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Zukunftsprojekt warme Heizung

Ein Interview mit EWE Netz zur Erdgasumstellung

Über 40 Gasnetzbetreiber stellen Kunden auf H-Gas um.

Umstellmonteure der Netzbetreiber dürfen Gasgeräte ausschließlich erfassen, prüfen und gegebenenfalls an H-Gas anpassen.

Ein gesperrtes Gasgerät. Ein Installateur wird das Gerät jetzt reparieren, warten oder ein neues Gerät verkaufen.

Kai Janßen, Gruppenleiter für die Erdgasumstellung/Marktraumumstellung (MRU) bei der Oldenburger EWE Netz GmbH.

 

Wer hätte das gedacht: Warme Heizungen sind wieder ein deutsches Zukunftsprojekt. Aktueller Auslöser hierfür ist ein zunehmendes Schwinden der L-Gas-Förderkapazitäten. Mehr noch: Spätestens ab 2029 stünden große Teile Deutschlands nahezu ohne L-Gas-Versorgung da. Viele Gasnetzbetreiber stellen sich daher jetzt einer Mammutaufgabe: Sie legen den Hebel um – auf eine Versorgung ihrer Region mit alternativem H-Gas. Bei SHK-Unternehmen wirft die Gasumstellung Fragen auf. Antworten gibt Kai Janßen, Gruppenleiter für die Erdgasumstellung/Marktraumumstellung (MRU) bei der Oldenburger EWE Netz GmbH. Sie ist einer der größten von der Umstellung betroffenen Gasnetzbetreiber.

IKZ-HAUSTECHNIK: Herr Janßen, welche Aufgaben kommen im Zuge des Projektes auf SHK-Unternehmen zu?
Janßen: Eine ganze Reihe an wichtigen Beratungsaufgaben. Unsere Erfahrung zeigt, dass ein flächendeckendes Erfassen und Prüfen aller Geräte zu einer steigenden Mängelaufdeckung bei Gasgeräten führt. Das bringt dann vermehrte Anfragen in den Fachbetrieben. Zudem werden wir die Hausanschlüsse mit nicht an H-Gas angepassten Gasgeräten vorsorglich sperren müssen. Das könnte Kunden irritieren. Sollte ein Gasgerät nicht an H-Gas angepasst sein, dann würde es im besten Fall bei H-Gas nur auf Störung gehen oder gegebenenfalls Schaden nehmen. Im schlimmsten Fall könnte bei raumluftabhängigen Feuerstätten in den Aufstellraum Kohlenmonoxid (CO) austreten. Bei Gasgeräten mit bestehender L-Gas-Einstellung könnte gegebenenfalls aufgrund des Verbrennungsluftmangels bei Betrieb mit H-Gas keine saubere Verbrennung entstehen. Das sollte man dem Kunden deutlich sagen. Wir sperren nie ohne Grund, sondern um den Kunden zu schützen.

IKZ-HAUSTECHNIK: Werden Sie dann nach der Kehr- und Überprüfungsordnung (KÜO) prüfen?
Janßen: Nein, wir prüfen nach G 680 und G 676 B1 des DVGW. Wir bemängeln daher ein Gasgerät beispielsweise bereits ab 300 ppm CO unverdünnt, wir haben hier keinen Spielraum. Sperrungen werden wir ab 1000 ppm CO unverdünnt vornehmen müssen. Im Gegensatz zur KÜO lässt uns der DVGW keinen Entscheidungsspielraum.

IKZ-HAUSTECHNIK:
Das klingt so, als würde es für SHK-Unternehmen in dem Zusammenhang auch zu Aufträgen kommen?
Janßen: Davon gehen wir aktuell aus. Die von uns beauftragten Umstellfirmen dürfen beispielsweise Gasgeräte weder anbieten noch verkaufen. Diese Umsatzpos­ten bleiben daher immer bei dem SHK-Handwerk. Auch das Instandsetzen und die Wartung übernehmen immer SHK-Unternehmen. Monteure, die im Auftrag von EWE Netz arbeiten, üben beim Kunden nur vier Tätigkeiten aus: Gasgeräte erfassen und prüfen sowie Umrüstsätze für H-Gas bestellen und installieren. Der Kunde wählt sein SHK-Unternehmen natürlich weiterhin frei aus. In der Regel wird es dann der ihm bekannte „Installateur“ aus seiner Region sein.

IKZ-HAUSTECHNIK: Über 40 Gasnetzbetreiber stellen Kunden auf H-Gas um, hätten nicht grundsätzlich auch SHK-Unternehmen dieses Projekt jeweils in ihrer Region übernehmen können?
Janßen: Ohne Zweifel ja, über die Qualifikation und Erfahrung verfügen SHK-Unternehmen mit Sicherheit. Der Gesetzgeber hat uns innerhalb des Energiewirtschaftsgesetzes diese Herausforderung aufgetragen. Gerissen haben wir uns nicht darum. Aber es ist sicher der bes­te Weg, diese Verantwortung je Region zentral einem einzelnen Partner steuernd zu übertragen. Bis 2029 müssen alle Gasverbraucher zwingend an H-Gas angepasst sein. Allein bei uns sind es geschätzte 700 000 Geräte. Dieser steuernde Partner braucht dann auch direkten Zugriff auf alle Kunden- und Gerätedaten, auf die Terminplanungen, auf die Monteure. Natürlich braucht er auch Zugriff auf die Logistik beim Bestellen aller
H-Gas-Umrüstsätze. Diese Original-Bauteile liefern Buderus, Brötje, Junkers, Vaillant, Viessmann & Co. Gefragt sind aber auch die Hersteller gasbetriebener Herde, Wäschetrockner, Durchlauferhitzer usw. Wir brauchen alle Umrüstsätze zur richtigen Zeit, in der richtigen Menge, beim richtigen Monteur. Und natürlich beim richtigen Kunden. Bis zu 1500 Kundenbesuche pro Tag werden wir so bewältigen müssen.

IKZ-HAUSTECHNIK: Das hört sich nach einer komplexen Aufgabe an …
Janßen: Wir freuen uns auf diese Aufgabe. Darauf, unsere Region auch bei diesem Thema zukunftsfähig halten zu dürfen. Wir geben aber gerne zu, dass wir auch Respekt vor dieser Aufgabe haben. Bei jedem Kunden müssen wir bis zu viermal ins Haus, bei einer immer vielfältigeren Gesellschaft. In der Regel wird dafür mit dem Kunden zuvor ein Termin vereinbart. Bei uns werden es so bis zu 195 000 Kundenbesuche pro Jahr sein, wir rechnen mit rund 20 000 unterschiedlichen Gasgeräte-Typen. Vermutlich ist sich jeder betroffene Netzbetreiber im Klaren darüber, dass nicht immer alles glatt laufen wird. Die Erdgasumstellung ist potenziell mit Kunden-Ärger, negativen Schlagzeilen und eventuell sogar mit rechtlichen Problemen verbunden. Vielleicht ist es daher auch sogar sinnvoll, dass sich nicht jedes einzelne SHK-Unternehmen mit der Erdgasumstellung so intensiv beschäftigen muss, wie wir jetzt. Stattdessen kann es sich weiterhin auf sein erfolgreiches Kerngeschäft und seine Kunden konzentrieren. Umso wichtiger ist es für uns wiederum, dass wir das SHK-Handwerk als vertrauensvolle Partner weiterhin eng einbeziehen. Übrigens natürlich auch die zuständigen Schornsteinfeger-Innungen und deren Mitglieder.

IKZ-HAUSTECHNIK:
Wie planen Netzbetreiber die Erdgasumstellung in der Praxis umzusetzen?
Janßen: Wie die meisten Netzbetreiber, so haben auch wir unsere Region in überschaubarere Bezirke unterteilt, die wir nacheinander umstellen. Über 100 sind es bei uns, mit jeweils maximal rund 10 000 Haushalten. Zu einem festen Stichtag müssen jeweils alle Gasgeräte eines kleinen Bezirks an H-Gas angepasst sein. Nur dann können wir in diesem Bezirk die Netze mit H-Gas fluten und zum nächs­ten übergehen. So lässt sich der gesamte Zeitplan einhalten, der uns unter anderem durch das faktische Ende des Exports aus den Niederlanden ab 2029 vorgegeben wird.

IKZ-HAUSTECHNIK: Wie viele Monteure setzt EWE Netz für diese Aufgabe ein?
Janßen: Bei uns werden es in Höchstzeiten 170 - 200 Monteure sein. Ganz wesentlich setzen wir auf das Know-how von SHK-Unternehmen. Die Größe des Projekts verpflichtete uns zu einer EU-weiten Ausschreibung. Gewonnen haben wir auf diese Weise Partner, deren Mitarbeiter für uns als Umstellmonteure das Erfassen und Anpassen aller Gasgeräte verantworten. In einigen Fällen sind diese Partner keine SHK-Unternehmen, sie kooperieren dann aber ihrerseits in der Regel mit SHK-Unternehmen.

IKZ-HAUSTECHNIK:
Können diese Monteure parallel noch im normalen Tagesgeschäft ihrer SHK-Arbeitgeber arbeiten?
Janßen: Wir gehen davon aus, dass wir alle beauftragten Ressourcen für die nächs­ten zehn Jahre benötigen werden. Für weitere Tätigkeiten werden die Monteure keine Zeit mehr finden.

Bilder: EWE

www.ewe-netz.de


 

Was sind L- und H-Gas und warum wird umgestellt?
Große Teile Deutschlands werden aktuell mit L-Gas versorgt, das aus deutscher und niederländischer Förderung stammt. Die Kapazitäten dieses speziellen Gases sind jedoch bereits rückläufig. Nach aktuellem Stand wird ab 2029 kein niederländisches L-Gas mehr nach Deutschland fließen. Daher stellen alle betroffenen
L-Gasnetzbetreiber jetzt auf das langfristig verfügbare H-Gas um, das vorrangig aus der Nordsee sowie Russland stammt und dessen Vorkommen auf Jahrzehnte als gesichert gilt. Bei den zwei Gassorten liegt der Unterschied in der Qualität:
H-Gas (High Calorific Gas) hat einen höheren Methangehalt und setzt daher bei der Verbrennung mehr Energie frei als L-Gas (Low Calorific Gas). An diese neue Gasqualität müssen die Gasnetzbetreiber alle gasverbrauchenden Geräte anpassen, um auf diese Weise die Zukunftsfähigkeit ihrer Region zu sichern.

 


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