IKZ-HAUSTECHNIK, Ausgabe 18/1996, Seite 100 ff.


MITARBEITERFÜHRUNG


Management- und Führungsfehler

Leicht gemacht und schwer wiedergutgemacht

Dipl.-Ökonom Roland Welter

Mit der heutigen Folge unserer Serie zum Thema "Mitarbeiterführung" greifen wir tief ins "Gruselkabinett" des Managements. Haben wir bisher überwiegend Anregungen gegeben, wie die Führungsaufgaben sinnvoll, angemessen und akzeptiert wahrgenommen werden können, zeigen wir heute auf, welche verbreiteten Fehler von Führungskräften dennoch in den Büros, Werkstätten und Produktionshallen beobachtbar sind. Wir versuchen aufzuzeigen, was unbedachte Handlungsweisen bei den betroffenen Mitarbeitern auslösen können und welche fatalen Folgen dies für die Betriebe und die Ergebnisse haben können.

Die nachfolgenden "Empfehlungen" (der geneigte Leser/die geneigte Leserin erkennt den ironischen Unterton sofort), wie man seinen Betrieb dem Ruin ein gutes Stück näherbringt, stellen von der Reihenfolge her keine Gewichtung oder einen Hinweis auf die Häufigkeit in der Praxis dar.

Übernehmen Sie ausländische Heilslehren

Was in den USA oder Japan funktioniert, muß doch ohne Probleme auf unsere Verhältnisse übertragbar sein. Dort leben auch nur Menschen, die mit ihrer Hände Arbeit Geld verdienen und ihre Familien ernähren wollen. Also: Nichts wie hin zu den Gurus, vielleicht geht Ihr größter Konkurrent ja auch hin.

Information ist ein Herrschaftsinstrument

Man weiß ja nie, was Menschen mit Informationen machen. Vielleicht verstehen sie sie gar nicht oder geben sie falsch oder an die falschen Leute weiter. Schon der Volksmund sagt: "Was ich nicht weiß, macht mich nicht heiß". Also geben Sie Ihren Leuten immer nur die Informationen, die sie brauchen, um arbeiten zu können. Am besten erst dann, wenn es dringend wird, dann haben Ihre Leute kaum eine Chance, die Info zu vergessen.

Fördern Sie keine Mitarbeiter

Wenn Mitarbeiter etwas dazugelernt haben, halten sie doch nur die Hand auf und verlangen mehr Geld. Wenn Mitarbeiter sich verbessern, sägen sie nur an Ihrem Stuhl oder gehen für mehr Geld zur Konkurrenz.

Behandeln Sie alle Mitarbeiter gleich

So stellen Sie sicher, daß sich alle gleich wohl fühlen. Alte Hasen im Betrieb brauchen genausoviel Zuwendung wie die blutigen Anfänger. Denn die sollen erst einmal zeigen, was sie können. Nur weil jemand neu ist und sich nicht auskennt, bekommt er noch keine Extrawurst gebraten. Es ist sicher nur ein falsches Gerücht, daß man sich um Berufsanfänger und Auszubildende mehr kümmern muß als um andere Mitarbeiter.

Tolerieren Sie Nachlässigkeiten

Jeder Arbeiter ist halt nur ein Mensch, der nicht jeden Tag gleich gut drauf ist. Wenn einer mal ein paar Minuten mehr Pause braucht und die anderen ihm dabei die Zeit vertreiben, ist das sicher nur gut für das Klima. Wenn Termine nicht gehalten werden, Ausschuß produziert wird oder Kunden reklamieren, ist das nur ein Zeichen, daß Menschen am Werke waren. Schließlich sind wir doch keine Maschinen.

Ein guter Chef ist auch Kumpel

Wir wissen doch alle, wie wichtig das Betriebsklima ist. Als Chef leisten Sie Ihren Beitrag, wenn Sie alle passenden Gelegenheiten (und die gibt es reichlich: Geburtstage, Geschäfts- und Projektabschlüsse, . . .) nutzen, um mit Ihren Leuten ein Gläschen zu leeren. Da können Ihre Mitarbeiter Sie mal so richtig als Mensch kennenlernen, wenn Sie auch hier beweisen, daß Sie der beste sind.

Lassen Sie sich Zeit mit Entscheidungen

Die meisten Dinge erledigen sich von selbst, wenn man sie liegen läßt. Weil Entscheidungen immer etwas mit der Zukunft zu tun haben und die unsicher ist, schieben Sie Entscheidungen so weit wie möglich hinaus, denn dann sind Sie der Zukunft am nächsten.

Chefs machen keine Fehler

Wenn mal etwas in Ihrem Verantwortungsbereich nicht so gelaufen ist, wie Sie gehofft hatten, zeigen Sie keine Schwäche, indem Sie von eigenen Fehlern sprechen. Wenn es Probleme gibt, liegt das immer an den Umständen oder die Schuld liegt bei abwesenden Dritten. Aus diesem Grunde kann es auch nicht angehen, daß sich jemand herausnimmt, Kritik an Ihnen zu üben.

Tadel gehört in die Öffentlichkeit

Wenn ein Mitarbeiter einen Fehler gemacht hat oder eine Pflicht vernachlässigt hat, dann bekommt er seinen Abriß am besten vor versammelter Mannschaft. Das hat den unbestreitbaren Vorteil, daß es alle hören und sich alle in Zukunft danach richten können. Vergleichbar effizient sind Aushänge am Schwarzen Brett, die mit den Worten beginnen: "Aus gegebenem Anlaß des Fehlers von Herrn/Frau . . . weisen wir nochmals darauf hin, daß . . ."

Nur Spitzenleute verdienen Anerkennung

Die meisten Mitarbeiter bringen nur durchschnittliche Leistungen und da gibt es noch ein paar, die leisten so gut wie nichts. Wenn die sich ausnahmsweise mal anstrengen, ist das nicht mehr als recht und billig. Würden Sie die jetzt loben, bekommen die einen "Höhenkoller" und tun gar nichts mehr. Wenn überhaupt gelobt wird (für Leistung bekommen die Leute ja schließlich Geld!), dann nur für wirklich Außergewöhnliches. Empfehlenswerte Formulierung: "Das war ja ausnahmsweise gar nicht so übel."

Delegation ist der Anfang allen Übels

Übertragen Sie nie Verantwortung auf Mitarbeiter. Sie wissen nie, wie diese damit umgehen und was passiert. Wenn es sich überhaupt nicht vermeiden läßt, kontrollieren Sie häufig, behalten Sie sich Entscheidungen vor und verlangen regelmäßige Berichterstattung. Nur so behalten Sie alle Fäden in der Hand und es geschieht nichts gegen Ihren Willen.

Führen Sie, wie Sie es vom Großvater gelernt haben

Ihr Großvater war ein erfolgreicher Mann. Da konnte man noch lernen, wie man einen Betrieb führt. Der würde sich die Haare raufen, wenn er von so neumodischem Schnickschnack wie Gruppenarbeit oder Vorschlagswesen hören würde. Ihr Opa hätte auch gesagt, so etwas bläht nur die Organisation auf, kostet nur Geld und bringt nichts. Brainstorming und solche Sachen machen Sie doch schon lange, wenn Sie so an Ihrem Schreibtisch vor sich hin brüten.

Der Chef ist Repräsentant

Achten Sie darauf, daß jeder Mitarbeiter peinlichst genau die Kosten im Auge behält. Ihre Aufgabe als Chef ist es, Kunden zu gewinnen und bei Laune zu halten. Achten Sie darauf, daß Ihre Limousine entsprechend repräsentativ ist, Ihr Büro Ihrem Status entspricht und bei Empfängen alles nur vom besten Lieferanten stammt. Beim Empfang wichtiger Kunden hat es sich bewährt, eine entsprechend ausgewählte Zweitsekretärin ins Vorzimmer zu setzen.

Konzentrieren Sie sich auf Probleme

Probleme sind dazu da, gelöst zu werden. Und das kann niemand so gut wie Sie. Also gehen Sie in den Betrieb, fragen Ihre Leute, welche Probleme es gibt und lösen Sie diese. Ihre Mitarbeiter werden dies zu schätzen wissen. Irgendwann brauchen Sie gar nicht mehr nach Problemen zu fragen. Die Mitarbeiter werden sie Ihnen bringen.

Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser

Wenn Sie als Chef schon für alles verantwortlich sind, haben Sie sowohl das Recht als auch die Pflicht, alles zu kontrollieren. Kontrollieren Sie, ob das Leistungsergebnis exakt so erbracht wird, wie Sie es angewiesen haben. Eigentlich sollte es ja besser sein, Denkweisen von Mitarbeitern zu beeinflussen als Ergebnisse zu kontrollieren. Aber Sie haben sicher auch schon die Erfahrung gemacht, daß Menschen über 25 nicht mehr beeinflußbar sind. Also: Kontrollieren Sie!

Ihr Erfolg ist wichtig

Es gibt immer Strömungen im Betrieb, von denen man nicht so genau weiß, wo sie hinlaufen. Achten Sie darauf, sich nicht zu früh der einen oder anderen Strömung zuzuwenden. Erst wenn feststeht, wo die Gewinner sitzen werden, schlagen Sie sich vehement auf deren Seite und führen die gemeinsame Sache zum Erfolg.

Mitarbeiter müssen ihre Grenzen kennen

Achten Sie darauf, daß Ihre Mitarbeiter immer an der Grenze der Belastbarkeit arbeiten. Nur dann konzentrieren sie sich voll auf die Arbeit und haben keine Zeit, irgendwelche verschwörerischen Ideen zu entwickeln. Ihre Mitarbeiter werden beim Blick auf die Lohnzahlung immer das stolze Gefühl entwickeln, das Einkommen auch verdient zu haben.

Was dem Chef erlaubt ist, gilt noch lange nicht für die Mitarbeiter

Sie haben das Recht, die Einhaltung betrieblicher Regelungen zu verlangen. Sagen Sie den Mitarbeitern die Meinung, wenn die den vorgeschriebenen Helm oder die Sicherheitsschuhe nicht tragen. Wenn Sie mal eben da durch müssen und diese Vorkehrungen nicht benutzen, ist das was ganz anderes. Und wenn Sie sich in der Mittagspause mal ein Gläschen gönnen, ist das nicht schlimm. Sie arbeiten ja nicht an einer Maschine oder auf der Baustelle. Wenn Sie mal den Stapler benutzen, obwohl Sie keinen Staplerschein haben, ist das auch was anderes; Sie sind schließlich Führungskraft.

Sie sind Chef und nicht Seelsorger oder Therapeut

Pausenlos haben Mitarbeiter irgendwelche Wehwehchen oder private Probleme, mit denen sie Ihnen in den Ohren liegen. Wenn Sie sich das alles anhören wollen, können Sie Ihre Arbeit nur in Nachtschicht erledigen. Mitarbeiter sollen ihre privaten Probleme privat lösen. Haben Sie immer die Telefonnummer der Telefonseelsorge oder eines prominenten Therapeuten zur Hand. Ihre Mitarbeiter werden Ihre Fürsorge dankbar zu schätzen wissen.

An jedem Gerücht ist ein Körnchen Wahrheit

Es gibt Mitarbeiter, die gerne und unaufgefordert bereit sind, über andere Mitarbeiter Informationen zu verbreiten. Wo Rauch ist, ist immer auch Feuer. Ermutigen Sie Ihre Mitarbeiter, Ihnen alles über die Kollegen zu erzählen. Irgendwas ist immer dran und mit diesem Wissen können Sie die Mitarbeiter besser führen. Wenn Sie nur richtig auf den Busch klopfen, wird sich schon was zeigen. Dies hat mit Mobbing überhaupt nichts zu tun, sondern ist nur Ausdruck Ihres fürsorglichen Interesses für Ihre Mitarbeiter.

Verhindern Sie betriebsinterne Spionage

Es gibt Mitarbeiter, die ihre Nase in alles hineinstecken wollen. Die wollen wissen, was in vorgelagerten und nachgelagerten Abteilungen passiert. Verhindern Sie diese Form unangemessener Einmischung in abteilungsfremde Belange. Wir alle kennen diese Querulanten, die sich in anderer Leute Arbeit einmischen wollen und nur Unfrieden und Konflikte stiften. Es reicht, wenn ein Mitarbeiter seinen Arbeitsplatz kennt und beherrscht. Was andere machen, geht ihn nichts an.

Konflikte sitzt man am besten aus

Immer wieder erleben wir, daß Mitarbeiter andere Meinung zu Zielen oder Vorgehensweisen zeigen. Ignorieren Sie das. Man kann sich nicht mit jedem undurchdachten Unsinn auseinandersetzen. Wenn Menschen keine Reaktion auf etwas erfahren, geben sie irgendwann von selbst auf. Die Zeit heilt alle Wunden. Wir haben schließlich nicht alle Zeit der Welt, uns mit jeder abweichenden Meinung auseinanderzusetzen. Und schließlich haben wir prominente Vorbilder, die zeigen, daß dieser Weg erfolgreich ist.

Ein Arbeitsplatz ist kein Urlaubsort

Es gibt schon mal nörgelnde Mitarbeiter, die sich über Lärm, Staub, Hitze, Gerüche etc. beschweren wollen. Ganz egal, was man denen für Arbeitsbedingungen bietet, nie ist es in Ordnung. Weisen Sie diese Mitarbeiter darauf hin, daß sie mit sechs Wochen Urlaub, den freien Wochenenden, den Feiertagen und den sonstigen Fehltagen rund 170 Tage im Jahr sich von der Arbeit erholen. Wo gearbeitet wird, kann es halt nicht aussehen wie auf Mallorca.

Anspruch auf Vollständigkeit kann diese Liste natürlich nicht anmelden. Was Führungskräften im "Eifer des Gefechts" alles rausrutschen kann, da reicht manchmal die Phantasie nicht aus.

Der geneigte Leser/die geneigte Leserin ist sich bestimmt absolut sicher, daß die beschriebenen Dinge und Verhaltensweisen bei ihm/ihr überhaupt nicht vorkommen. Vielleicht kennen Sie aber den einen oder anderen Kollegen, bei dem man sagen kann: Das ist so jemand. Kleiner Tip aus der Hexenküche der Führungsfehler: Kopieren Sie diesen Artikel, markieren Sie die für den miesen Kollegen zutreffenden Passagen und schicken Sie ihm/ihr diese Kopie in einem neutralen Umschlag zu; selbstverständlich anonym und den Namen mit verstellter Handschrift!


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