Zentralverband: Gestalten statt verwalten
Politik, Ausbildung und Digitalisierung bestimmten die ZVSHK-Mitgliederversammlung
Wer bei der Mitgliederversammlung des Zentralverbands Sanitär Heizung Klima (ZVSHK) Ende Juni vor allem Formalien und Berichte erwartete, wurde schnell eines Besseren belehrt. Zwar standen Jahresrechnung, Beschlüsse und Verbandsorganisation auf der Tagesordnung, die eigentliche Dynamik entwickelte sich jedoch an anderer Stelle. Die Delegierten diskutierten über die politischen Rahmenbedingungen der Wärmewende, über die Zukunft der beruflichen Bildung und über die Frage, wie Digitalisierung und Künstliche Intelligenz (KI) das SHK-Handwerk künftig verändern werden.
Politische Verlässlichkeit statt neuer Debatten
Den inhaltlichen Auftakt setzte Präsident Michael Hilpert mit seiner Begrüßungsrede. Im Mittelpunkt stand die Forderung nach mehr Respekt für Unternehmerinnen und Unternehmer, „die Verantwortung übernehmen, ausbilden und investieren“. Gerade sie seien es, die das Land wirtschaftlich trügen – und dennoch zunehmend mit Bürokratie, wechselnden gesetzlichen Vorgaben und fehlender Planungssicherheit konfrontiert würden. Dabei zeichnete Hilpert ein differenziertes Bild der aktuellen Marktlage. Die wirtschaftliche Stimmung habe sich zwar eingetrübt, viele Betriebe verfügten jedoch weiterhin über eine solide Auslastung. Sorgen bereiteten vor allem zurückhaltende Investitionen privater Hauseigentümer und die anhaltende Unsicherheit über die politischen Rahmenbedingungen. Besonders deutlich wurde dies am Beispiel der Wärmewende. Das SHK-Handwerk habe sich, so Hilpert, nie gegen den klimapolitischen Umbau des Gebäudebestands gestellt. Im Gegenteil: Ohne die Fachbetriebe werde diese Transformation nicht gelingen. Gleichwohl machte er deutlich: „Die Wärmewende findet nicht in Ministerien statt. Sie findet in unseren Betrieben statt. Sie findet in den Heizungskellern unserer Kunden statt.“ Entscheidend sei, Vertrauen zurückzugewinnen. Nicht moderne Heiztechnik verunsichere Eigentümer, sondern ständig wechselnde politische Diskussionen. „Planungssicherheit entsteht nicht durch immer neue Debatten. Planungssicherheit entsteht durch Verlässlichkeit“, so Hilpert.
Der Verband verschafft sich Gehör
Dass die Stimme des SHK-Handwerks in Berlin zunehmend Gewicht erhält, machte Hauptgeschäftsführer Daniel Föst in seinem Bericht deutlich. Der ZVSHK werde inzwischen regelmäßig zu öffentlichen Anhörungen des Bundestages eingeladen – ein sichtbarer Erfolg kontinuierlicher Interessenvertretung. Gleichzeitig stellte Föst klar, dass sich der Verband auch organisatorisch weiterentwickeln müsse. „Digitalisierung, schlankere Abläufe und schnellere Entscheidungsprozesse sind Voraussetzungen, um die Landesverbände und Innungen künftig noch wirksamer zu unterstützen und auf politische Entwicklungen flexibel reagieren zu können.“ Ziel sei ein moderner, leistungsfähiger Verband, der seine Mitglieder mit zeitgemäßen Dienstleistungen begleitet und ihre Interessen entschlossen vertritt.
Als Beispiel für den politischen Einfluss nannte Föst das Gebäudemodernisierungsgesetz (GModG). Der ZVSHK habe sich frühzeitig in das Gesetzgebungsverfahren eingebracht und bereits wichtige Änderungen erreicht. So seien die ursprünglich vorgesehenen, deutlich strengeren Vorgaben für Holzfeuerungen nach Intervention des Verbandes entschärft worden. Aus Sicht des ZVSHK wäre diese Technologie andernfalls faktisch vom Markt ausgeschlossen worden.
Darüber hinaus beschäftigten die Delegierten weitere energie- und ordnungspolitische Themen. Diskutiert wurden unter anderem die wirtschaftlichen Folgen der geplanten Änderungen im Fernwärmerecht sowie der Stand der Klage der hessischen Handwerkerschaft gegen die Stadt Kassel. Beide Beispiele machten deutlich, wie unmittelbar politische und rechtliche Entscheidungen die tägliche Arbeit der SHK-Betriebe beeinflussen. Umso wichtiger sei es, so Föst, „dass der Verband seine politische Interessenvertretung weiter ausbaut und gleichzeitig seine eigene Organisation zukunftsfähig aufstellt.“
Qualität sichern – aber neue Wege nicht ausblenden
Einen breiten Raum nahm die Diskussion über die Zukunft der beruflichen Bildung ein. Ausgangspunkt war die Frage, wie das SHK-Handwerk auf steigende Durchfallquoten, Ausbildungsabbrüche und den anhaltenden Fachkräftemangel reagieren kann. Im Mittelpunkt stand dabei die Überlegung, ob neben der Ausbildung zum Anlagenmechaniker eine zusätzliche Ausbildung auf niedrigerer Stufe künftig zusätzliche Zugänge zum Beruf eröffnen könnten. Auch andere Entwicklungen wie Teilqualifikationen beziehungsweise modulare Qualifizierungsbausteine werden dazu in den Blick genommen. Hans-Werner Eschrich (Vorstand Berufsbildung), stellte gleich zu Beginn klar, dass es ausdrücklich nicht um eine Vorentscheidung gehe. Vielmehr solle die Diskussion dazu dienen, Argumente zu sammeln und den Verband frühzeitig auf bildungspolitische Entwicklungen vorzubereiten. Hintergrund sei, dass entsprechende Modelle auf Bundes- und Europaebene bereits diskutiert würden und sich das SHK-Handwerk rechtzeitig positionieren müsse.
Ein Teil der Delegierten sah in den Vorschlägen die Chance, zusätzliche Zielgruppen für das Handwerk zu gewinnen. Insbesondere junge Menschen mit sprachlichen Defiziten oder Lernschwierigkeiten könnten so schrittweise an einen Berufsabschluss herangeführt, Ausbildungsabbrüche reduziert und zusätzliche Fachkräfte gewonnen werden.
Dem standen Bedenken gegenüber. Viele Delegierte warnten eindringlich davor, das hohe Qualifikationsniveau des Anlagenmechanikers SHK zu gefährden. Der Tenor der Diskussion lautete: „Wir haben viele Jahre dafür gekämpft, dass unser Gesellenabschluss diese gesellschaftliche Anerkennung besitzt. Das dürfen wir nicht aufs Spiel setzen.“ Befürchtet wurden nicht nur eine mögliche Abwertung des Berufsbildes und tarifliche Unsicherheiten, sondern auch die Gefahr, Absolventen mit weniger qualifiziertem Abschluss dauerhaft zu stigmatisieren. Ebenso wurden die organisatorischen Auswirkungen auf Berufsschulen und überbetriebliche Ausbildungsstätten kritisch hinterfragt.
Selbstkritisch richtete sich der Blick jedoch auch auf die Betriebe. Mehrere Delegierte machten deutlich, dass die Ursachen von Ausbildungsproblemen nicht allein bei den Auszubildenden lägen. Vielmehr müsse auch die Qualität der betrieblichen Ausbildung stärker in den Fokus rücken. „Wir haben viele Betriebe, die ausbilden – aber nicht wirklich ausbilden“, brachte es ein Delegierter auf den Punkt. Diskutiert wurden deshalb unter anderem eine engere Zusammenarbeit zwischen Betrieben und Berufsschulen, eine stärkere Qualifizierung der Ausbilder, frühzeitige Unterstützung bei schulischen Problemen, Sprachförderung sowie standardisierte Eignungstests für Ausbildungsbewerber.
Am Ende der Debatte zeichnete sich Konsens ab. Bevor über Veränderungen an der Ausbildungsstruktur entschieden werde, müsse zunächst belastbar ermittelt werden, ob und in welchem Umfang in den Betrieben tatsächlich Bedarf für Beschäftige besteht, die unterhalb des Anlagenmechanikers SHK qualifiziert sind. Deshalb soll zunächst eine Befragung der Innungen und Fachbetriebe erfolgen. Gleichzeitig will der ZVSHK die bildungspolitischen Entwicklungen weiterhin aktiv begleiten und seine Position auf einer fundierten Datenbasis weiterentwickeln.
Tradition bewahren, Zukunft gestalten
Neben den politischen und bildungspolitischen Debatten traf die Mitgliederversammlung auch Entscheidungen, die auf den ersten Blick kleiner erscheinen mögen, für einzelne Berufsgruppen innerhalb der SHK-Organisation jedoch eine hohe Bedeutung besitzen. Dazu gehört die Zukunft des Branchenpreises „Ofenflamme“. Nachdem sich die Ausstellungslandschaft in den vergangenen Jahren grundlegend verändert hat, war unklar geworden, in welchem Rahmen der traditionsreiche Wettbewerb künftig stattfinden soll. Die Sorge vieler Betriebe: Der Preis könnte seine Heimat innerhalb der SHK-Organisation verlieren. Für Andreas Müller stand dies jedoch nie zur Diskussion. Die „Ofenflamme“ ist weit mehr als eine Auszeichnung, machte er deutlich. Sie würdige handwerkliche Kreativität und höchste Ausführungsqualität und genieße längst internationale Anerkennung. Gerade deshalb müsse sie auch künftig in Verantwortung des Zentralverbandes bleiben.
Die Delegierten folgten dieser Argumentation einstimmig. Künftig soll der Wettbewerb weiterhin vom ZVSHK organisiert werden und im Rahmen regionaler Veranstaltungen stattfinden. Gleichzeitig soll der internationale Charakter weiter ausgebaut werden. Neben deutschen Teilnehmern sollen über eine Einbindung der europäischen Schwesterverbände künftig verstärkt auch Betriebe aus Österreich, Südtirol und der Schweiz angesprochen werden.
ISH 2027: Die Weltleitmesse entwickelt sich weiter
Im weiteren Verlauf gab Müller einen Ausblick auf die kommende ISH. Rund neun Monate vor Messebeginn seien die Vorbereitungen bereits weit fortgeschritten. Dabei werde das Konzept der Weltleitmesse konsequent weiterentwickelt. Im Mittelpunkt stehen künftig noch stärker konkrete Anwendungsfelder und Lösungen für unterschiedliche Zielgruppen. Gleichzeitig soll die digitale Begleitung der Messe ausgebaut werden. Mit dem sogenannten „Knowledge Hub“ entstehen zusätzliche Möglichkeiten, Inhalte über den eigentlichen Messebesuch hinaus verfügbar zu machen. Müllers Fazit: „Für den ZVSHK bleibt die ISH weit mehr als eine Produktschau. Sie ist die internationale Bühne des SHK-Handwerks – und zugleich ein Ort, an dem Politik, Industrie und Handwerk miteinander ins Gespräch kommen.“
ConnectingHeat soll Treffpunkt der Branche werden
Noch stärker auf den fachlichen und politischen Austausch ausgerichtet ist die Wärmekonferenz ConnectingHeat, die im Oktober in Berlin stattfindet. Geschäftsführer Daniel Föst stellte das Format als zentrale Dialogplattform des Verbandes vor. Der erste Veranstaltungstag widmet sich den technischen und wirtschaftlichen Herausforderungen der Wärmewende. Diskutiert werden unter anderem Fragen zur Marktentwicklung der Wärmepumpe, zu Biomasse und zu den politischen Rahmenbedingungen der Gebäudemodernisierung. Am zweiten Tag soll der Austausch mit Vertreterinnen und Vertretern aus Politik und Verwaltung im Mittelpunkt stehen.
Der Verband verfolgt damit ein klares Ziel: Die Expertise des SHK-Handwerks soll frühzeitig in politische Entscheidungsprozesse einfließen und gleichzeitig den fachlichen Dialog innerhalb der Branche stärken. „Je mehr Präsenz wir auf dieser Veranstaltung zeigen, desto wichtiger wird sie für unsere Branche“, warb Föst für eine breite Beteiligung der Innungen und Landesverbände.
KI soll den Kundendienst effizienter machen
Dass Zukunftsthemen längst nicht mehr nur Schlagworte sind, zeigte schließlich das Forschungsprojekt „Meisterwärme“, das Dr. Henning Gandesbergen den Delegierten vorstellte. Das vom Bundeswirtschaftsministerium geförderte Projekt verfolgt ein ehrgeiziges Ziel: Mithilfe Künstlicher Intelligenz sollen Service- und Wartungsprozesse im SHK-Handwerk deutlich effizienter werden. Im Mittelpunkt steht ein intelligentes Assistenzsystem, das den gesamten Ablauf eines Kundendiensteinsatzes unterstützt – von der telefonischen Störungsmeldung über die Einsatzplanung bis hin zur Dokumentation und Abrechnung. Sprachassistenten sollen Kundenanfragen strukturiert erfassen, vorhandene Daten auswerten und bereits vor dem Einsatz Hinweise auf mögliche Fehlerursachen liefern. Auf dieser Grundlage könnte künftig der passende Mitarbeiter mit den richtigen Ersatzteilen und Werkzeugen disponiert werden. „Ziel ist die Reduzierung unproduktiver Tätigkeiten“, erläuterte Gandesbergen. Die eigentliche handwerkliche Arbeit solle wieder stärker in den Mittelpunkt rücken.
Erhebungen zufolge sind heute durchschnittlich mehr als drei Anfahrten erforderlich, bevor ein Kundendienstfall vollständig abgeschlossen werde. Hier setzt das Projekt an. Gelingt es, Diagnosen bereits im Vorfeld zu verbessern, könnten Fahrzeiten reduziert, Abläufe beschleunigt und Fachkräfte effizienter eingesetzt werden. Besonderen Wert legt der ZVSHK dabei auf die enge Zusammenarbeit mit den Fachbetrieben. Das System soll nicht am Reißbrett entstehen, sondern gemeinsam mit der Praxis entwickelt und erprobt werden. „Je mehr Betriebe sich beteiligen, desto besser wird das Ergebnis“, warb Gandesbergen für eine Mitarbeit im Projekt.
Schlussbemerkung
Die Berliner Mitgliederversammlung war weit mehr als die Abarbeitung einer Tagesordnung. Sie zeigte einen Verband, der seine Rolle neu definiert. Natürlich bleiben die politische Interessenvertretung und die klassischen Aufgaben einer Berufsorganisation zentrale Pfeiler der Verbandsarbeit. Gleichzeitig richtet der ZVSHK den Blick deutlich weiter nach vorn. Ob Wärmewende, Fachkräftesicherung, Digitalisierung oder Künstliche Intelligenz – in allen Bereichen versteht sich der Verband zunehmend als Mitgestalter. Dabei setzt er auf den Dialog mit Politik, Wirtschaft und Wissenschaft ebenso wie auf den Erfahrungsschatz seiner Innungen und Fachbetriebe.