierte Brandschutz-Rechtssituation zwischen Auftraggeber und Auftragnehmer. Hierbei zeigte er sehr eindrucksvoll die Widersprüche auf, denen Planer und Anlagenbauer ständig in der rauhen Praxis ausgesetzt sind. Sie müssen sich nämlich permanent zwischen den Installations-Varianten theoretisch vorschriftengemäß oder praktisch fachgerecht entscheiden. Erschwerend kommt noch hinzu, daß clevere Bauherren, die Zeichen der Zeit erkennend, beides ignorieren und nur noch den Preisnachlaß als alleiniges Entscheidungskriterium sehen.

Dieser folgenschwere Sinneswandel betrifft in Zeiten der Dürre nicht nur den Privatbau, sondern inzwischen auch den kommunalen Sektor. Volkswirtschaftliches Fazit: Während Handwerker als Pferd versuchen, den Karren aus dem Dreck zu ziehen, werden sie gleichzeitig als Kuh gemolken. Nach dem VOB-Vertragsrecht gings direkt ins Brandschutz-Labyrinth der technischen Gesetzesregelung, bestehend aus:

Angesichts der unzähligen Widersprüche im Vorschriften-Dschungel ist die provozierende Frage: "Müssen wir uns vor dem Brandschutz schützen?" inzwischen nicht nur Satire, sondern bisweilen Realität. Daß die DIN 4102 im Handwerk nach wie vor ein Buch mit sieben Siegeln ist, verdeutlichte der Praktiker sehr eindrucksvoll an Hand von Ausschreibungstexten, garniert mit eindrucksvollen Dias über brandgefährliche Bausituationen.

Danach bestehen bereits gravierende Wissensdefizite bei der richtigen Zuordnung der Begriffe Baustoffe und Bauteile. Zur Erinnerung: Baustoffe erhalten gemäß DIN 4102, Teil 1, bauaufsichtliche Benennungen von A (A 1 + A 2) nicht brennbar bis hin zu B (B 1 bis B 3) brennbar. Bauteile werden hingegen nach ihrem Brandverhalten geprüft und entsprechend nach Feuerwiderstands-Klassen (F 30 - F 180) unterteilt und erhalten anschließend Prüfzertifizierungen.

Somit sind Ausschreibungs-Texte, wie immer wieder anzutreffen, mit Zertifizierungs-Forderungen, z.B. F 90 für Brandabschottungen von Metall-Abflußrohren in Verbindung mit Steinwoll-Ummantelungen, völliger Unsinn. Begründung: Für Baustoffe, und darum handelt es sich, gibt es keine Prüfzeugnisse, sondern diese gibt es nur für Bauteile. Sinngemäß gilt das Vorstehende auch für LV-Positionen in denen bei Metallrohr-Brandabschottungen keinerlei Differenzierung zwischen der Baustoffklasse A 1 (ohne brennbare Anteile) oder A 2 (mit brennbaren Bestandteilen). Es wird lediglich die Baustoffklasse A (nicht brennbare Baustoffe), d.h. A 1 oder A 2 gefordert.

Daß die irritierende Bezeichnung Mineralwolle bzw. Mineralfaser o.ä. nach wie vor in den Köpfen von Fachleuten ihr Unwesen treibt, bestätigt die Tatsache, daß in Metallrohr-Brandabschottungen überall die gelbe Gefahr (Glaswolle) lauert. Eigentlich sollte jedem Fachmann klar sein, daß laut Bauordnung eindeutig definiert, für Brandabschottungen nur nichtbrennbare Dämmstoffe mit einem Schmelzpunkt > 1000C gefordert werden. Bei Glaswolle liegt der besagte Schmelzpunkt erheblich darunter und bei Steinwolle weit darüber.

In diesem Zusammenhang war auch der Praxishinweis sehr hilfreich, daß zur Erreichung der vorgeschriebenen Formstabilität inzwischen ein neues Steinwoll-System, speziell für Rohr-Abschottungen, entwickelt wurde.

Aufgrund negativer Erfahrungen ging Saunus auch auf den nicht unproblematischen Brandschutz bei Installationsschächten näher ein. Seine Grundregel lautet: Werden Decken in Schächten geschlossen, gilt das jeweilige Geschoß als Brandabschnitt. Bei offenen, d.h. durchgehenden Schächten, ist der gesamte Installationsschacht ein Brandabschnitt. Sämtliche Durchdringungen der Schaftwände (F 90) müssen daher der geforderten Brandklasse F 90 entsprechen.

Die zum Thema gehörenden Info über Neuentwicklungen im Bereich der Bad-Entlüftungssysteme fand ebenfalls großes Interesse. Brandschutztechnisch hochinteressant war auch der Ausblick hinsichtlich der Rohrabschottungen in Verbindung mit brennbaren Rohren, die einen Außen-Durchmesser > 32 mm haben, z.B. künftig auch Kunststoff-Trinkwasserleitungen. Da der im Muster-Einführungserlaß, Fassung 1988, enthaltene Hinweis, daß Brandschutz-Vorkehrungen erst ab Rohrdurchmesser > 50 erforderlich sind, inzwischen keine Gültigkeit mehr hat, wurde durch die Fachkommission Bauaufsicht der ARGEBAU zwischenzeitlich die Brandschutz-Untergrenze bei Kunststoff-Außendurchmesser < 32 mm festgelegt. Somit sind sämtliche Kunststoffrohre > 32 mm Durchmesser mit entsprechendem Brandschutz zu versehen. Jetzt sind die Bauaufsichtsbehörden der Bundesländer gefordert, diese Regelung umgehend in die Tat umzusetzen.

(Fortsetzung folgt)


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