IKZ-HAUSTECHNIK, Ausgabe 10/1997, Seite 122 ff.


LÜFTUNGSTECHNIK


Wohnungsventilatoren als Dokumentation der Zeitgeschichte

Vom Plastikdekor zur reinen Form

Udo Liehr Wolfgang Schmid *

Nicht nur Möbel, Lampen und die Farbgebung von Wohnungen sind Ausdruck des Lebensgefühls einer jeweiligen Generation, sondern auch Komponenten und Geräte des täglichen Gebrauchs - so auch Produkte aus der Heizungs-, Sanitär- und Lüftungstechnik. Eine eher unscheinbare aber nicht minder typische Rolle in der Evolution des Industriedesigns spielt dabei der Wohnungsventilator. Wegen seiner Langlebigkeit findet der aufmerksame Beobachter auch heute in Hotels, Büros und Wohnhäusern bis zu vier Gerätegenerationen vor. Die Palette reicht von nostalgisch anmutenden Guß- und Leichtmetallausführungen der 50er Jahre bis hin zu üppigen Varianten im braunen bis cremefarbenen Plastikdekor der 60er und 70er Jahre. Nach einer vom Funktionalismus dominierten Zeit in den Achtzigern prägen heute eigenständige dynamische Formen mit gebogenen Linien und gekrümmten Flächen sowie helle Farben das Design.

Der geistige Überbau unseres heutigen Formempfindens reicht fast 100 Jahre zurück. Schon 1908 schrieb der österreichische Architekt Adolf Loos sein berühmtes Pamphlet "Ornament und Verbrechen", nicht ahnend, welche Geschmacklosigkeiten das Plastikzeitalter hervorbringen würde. Das Bauhaus und die Ulmer Schule für Gestaltung folgten mit der Maxime "form follows function".

Es mußten allerdings noch 50 Jahre vergehen, bis der in weiten Kreisen der Bevölkerung als elitär geltende Funktionalismus von Bauhaus und Ulmer Schule von der breiten Masse angenommen wurde. Um so nachhaltiger ist der Einfluß dieser Epoche, die auch heute noch unser Formempfinden bestimmt.


Bild 1+2: Tisch- und Wand-Konsolfächer Maico Standard/Rekord, aus den 50er Jahren. Neben den Farben elfenbein, grün metallisé, weinrot und schwarz gab es auch Ausführungen mit Messing-Flügeln für Schiffe und die Tropen.

Eher dem Geschmack der Nachkriegszeit entsprach dagegen das Design des Amerikaners Raimond Loewy, der insbesondere Gebrauchsgegenstände in der Zeit des Wirtschaftswunders mit seinen Stromlinienformen prägte. Straßenkreuzer, Küchengeräte, Radios, Lampen und Möbel folgten diesen biodynamischen Formen und brachten ein Stück "american way of life" nach Europa. Selbst die damalige Generation von Tisch- und Wandventilatoren stand unter dem Einfluß des Stromliniendesigns (Bild 1 und 2).

Der rechte Winkel

Dem eher verspielt wirkenden Streamline-Design folgte eine Besinnung auf den Funktionalismus des Bauhauses, weiterentwickelt von der Ulmer Schule. Streng rechtwinklige Gehäusestrukturen mit geraden Trennfugen und linear gereihten Bedien- und Anzeigeelementen prägten in den 60er und 70er Jahren das Design von Industrieprodukten. Reduziert, sachlich, modular, stapelbar - aber emotionslos - waren die neuen Attribute. Der rechte Winkel war allgegenwärtig; Sachlichkeit total. Lichtgrau wurde zur Leitfarbe der Zeit (Bild 3).

Bild 3: Fensterventilator EV 18 aus dem Jahr 1977, Gehäuse aus hellgrauem, schlagfestem Kunststoff.

Versuche italienischer Designer Anfang der 80er Jahre, den Industrieprodukten ihre strenge Form zu nehmen, fanden weder bei der Industrie noch beim Verbraucher eine große Resonanz. Die eher fröhlichen Farben und Formen der Italiener eigneten sich weniger für Serienprodukte und waren entsprechend teuer. Dennoch entwickelte sich aus dieser Strömung eine gewisse Distanz zum strengen Funktionalismus hin zu runderen Formen und gebogenen Flächen.

Kurven und Radien

Durch die Gestaltungsmöglichkeiten von mehrachsig geführten CNC-Fräsmaschinen für den Formenbau, verbesserte Kunststoffmaterialien und präziser arbeitende Kunststoffspritzmaschinen erlebt die Farb- und Formenfreude von Industrieprodukten derzeit einen neuen Höhepunkt.

Heute werden die Formen wieder vielfältiger, ja es ist sogar eine gewisse Abkehr vom mittlerweile trocken-freudlos geltenden Funktionalismus festzustellen. Die Gerade wird vom Bogen abgelöst, der rechte Winkel von der Kurve, die ebene Fläche von Kugelabschnitten mit riesigen Radien. Die neuen Formen wirken oft wie eine Synthese aus Bauhaus-Stil und Streamline-Design, dokumentiert in den geschwungenen, organischen Formen von Philipp Starck oder Luigi Colani. "Form follows function" - das einstige Credo der Designer - wird teilweise umgekehrt: Die Form bestimmt die Funktion. Dabei ist der Übergang von modern zu modisch fließend, wie die neuen Haushaltsgeräte von Alessi-Philips oder Guzzini verdeutlichen. Daneben behauptet sich aber auch weiterhin das klassische Industriedesign à la Siemens oder Apple. Trotzdem gilt heute auch fürs Design: Nichts ist unmöglich.

Umdenken in der Materialfrage

Die 80er und 90er Jahre kennzeichnen ein Umdenken in der Materialfrage von industriell hergestellten Produkten. Ex und hopp ist passé, viele Verbraucher wünschen langlebigere, zuverlässigere und sichere Produkte. Der Hinweis auf recyclingfreundliches Material wird ein wichtiges Verkaufsargument; Produkte aus cadmiumhaltigen Kunststoffen bzw. Farben geraten in die Schußlinie von Umweltschützern. Die Industrie erkennt relativ schnell das Marktpotential umweltverträglicher Produkte. So kommt die neueste Generation von Maico-Wohnungsventilatoren ohne Verbundwerkstoffe aus, Baugruppen sind mechanisch trennbar und Kunststoffteile für das Recycling gekennzeichnet. Die Anzahl der eingesetzten Kunststoffsorten wird drastisch minimiert. Cadmiumhaltige Stoffe wurden bereits 1995 eliminiert. Der hohe Stand der Qualitätskontrolle erlaubt heute eine teilweise Erhöhung der Garantie und Gewährleistung auf bis zu fünf Jahren.

Designaufgabe: Wohnungsventilator

Wohnungsventilatoren werden sowohl als Einzelgeräte als auch im Systemverbund, zum Beispiel als Entlüftungsanlage für innenliegende Bäder und Toiletten, eingesetzt. Die DIN-Norm 18017 Teil 3, fordert bei Feuchträumen ohne Außenfenster diese "Einzelentlüftungsanlagen mit gemeinsamer Abluftleitung". Formal müssen solche Ventilatoren ein klassenloses Design aufweisen und sowohl in das Bad einer Sozialwohnung als auch in ein Luxusbad passen. Dieses breite Einsatzgebiet stellt hohe Ansprüche an Optik und Handhabung, z.B. beim Einbau durch den Fachhandwerker oder beim Filterwechsel durch den Servicemann oder Nutzer.

Bild 4: Skizze aus dem Design-Prozeß. Der Abstand zur Wand bestimmt die Gesamtwirkung.

War die letzte Lüftergeneration noch stark vom reinen Funktionalismus geprägt, so sollte das neue Design des Lüfters mehr dem Formempfinden der nächsten zehn Jahre entsprechen. Da in Bädern, WCs und Küchen auch künftig rechteckige und quadratische Grundformen sowie horizontale und vertikale Linien vorherrschen werden, kam für die neue Lüftergeneration nur eine quadratische Grundfläche in Frage. Vorgabe des Herstellers war außerdem eine geringe Raumtiefe, das heißt, das Gerät in der Unterputzversion sollte primär in der Wand sitzen und nur unwesentlich in den Raum hineinragen (Bild 4).

Entsprechend der aktuellen Designströmung entstand aus diesen Vorgaben eine Lüfterserie mit quadratischer Ansicht, aber sphärisch gekrümmter Oberfläche in Form eines Kugelabschnittes. Diese quadratisch kugelige Form bewirkt eine optisch verkürzte Gesamthöhe und vermittelt einen schwebenden Eindruck. Bei der raumtypischen Beleuchtung in Badezimmern - meist Decken- oder Wandleuchten - wirkt die Oberfläche immer kontrastreich, das heißt, die beschienene Seite wirkt hell und damit leicht, die lichtabgewandte Seite eher dunkel (Bild 5).

Bild 5: Die Lichtreflexion bestimmt die Wirkung der Form.

Angedeutete Griffmulden zeigen dem Nutzer wo er den Deckel zum Austausch des Luftfilters öffnen kann. Somit ist auch bei fehlender Betriebsanleitung ein problemloser Austausch des Luftfilters möglich (Bild 6).

Derart optimierte Formen, die sowohl von Ästheten als auch von Pragmatikern akzeptiert werden und die auch fertigungstechnisch preiswert zu realisieren sind, kommen nur durch eine enge Zusammenarbeit von Marketingfachleuten, Technikern und Designern zustande.

Bild 6: Filterwechsel auch ohne Gebrauchsanweisung durch Griffmulde.

Besonders hilfreich ist bei diesem Entscheidungsprozeß die Designlenkung nach den Anforderungen der DIN ISO 9001 im Rahmen eines Total Quality Managements mit Kundenorientierung. Viele außergewöhnliche Designideen sind heute dank modernster Produktionstechnik machbar, jedoch meist mit außergewöhnlich hohen Kosten verbunden. Die konsequente Anwendung des prozeßorientierten Qualitätsmanagements hilft, die Umsetzung des Lasten- und Pflichtenheftes sowie die Zwänge des Marktes über den kreativen Prozeß hinaus in realistische Bahnen zu lenken, um letztendlich die "Kundenbefriedigung" (QM-Ausdruck) zu erreichen (Bild 7).

Design ist nicht alles

Neues Design nur um einer neuen Form willen reicht heute nicht mehr aus. Fortschrittliche Formen müssen mit einer verbesserten Technik einhergehen, sonst wäre Design nicht glaubwürdig. Im Falle der Einrohrlüfter setzte das Maico-Entwicklungsteam strenge Maßstäbe im Sinne eines "Kundennutzens" für die neue Gerätegeneration was Energieverbrauch, Schallschutz, Kennlinien-Stabilität, Sicherheit, Montage und Bedienungsfreundlichkeit sowie Entsorgung anbelangt.

Bild 7: Einrohr-Entlüftungsgerät für Unterputzinstallation in neuem Design.

Folgende Verbesserungen wurden gegenüber der vorherigen Gerätegeneration erzielt:

- Senkung der Leistungsaufnahme bei Grundlast von 30 Watt auf 10 Watt.

- Senkung der Leistungsaufnahme bei Vollast von 46 Watt auf 20 Watt bei gleicher Luftmenge von 60 m3/h.

- Wechsel von Spaltpolmotoren zu Kondensatormotoren, dadurch Senkung der Drehzahl von 2500 Upm auf 1100 Upm möglich.

- Senkung des Schalldruckpegels um 10 dB. Dies bedeutet eine Reduzierung des Schalls um den Faktor 2, also um 50%. Bei den Einbauvarianten mit geschlossener Front hat das konstruktive Design maßgeblich zu dieser Verbesserung beigetragen. Dadurch konnte auf eine externe Schalldämmung komplett verzichtet werden.

- Verzicht auf Filterwechselanzeige, da störanfällig und ungenau; Signalisierung erfolgt durch ansteigendes Ventilatorgeräusch.

- Fünffach größere Filterfläche als bei vorheriger Gerätegeneration, dadurch längere Filterstandzeit.

- Stabiles Fördervolumen durch hohen Reststördruck (steile Ventilatorkennlinie).

- Niedrige Erwärmung des kugelgelagerten Motors, dadurch längere Lebensdauer.

- Aktiver Umweltschutz durch Verzicht auf Verbundwerkstoffe sowie cadmiumhaltige Materialien und Verwendung gekennzeichneter Kunststoffe aus Polypropylen und Polystyrol.

- Verzicht auf metallische Einlegeteile.

Ausblick und Visionen

Der allgemeine technische Fortschritt, die Miniaturisierung von Baugruppen, neue Werkstoffe, intelligente Elektronik sowie preiswerte Sensoren werden auch künftig auf die Konstruktion und das Design von Wohnraumventilatoren Einfluß haben. Wurde der Ventilator in der Vergangenheit als Einzelgerät mit Ein-/Ausschalter konzipiert, wird er in Zukunft als integrierter Baustein einer Gesamtlösung wirken. Gesteuert über Sensoren zur Erfassung von Feuchte, Helligkeit, Bewegung, Gerüche oder CO2 und eingebunden in die "Home Automation" eines "Smart-houses" werden neue Anforderungen auch an relativ einfache Komponenten wie einen Ventilator gestellt.

Design und Technik werden künftig eine noch engere Bindung eingehen müssen, will man Energieverbrauch und Schallemission von Ventilatoren weiter senken.

Bei allem technischen Fortschritt und machbarer Bequemlichkeit darf man nicht vergessen, daß solche intelligenten Produkte für den Nutzer noch bezahlbar und handhabbar bleiben.


* Udo Liehr, Industry-Design, Pforzheim; Wolfgang Schmid, Fachjournalist für Technische Gebäudeausrüstung, München.


B i l d e r: Maico/Industry Design Liehr


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